Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- Seite 284 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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284 War die besondere Fähigkeit der Aufnahme dieses Gottesgedankens bei den Juden vorhanden? Fielen die Juden nicht immer und immer wieder in die Vielgötterei zurück? Schon in der Wüste griff Moses zum Hilfsmittel der Schlacht, um die Juden zum Beten zu veranlassen. Das goldene Kalb, die Astarte, selbst der Moloch suchten sich von Zeit zu Zeit im Judenthum breit zu machen. Der Rückfall zur Vielgötterei ist in der Geschichte des Judenthums oft zu verzeichnen, und nur den Bemühungen der geistig Bewußten des Volkes gelang es, oft nur mit Anwendung von Gewalt, die Juden zum Gotte des Moses zurückzuführen. Alles das hat also MoseS nicht gerade zur Wahl dieses Volkes veranlaßt. Nur die Widerstandskraft, Hartnäckigkeit und Zähigkeit der Juden, die er am besten in Aegypten beobachten konnte, veranlaßten ihn zu dieser Wahl. Als Ramses und Pythom gebaut wurden, erkannte Moses, daß dieses Volk, erst vorbereitet zu der Annahme des gewaltigen Gottesgedankens, sicher auch diese Mission durch die Drangsale und Folterqualen der Jahrtausende tragen würde. Auf einer hohen Stufe der Kultur stand das Judenthum noch nicht, als Moses es aus Aegypten führte in das gesegnete Land. Die Juden Plötzlich aus ihren noch im Heidenthum steckenden Anschauungen und Gewohnheiten reißen, war ein Ding der Unmöglichkeit ohne besondere überirdische Erschütterung. Er mußte ihnen die Gottesidee offenbaren, um sie in die Herzen der Juden einzugraben. Seine Sittenlehren und seine sonstigen Vorschriften mußten sich den Anschauungen der Juden in Aegypten so weit wie möglich anpassen. Und was Moses mit den Juden that, thaten die Begründer der christlichen Lehre, als sie die Heiden zu Bekennern dieser mosaischen Gottesidee machen wollten. Christus zeigte seinen Jüngern den Weg, um die Art dieses monotheistischen Religionssystems dem gesammten Heidenthum zu eröffnen. Trotz einiger wesentlicher Zugeständnisse, welche Christus machte, um die Aufnahme dieser hohen Gottesidee dem inkarnirten Hcidenthum zu erleichtern, gab es die fürchterlichsten Kämpfe, und mußten Tausende von Christen den Märtyrertod sterben, ehe der Vertreter des christlichen Gedankens, der Papst in Rom, zu der Machtfülle von heute gelangen konnte. Die Mission des Judenthums ist in ihren wesentlichen Theilen noch nicht erfüllt. Die Kulturvölker haben den Monotheismus durch das Christenthum und den Islam anerkannt, aber noch leben auf der Erde mehr Heiden als Bekenner deS einzigen Gottes! Ebensowenig wie der gebildete Jude an den starren Gebräuchen der Orthodoxie und den veralteten Formen der Vergangenheit festhält, ebensowenig kann er beim Uebertritt zum Christenthum das apostolische Glaubensbekenntniß beschwören, ohne sein Gewissen zu belasten. Wie viel mehr Trost würde die Religion Tausenden gewähren, wenn der Glaube, den die Religion verlangt, sich mit dem wissenschaftlichen Standpunkt des Menschen vereinen ließe! Nur der Gottesglaube des Moses ist mit der Wissenschaft nicht im Widerspruch. Man kann sein Leben nicht mit einer qualvollen Lüge belasten und soll am wenigsten da unwahr sein, wo man Trost und Vertrauen beansprucht, Wahrheit und Lauterkeit sucht: in der Religion. Es giebt aber Christen und Juden, die einen gemeinschaftlichen Glauben haben und die doch verschiedenen Religionsgemeinschaften angehören. Wenn die Religionen ihren Mystizismus fallen lassen und nur die Sittenlehren und den reinen Gottesglauben zu ihrem Dogma machen, so wird die Zeit des Messias, die Erfüllung der Mission des Judenthums, gekommen sein. Bis dahin muß die Humanität, die wahre Menschlichkeit, eine goldene Mittelstraße finden zur Befreiung der Menschheit, zur Erhaltung des göttlichen Friedens auf Erden! Neuere belletristische Fitteratur. /iAxs liegen vor uns zwei Erzählungen, die sich die Aufgabe gestellt haben — wenn man zuerst von der Tendenz reden will — die Psychologie eines jüdischen Knabe» mit all seinen Freuden und Leiden näher zu fassen. Di letzteren überwiegen freilich — und das ist kein Wunder. Di? jüdische Erziehungsart und -weise ist doch im Grunde genommen ein Ueberbleibsel der düsteren Ghettozeiten, wo de? starre Konservatismus und die blinde Begeisterung für die Ideale einer längst dahingeschiedenen Vergangenheit als maß gebende Faktoren erscheinen. So war es vor Zeiten in Deutschland, so ist es heutzutage im Osten. Dort, wo die jüdische Volksmasse und sogar der jüdische Mittelstand nicht vollständig europäisch sind, wo noch das Licht der Erkenntnis! mit den finsteren Mächten ringt, müssen manchmal tragische Konflikte entstehe», und sie sind dann besonders traurig, wenn als Leidende, als mit der Last der Vorurtheile Ueberbürdetc zarte, feinfühlende junge Naturen, die in der überwiegenden Mehr zahl der Fälle im schweren Kampfe unterliegen, als Helden hervortreten. Eine besonders fein durchgeführte und in die Tiefe gehende Darstellung der mißverstandenen Seele eines jüdischen Knaben, der, von seiner Umgebung geplagt, verfolgt und gefoltert, zu Grunde geht, giebt uns die Skizze aus dem jüdischen Kleinstadtleben von Efraim Frisch?) Leo, der zwölfjährige Held der Erzählung, muß dem unbeugsamen Willen seines strengorthodoxen Vaters Folge leisten und tagaus, tagein unter der Aufsicht eines verknöcherten Lehrers die langweiligen alten Folianten studiren. Er muß Gelehrter werden, Rabbiner vielleicht. Es wird ihm keine Freiheit gegeben, und der Vater - ein echter Haustyrann — vor dem Alles zittert und auf Fuß spitzen geht, versteht keinen Scherz. Das Kind aber sehnt sich nach dem freien Leben, nach Licht und Sonne. Es liegt in seinem Naturell eine gewisse Wehmuth, eine gedämpfte Sehn sucht, die in Verschlossenheit und mystische Apathie ausartet, Leo hat keine Kameraden, keine Freunde, kennt kein Spiel, keine Freude — und zu Hause sieht er immer die mürrischen Gesichter; so verdirbt er in der schwülen Atmospäre der ewigen Angst vor dem strengen Vater. Ein dankbarer Boden für konfliktreiche Situationen! Meisterhaft und doch höchst diskret schildert der Verfasser die Vorgänge in der gemarterten Seele des Knaben. Kein Wort der Entrüstung über das verhaßte System, keine tendenziöse Tirade gegen die Quälerei des jugendlichen Schwärmers. Dadurch gewinnt die Erzählung an künstlerischer Wirkung, und man muß die Ereignisse mit regem Mitgefühl verfolgen. Freilich ist die Geschichte an sogenannten Ereignissen nicht besonders reich; es ist ja, wie wir schon bereits hervor- YEsraim Frisch. Das Verlöbniß. Geschichte eines Knabe». Berlin 1902. S. Fischer. — Moriz Hermann. Passah. Erlebnisse einer jungen Seele, Leipzig 1902. H. Seemann Nachfolger.