Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-13 · Heft 24 (13.6.1902) · p. Seite 286

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 24 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
Seite 286 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228498--58740-3295209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

286 „Kill," vorgekommen war, bot Stoff für einen ganzen Tag, zuweilen auch für mehrere. In einer kleinen alten Gemeinde wirkte ein durch seinen Witz und seine schlagfertigen Antworten berühmter Rabbiner. Dabei zierte ihn auch die größte Bescheidenheit, die ihn veranlaßte, in seiner Antrittsrede unter anderem zu sagen, „daß ihm ein zu guter Ruf vorangegangen sei: er sei nicht klug, nicht gelehrt, kein guter Redner u. s. w." „Herr Rabbiner," sagte kurz darauf ein junger unbedeutender Kandidat zu dem großen Manne: „Ihre Worte haben so großartigen Beifall gehabt, darf ich in meiner Antrittsrede dasselbe sagen?" „O ja," lautete die Antwort, „sagen dürfen Sie's — aber Ihnen wird man's glauben!" Demselben Rabbiner stellte sich einmal nach einer Sabbathpredigt ein Buckliger in den Weg: „Herr Rabbiner," rief er ihm erregten Tones entgegen, „Sie haben heute gepredigt: Gott hat alles wohlgemacht; bin ich vielleicht auch wohlgemacht?" „Gewiß," lautete die trockene Antwort, „für «inen Buckligen seid Ihr ganz wohlgemacht." Da hatten wir in unserer Gemeinde einen Lehrer, dessen Humor und köstlicher Witz sprüchwörtlich geworden, und dessen Unterrichtsstunden für uns immer zu Festtagsstunden wurden, selbst dann noch, wenn er zornerfüllt „Gotts Donner soll.dich verschlagen!" ansrief; wußten wir ja doch, daß der über alles verehrte Lehrer G. nie selbst schlug, sondern ruhig alle Prügel „Gotts Donner" überließ. Zu jener Zeit war es auf dem Lande Sitte, daß jeder Prüfung in der Schule auch der katholische Erzpriester beiwohnte. Selbstverständlich hatte man vor diesem hohen geistlichen Würdenträger eine heillose Angst, die uns sicher auch daran hinderte, die Komik herauszusinden, die in der alljährlich und bei jeder Prüfung mit minutiösester Genauigkeit von Seiner Eminenz vorgebrachten Frage lag: „Nun sage mir noch mein Kind, in welchem Kleidungsstück geht denn die Sonne unter?" Darauf verblüfftes, verlegenes Schweigen des angerufenen Schülers und die mit schmunzelndem Lächeln von Sr. Eminenz selbst gegebene Antwort: „Nun im Westen, mein Kind, die Sonne geht stets in der Weste unter!" Der Hochwürdige hat die Gepflogenheit, die Schüler selbst aufzurufen. Und so schlägt er denn einmal das Buch auf und ruft als erste zu prüfende „Kaja Groß" auf. — Lähmender Schreck ergreift die Klasse! Wir zittern für die Ehre unserer Schule, denn Kaja Groß ist die schlechteste Schülerin, und ihr Wissen genügt nicht einmal für den Unterlehrer, viel weniger denn für einen Erzpriester! Entsetzt richten sich unsere Blicke zuerst nach der Stelle hin, wo in all ihrer Unfähigkeit Kaja Groß sitzt, und mit Bangen sehen wir der tödtlichen Blamage entgegen — da erhebt sich Oberlehrer G., und sich vor dem Erzpriester verneigend, ruft er mit lauter Stimme: „Kaja Groß — gestorben!" „Armes Mädchen!" sagt wehmüthigen Tones der Priester — wir aber und vor allem die tobte „Kaja Groß" können uns kaum zurückhalten, mit einem Gelächter herauszuplatzen. Allein nicht nur in der Schule bewährte sich der allzeit schlagfertige Witz unseres Lehrers, auch in der Kille verbreitete sein stets svnniger Humor die angenehmste Fröhlichkeit. Da er mit köstlichem Witz zuweilen aber auch boshaften Spott vermengte, war es selbstverständlich, daß ihm dies zahlreiche Feinde zuzog, die jedoch dem allzeit gefälligen Manne nie langgram bleiben konnten. Da begegnet er einer laut heulenden Frau in der Gasse: „No Resel warum wanst Du?" „Ich bet' Dich, Herr Lehrerlebei, is wohr, daß der Rabbiner weg wird af Wien" . . . und ans die bejahende Antwort erneutes Heulen und Wehklagen: „We,> über mir! Un wenn ich wer sterben, wer wird mer die ganze Musik machen, wer wird mer e so e fcheene Drusche halten".. — „Du starb nur erst, Resel, die Musik wern mer der schon machen." Lange konnte ihm Frau Resel diese Antwort nich! verzeihen. Lehrer G. war auch der Dichter unserer Gemeinde, um um Hochzeitsgedichte wurde er ebenso oft angegangen wie uin Grabinschriften, die ihm dann reichlich Gelegenheit gaben seinen kaustischen Witz anzuwenden. Einmal jedoch sollte ihin dies schlecht bekommen. Gegen ziemlich hohes Honorar hatte er zugesagt, für einen nicht sehr würdigen Gemeindeangehörigen eine passende In schrift zu verfassen, und er schuf sie — aber passender als nur denkbar, sie lautete: „Hier hat geschlossen Iainkef Trinker den Lebenslans — ich bet' Euch, gehts nur nix mit Branntwein vorbei — wenn nit, steht er wieder auf." Und die Familie des seligen Trinkers zählte von da ab zu den gehässigsten Feinden G.'s, deren er trotz seiner Unentbehrlichkeil in der Kille zahlreiche hatte. Auch die Gattin unseres Lehrers, eine herzensgute, fromme Frau, verfügte über einen gesunden Humor und konnte durch ihre heiteren Einfälle ganze Kreise unterhalten. Eine Frau jedoch, die sich auf ihr Erzählertalent sehr viel zu Gute that. konnte ihr lange nicht verzeihen. Das kam so: Mit gewohntem Pathos und hochtrabenden Redensarten berichtete die phantasiebegabte Erzählerin über eine Geistergeschichte, die im Orte vor Jahren, als die Cholera wüthete. vorgekommen war. Da war ein Todter auferstandrn und im Leichenhemde seiner treulosen Gattin erschienen — eiskalt über lief es die Zuhörer, und mit klopfendem Herzen lauschten Alle dem Fortgang des gräßlichen Erlebnisses. „Ja, aus dem Grabe bin ich herausgestiegen, um dich zu strafen" — „Aber Julie, solche Schrei thut e Todter!" fiel hier Frau G. ein, und schallendes Gelächter belohnte die sehr zutreffende Bemerkung; aber uni den großartigen Effekt war die Geisterbeschwörerin diesmal gebracht. Einst errettete ihre Geistesgegenwart Frau G. aus einer wirklichen Gefahr. Wieder einmal war der Pöbel gegen die Juden aufgehetzt, und für eine Weile war es für jeden Juden ein Wagniß, mit einem dieser Wüthenden zusammenzutreffen. Da, während eines erfrischenden Bades, das Frau G. an entlegener Stelle unseres „kleinen Bächel" nimmt, tritt Plötzlich ein halb betrunkener Bauer aus dem Gebüsch; zu Tode erschreckt vernimmt die Hilflose seine wüsten Reden und Drohungen — sie sieht sich verloren, aber als wahre, gottergebene Jüdin vertraut sie auf Rettung in der Noch. „Ja, Ihr seids, die verfluchten Juden, Ihr habts den Heiland gekreuzigt! Ihr müßts fort! Fort nach Amsterdam —-." „Mir wern ja," ruft die Geängstigte, „aber sag, kann ich sofort nach Amsterdam, ich muß mich doch erst zu Haus anziehen." Das leuchtete dem Betrunkenen denn auch voll-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.