Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- Seite 280 (sequence 6)
- Language
- German
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280 am 17. Februar j. I. wurden alle früheren Privilegien der Juden aus den Jahren 1392 und 1422 erneuert; gleichzeitig wurde der Beschluß gefaßt, daß nicht nur die Nachkommen der vertriebenen Juden, sondern auch die Juden aller Länder sich in Portugal und seinen Kolonien ansiedeln und dort im Genüsse freier Religionsübnng wohnen dürfen. „Wir haben einen großen Akt der Unbilligkeit in unserer Geschichte wieder gut zu machen," sagte der König Pedro V., als er 1858 die Synagoge der portugiesischen Juden in Amsterdam besuchte. Das ist nun geschehen. In Lissabon befindet sich bereits eine ansehnliche jüdische Gemeinde; sie hat nun auch die erste große Synagoge auf der pyrenäischen Halbinsel erbaut. Die Gemeinde zählt 300 Familien, von denen einige zu den angesehensten der Stadt gehören. In Spanien haben es die Juden noch nicht so weit gebracht. Zwar ist nach dem Gesetz vom 11. September 1875 auch dort die freie Religionsübnng gestattet, und in Madrid leben viele und angesehene Juden; ja, während der Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien hat man von Spanien aus wiederholt die Aufforderung ergehen lassen, die Emigration dorthin zu befördern. Aberder öffentlichen Religionsübung hat man dort doch noch immer Schwierigkeiten bereitet. Portugal hat seine Schuld früher gesühnt. Einer der Portugiesischen Exulanten, Josef Pen^o, hat im Jahre 1673 das erste hebräische Drama unter dem Titel: ^ssiis ba-llilrvvad, das heißt: „Die Gefangenen der Hoffnung" im Druck erscheinen lassen. Die neue Synagoge zu Lissabon führt den Namen: Leliaare-Iig-Itlcurali, das heißt: „Die Pforten der Hoffnung". Das Walten Gottes in der Weltgeschichte wird dem gläubigen Gemüthe wahrhaft sichtbar, wenn die einstigen Gefangenen der Hoffnung nunmehr frei durch die Thore der Hoffnung in das erste israelitische Gotteshaus auf der pyrenäischen Halbinsel wieder einziehen. 4. Der neue russische Kultusminister Senger hat sich beeilt, Farbe zu bekennen und den russischen Juden, welche hier und da sich thörichten Hoffnungen hingegeben haben, zu zeigen, daß er in Bezug auf die Juden in keiner Hinsicht hinter seinem Vorgänger, dem General Wannowski, zurückzubleiben gedenkt. Vor allein hat er mittheilen lassen, daß er nicht daran gedacht hat, in Betreff der Zulassung der Juden in die Mittelschulen irgend welche Aenderungen zu treffen. Zum Beweis dessen wurden in vielen Gymnasien den jüdischen Aspiranten ihre eingereichten Papiere mit der Bemerkung zurückgegeben, daß Juden in diesem Jahre überhaupt nicht ausgenommen werden, da die 10 Prozent bereits erreicht sind. Es bedeutet dies einen weiteren Fortschritt auf dem Wege der Ausschließung der Juden aus dem Schulunterricht. Selbst unter dem Erzantisemiten Wannowski wurden zur Ausnahme ins Gymnasium sich meldende Schüler nicht von vornherein zurückgewiesen, sondern es wurde erst abgewartet, ob sich nicht vielleicht eine genügende Zahl christlicher Schüler melden werden. Dieselbe Praxis wie in den Gymnasien wird jetzt auch auf den Universitäten eingeschlagen. Auch hier werden nicht erst die Resultate der sich zur Immatrikulation Meldenden abgewartet, sondern brevi manu erklärt man. daß jüdische Studenten in diesem Jahre auf keine Ausnahme zu rechnen haben. Wenigstens ist das bereits von der Universität Moskau bekannt. Die Bemühungen der russischen Behörden, die Juden von jeder Bildung auszuschließen, erstrecken sich selbst auf die alleruntersten Unterrichtsanstalten. So werden im Lehrbezirk Warschau sogar neue Melamdim nur unter der seltsamen Bedingung konzessionirt, daß diese sich vsr pflichte», in ihren Cheders nur hebräisch, russisch und Religw: zu lehren, Rechnen, Geographie und Geschichte dürfen d« Melamdim im Cheder bei Strafe der Konzessionsentziehrnu nicht unterrichten. Die jüdischen Kinder könnten sich finf eine zu große Bildung aneignen und dem unwissenden „Edel volk", der vielgeliebten strenggläubigen Russen im Kamps ums Dasein gefährlich werden. Brief aus Oesterreich. Ende Mai 1902 /^^ie Wiener Gemeinde ist erwacht und hat eingesehen, das; es so wie bisher nicht weitergehen könnte. Nicht M (F) ob dieses Sichaufraffen der Durchführung eines großen Planes gelte, wie man den das Judenthum so vielfach bedrückenden sozialen Uebeln abhelfen könnte; es fil eint, das man diese Abwehr ganz anderen Faktoren vollständig überlassen wolle. Aber da man vor allem für den Kultus z» sorgen hat, und der Vertreter des Kultus dann doch trotz aller Gesetzesparagraphen, die etwas ganz anderes sagen, der Rabbiner ist, hat man urplötzlich erkannt, daß es mit den Herren Rabbinern in der Groß gemeinde nicht ganz so bestellt ist, wie es sein sollte, und die Retter des Judenthums — und wer wollte heute das Judenthum nicht retten, — meinen nun die für das Judenthum erlösende That bestehe darin, daß nun! zwei Rabbinerposten ausschreibe. Auf nun. Alle, die ihr hungrig seid, nach den fetten Pfründen, auf, und lasset euch hören bei dem gewaltigen Rednerturnier! Suchet eurre geistreichsten Bibelerklärungen heraus, bewaffnet euch mit dem ganzen Rüstzeug von Midrasch, Philosophie, Talmod und Kabbala, doch vergesset auch des Vortrags nicht. In der Vortrag, er ist nicht nur dem Schauspieler, sondern auch dem Prediger hier das nothwendigste Instrument, das io» durch Kampf zum Siege führen kann. Tragödiante, Konwdiante! Tragiren und Posiren, dies verlangt unser Publikum, das große Ungeheuer, dies verlangt Gevatter Plethi, im bürgerlichen Leben Rechtsanwalt, und Gevatter Krethi, im bürg rlichen Leben Verfertiger, Fabrikant halbwollener Tuche. Wir waren Zeuge, wie ein „routinirter" älterer Kollege ei» m jungen Prediger, der da der Meinung war, die Belehrung durch die Predigt sei ja bei dem heutigen Stande der Dinge das Allernöthigste, in etwas scharfen Worten die Mahnung gab, zuerst „Reden zu lernen", das heißt zu einem Schauspfit" zu gehen, und bei ihm in Gestus und Betonung sich unterrichten zu lassen, denn das heutige Auditorium wünsche die Sonnenthale und Kainze nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf der Kanzel! — Mit Verlaub, aber wir sind anderer Meinung. Vor allem muß der Rabbiner ein Mann, ei» Charakter sein; das heißt er darf nicht seine ganze Aufgabe darin erblicken, mit schauspielerischer Mache Dinge zu verkündigen, die ihm sonst sehr gleichgiltig sind. Wahrlich unsere heutigen Juden haben es vor allem nöthig, belehrt zu werde» über das, was es heißt, Jude zu sein. Ob dies in lauter oder säuselnder Rede geschieht, ob der Prediger einen schrille» Tenor oder einen abgeklärten Brustton besitzt, ist gleichgiltig Die am schönsten vorgetragene Predigt nützt nichts, wenn der Zuhörer weiß, daß deren Verkündiger das Gegentheil von dem thu die ver ver ttül leg Te der an sl^ Na un der ger wc we W tar led na de uri eu vo D' di ri Ri W ke Ä O nr et m er w u ei zi p T Ä n n d 1 si L 2 r l 5