Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- Seite 282 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die orthodoxen Richtungen im Christenthum sowohl wie im Judenthum sind im Begriff, ihre Machtstellung, ja ihre Existenz zu verlieren. DaS Hauptkontingent der Orthodoxen in diesen Religionsgemeinschaften wird von der Geistlichkeit und von mit der Kirche in mittelbarer und unmittelbarer Beziehung stehenden Beamten und deren Annexen gestellt. Ihr Beruf ist es, das Dogma, den Kultus und die rituellen Gebräuche der Kirche und des Tempels aufrecht zu erhalten, den Mitgliedern der Gemeinde dieses als Lebeusbedingung darzustellen, weil dieselben auch die Lebensbedingungen für sie selbst bilden. . . . Die jüdische Religion, welche auf der Lehre des Moses aufgebaut, bedarf eines Geistlichen überhaupt nicht. Die Rabbiner, welche nur Gesetzeslehrer waren, haben sich im Laufe der Zeiten zu Lehrern verwandelt, zu Beamten der Gemeinden. Obschon der größte Theil der Juden noch den Gemeinden angehört, hat sich die Mehrzahl der Juden freigemacht von vielen mystischen und veralteten Formen des Kultus. Der Antisemitismus fand in der christlichen Geistlichkeit Nährstoff, weil diese in dem Juden den Skeptiker erkannten, Denjenigen, der es wagte, am Althergebrachten zu rütteln und ihre Macht gewaltig erschüttern konnte. Den religiösen Christen, konnte doch wohl nichts anderes zum Antisemitismus bewegen. Denn Christus war ein Jude und hat seine Lehren auf der Basis des alten Testaments ausgebaut. Ich will hier nicht für den einzelnen Juden das Wort ergreifen, nicht etwa den jüdischen Wucherer vertheidigen, ich will nicht meine Lanze brechen für jene noch immer in mancherlei Vorurtheilen verknöcherten, sich dem gewaltigen Fortschritt der Neuzeit verschließenden Juden, die immer noch ohne Verstäudniß und Ueberlegung an veralteten, unwesentlichen Formen mit Starrsinn festhalten — — aber gegen die Thorheit des Antisemitismus will ich eifern und der erhabenen Philosophie des alten Testaments will ich ein Wort reden. Als Mensch will ich zum Menschen sprechen! An Männer von Verstand, Gerechtigkeitsliebe und Herzensbildung will ich mich wenden, und ihnen die Absurdität des Antisemitismus beweisen. Es dürste vielleicht auch unter den Antisemiten noch vorurtheilsfreie Männer geben, Männer, welche den angeklagten Juden werden hören wollen, ehe sie ihn verbrennen! Oder wollen sie ihn nicht hören, können sie seine Rechtfertigung nicht vertragen, brauchen sie dieses Steckenpferd des Antisemitismus? Gehört der Antisemitismus aus anderen Gründen in ihren Kram? Beinahe will man es glauben!-— Bevor ich gegen eine Richtung des wirthschaftlichen oder politischen Lebens kämpfen will, muß ich vor allem Klarheit über dasjenige zu schaffen suchen, was der Feind anzugreifen beabsichtigt. Wollen die Antisemiten den Kampf gegen die semitische Rasse aufnehmen und diese ausrotten, van dem Erdboden vertilgen, — die Benennung „Antisemiten" verleitet zu dieser Annahme — gilt der Kampf den Semiten, den jüdischen Semiten, deren Religion, deren Sitten und Gebräuchen, oder handelt es sich nur um einen Theil der semitischen Rasse, um die Juden, und zwar um die Juden in Deutschland? Der Kampf gegen die Raffe hat zu den lächerlichsten Konsequenzen geführt; es ist festgestellt, daß trotz der Jahrhunderte langen Abgeschlossenheit der Juden in Deutschland von den Andersgläubigen im Lause der Zeiten eine bedeutende Amalgamirung stattgefunden hat. Es sind Hunderte von jüdischen semitischen Familien zum Christenthum übergetret« „,» die Söhne und Töchter haben christliche Deutsche gehsirathet» haben sich mit bürgerlichen, adeligen und hochadeligen Familie,,I des Landes verbunden, und Viele der Edelsten unserer Natw„» haben auf ihren Stammbäumen einige Früchte, in denen auchl edler semitischer Saft fließt. Ich könnte hier viele Nawen» - edler Geschlechter nennen, die semitische Kreuzungen mann g-> fachster Art bei ihren Ahnen anerkennen müßten! I, Die Antisemiten sahen ein, daß bei der Rassefrage zu v ell der Ihrigen mit angegriffen würden, und das wohl zumeist» hat die Antisemiten veranlaßt, die Rassenfrage fallen zu lasse,,» , und aus der Rassenfrage eine Religionsfrage und wirthschaftlu >c» Frage zu machen. » Vor allem ist eS die Vorstellung der jüdischen Verderbtheit, > der schlechten Beeinflussung, des Hangs zur Verschwendung ,c. I was ins Feld geführt wird. » , Welches Volk ist seit nahezu neunzehnhundert Jahre,,» , mehr geknechtet, verleumdet, beschimpft und mißhandelt worden » als das jüdische? Wie viel Tausende und Abertausende von » , Juden haben die Qualen der Folter erlitten, wie viel Männe - I Frauen, selbst Kinder den Scheiterhaufen bestiegen, ihr Ve,- > mögen und ihr Leben hingeopfert? Wofür das alles! Nur I für ihren Glauben, weil sie Juden waren! Und zerstreu!» über den ganzen Erdball, vertrieben aus ihrem Heünathland I hat trotz aller dieser zerstörenden Faktoren diese Religion? I gemeinschast sich erhalten! I Dieses historische Faktum der Existenz des Judenthum? » allein ist ein Beweis für die moralische Kraft des Judenthums! I Wäre der Jude zwecklos gewesen, läge der Grundzug seine? I Wesens nur im Gelderwerben, im Trachten nach materielle,. I Reichthümern, in der Genußsucht, dann lag es ja in seine- I Macht, dasjenige zu beseitigen, was ihn hinderte, uneingeschränk; I an der Tafel der Großen und Reichen der Erde Theil zu » nehmen. Es war ja dem Juden nicht verboten Christ zu » werden! Nein, zu Zeiten setzte man selbst eine Prämie au, > eine Judentaufe! Als Christ hätte der Getaufte alles, was » an Ehren und Genüssen der Erde geboten war, leichter und » schneller erreichen können, ohne immer und immer wieder » seines Glaubens wegen belästigt zu werden. Das Kennzeicheu I des Juden war aber seine Charakterfestigkeit; häuslicher Sinn D religiöse Tugend, Entbehrung und Enthaltsamkeit waren da? I Panier der Ghettobewohner. I Obschon früher wie heute nur einem kleinen Theil der » Judenheit ein tieferes Eindringen in das Wesen ihrer I Religion möglich war, so hat zu allen Zeiten das Gros des » Judenthums festgehalten an den Lehren der Väter, nicht den > Glauben wie einen alten Rock verkauft, um Reichthum, Titel I und Lebensstellung zu erhalten. Mit alten Röcken haben die > Juden gehandelt — andere Erwerbszweige waren ihnen ver- I schlossen — um das Leben zu fristen; mit seinem Glauben hat > der Jude nie geschachert. Das ist achtenswerth! Das wird > der Christ beim Christen achten und darf es beim Juden nicht » verachten! Und ist denn etwa das Glaubensbekenntniß der Juden zu verachten? Steht die Religionsphilosophie des alten Testamentes niedriger als irgend eines der anderen in Fragen stehenden Religionssysteme? Nein, und wieder nein! Wir alle sind nur Menschen und können eben nur menschlich denken, auch schließlich nur menschlich glauben. Der Glaube an den einzigen, unfaßbaren Gott durchzieht das Christenthum, den Moham-