Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- Seite 283 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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In Verbindung mit diesem Dogma des einzigen Gottes hat Moses eine Morallehre und, auknüpfend an diese, Gesetze politischer und wirtschaftlicher Art dem jüdischen Volk gegeben, welche im alten Testament ursammengestellt sind. Die Morallehre des Judentums beruht auf den zehn Geboten, aus denselben zehn Geboten, auf welchen die Sitten-! hren des Christentums und die Rechtslehren in den modernen Staaten Europas aufgebaut sind. Die zehn Gebote der christlichen Religion sind dem alten Testament entnommen und nur äußerlich geändert, insofern das erste Gebot, als für die christliche Kirche nicht geeignet, weggelassen ist, andere geteilt sind und die Reihenfolge nicht beibehalten wurde. Daß nun der Aufbau und Ausbau auf Grund dieses Fundaments nicht immer de» Ansichten der Jetztzeit entbrechen konnte, wird keinen denkenden Menschen verwundern Gönnen. Vor dreitausend Jahren hatte eben die Menschheit andere Lebensgewohnheiten und Gebräuche als unsere Zeit; unsere Fortschritte auf dem Gebiete des Erkennens der Naturlräfte und das Vergewaltigen derselben zu unseren Zwecken mußten die Menschheit in andere Lebensbedürfnisse und Lebensauffassungen hineindrängen. Trotzdem hat Moses damals schon, fünfzehnhundert Jahre vor Christus, Beobachtungen auf naturwissenschaftlichem und hygienischem Gebiete gemacht, die heute von den Autoritäten auf vielen Gebieten als noch unübertroffen anerkannt werden! (Speisegesetze, Vorschriften bei ansteckenden Krankheiten u. s. w.) Der Ausbau hat sich entwickelt, ist vielseitiger, reicher geworden, das Fundament, die Basis zur Existenzmöglichkeit der menschlichen Gesellschaft, die zehn Gebote sind unerschüttert itehen geblieben. Dieser gewaltige, von göttlicher Urkraft zeugende Gedanke, der uns von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden ist, will Manchem heute, weil ganz selbstverständlich, nicht mehr so groß erscheinen, will uns, weil übermenschlich, an eineOffenbarung glauben lassen. Die zehn Gebote und den Glauben an den einzigen Gott hat auch Christus nicht bei Seite geschoben; auch seine Lehren bauen darauf weiter. Auf einzelne Vorschriften im alten Testament einzngehen, würde hier zu weit führen. Der so oft von den Antisemiten angegriffene Talmud ist weiter nichts als eine Sammlung von Sitzungsberichten der gelehrten Versammlungen und Schulen in Palästina und Babylon. Was von diesen frommen Männern an dialektischen Folgerungen, an spekulativ-philosophischen Reden, an exegetischen Auslegungen der von Moses gegebenen Vorschriften geleistet worden ist, ist da ausgezeichnet. Es sind das sehr scharfsinnige, für Fachmännner hochinteressante, studirenswerthe Disputationen, die für den Leser eine vielleicht nützliche geistige Gymnastik sind - aber auch nicht mehr! Von den Juden in Deutschland, mit Ausnahme der Rabbiner, werden keine hundert existiren, die jemals den Talmud gesehen, viel weniger ihn gelesen haben; von den heutigen Inden werden — leider — kaum 10 Prozent der hebräischen Sprache mächtig sein! Aber weder die Kenntniß noch das Befolgen aller dieser im Talmud, Mischna u. s. w. gegebenen Vorschriften, nicht einmal das Beobachten der Speisegesetze, der rituellen Vor' schriften bildet den integrirenden Theil des Judeuthums, ist noihwendig, um ein Jude zu sein. Wer anders darüber urtheilt, ob Jude oder Christ, hat den Kern des Judenthums nicht erkannt. Jude ist, wer an den einzigen Gott glaubt, der keine Götter neben sich hat, an den einzigen Gott, von dem er sich keinerlei Vorstellung und keinerlei Bild machen soll, über dessen Eigenschaften und Fähigkeiten er nicht Nachdenken soll — denn er ist der Inbegriff aller Vollkommenheiten. Wer Jude ist und die Speisegesetze nicht hält oder nicht in den Tempel geht, oder die vorgeschriebenen Gebete nicht verrichtet, ist kein frommer Jude, aber immerhin ein Jude. Wer die fünf Bücher Moses nicht kennt, den Talmud nie gesehen, die Sprüche Salomos nie gelesen und die Poesien der herrlichen Psalmen Davids nie empfunden hat, ist in Bezug auf seine Religionslehre ein unwissender Jude. Aber doch ein Jude! Der Jude, der die sittlichen und veredelnden Morallehren deS Moses nicht befolgt, der seinen Nächsten, sei er Christ oder Jude, bewuchert, betrügt oder bestiehlt, ist ein schlechter, verbrecherischer Jude, aber ein Jude. Wer aber außer dem einzigen Gott Götzenbilder anbetet, wer den erhabenen Gottesgedanken, wie ihn Moses lehrt, nicht begreift, der ist eben kein Jude. Und verhält es sich mit dem Christenthum anders? Wer die Kirche nicht besucht, das Abendmahl nicht nach Vorschrift empfängt, nicht zur Beichte geht, ist kein frommer Christ, aber ein Christ. Der Christ, der im Neuen Testament nicht bewandert, der die Briefe der Apostel nicht kennt, der die idealen Aussprüche Christi nicht uachempfindet, ist ein in seiner Religionslehre unwissender Christ, aber ein Christ. Wer Christ ist und die feinfühlige Sittenlehre des Neuen Testaments nicht befolgt, wer gegen die zehn Gebote handelt, wer feinen Nebenmenschen, ja seinen Feind nicht liebt wie sich selbst, ist ein schlechter Christ, aber ein Christ. Zu jeder Zeit, selbst als die Juden noch ein selbstständiges Staatswesen bildeten, war das wichtigste Merkmal des Juden das Bekennen des einzigen Gottes. Das Halten aller sonstigen Gebräuche, selbst der Fasttage, ist nebensächlich; wer den diesbezüglichen Vorschriften auf das Peinlichste nachkommt und diese Gottesidee nicht erkennt, ist trotz allen: kein Jude. Das war das übermenschliche, dem Denken Jahrtausende voraneilende Dogma, welches Moses dem Judenthum in i einer Passenden Form beizubringen suchte. Moses erwählte zur Ver. breitung dieser Gottesidee von den ihm bekannten Völkerschaften die Juden, nicht weil Gott sie besonders liebte, nicht weil Gott sie bevorzugen wollte vor anderen Völkern der Erde, nicht weil er sie besonders reif in geistiger Beziehung für diese Idee hielt! Alles das war nicht der Fall! Woher sollten denn die Inden in Aegypten anuehmen, daß Gott sie mehr liebte als andere Völker! Etwa weil sie in der Knechtschaft lebten? Oder war diese Mission der Verbreitung der Gottesidee auf Erden eine Bevorzugung? War das Volk nicht bis heute den schrecklichsten Demüthigungen, Qualen und Beschimpfungen ausgesetzt,§gerade wegen ihrer Religion, gerade wegen dieser noch zu erfüllenden Mission?