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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-06 · Heft 23 (6.6.1902) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 276 (sequence 14)
Language
German
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276 Beredsamkeit seiner Freunde vermochte ihn zu bewegen, sich Ruhe zu gönnen und zu Hanse zu bleiben. „Ich bins gewohnt," sagte er, „und das Gehen ist mir gesund." Der wirkliche Grnnd dieser Hartnäckigkeit war seine Scheu, Unterstützungen anzunehmen; er schämte sich vor seinen Enkeln und vor seiner Frau in der Grube, ein „Gast", ein Bettler zu heißen, er. der selbst einst so wohlhabend, daß er jeden Sabbath drei „Gäste" bewirthete. Wer den alten Mann hinkeuchen sah, staubbedeckt, das hagere Antlitz häßlich verzogen von Mühe und Anstrengung, die knochige Hand, auf der die blauen Adern emporqnollen, krampfhaft ans die Schnur gepreßt, die seinen Kram zusammenhielt, der dachte gewiß, daß der Schachergeist des Hausirers stärker sein müsse als seine Altersschwäche. Nathans Gedanken beschästigten sich aber wenig mit dem Kram auf seinem Rücken, sondern er stellte Vergleiche an zwischen Sonst und Jetzt. Hatten sich die Zeiten geändert? „In der Einsiedlergasse," dachte er, „bin ich doch früher jedesmal aus dem ersten Stock begossen worden, was mir jetzt schon lang nit passirt ist, und he Kinder in Neu-Margarethen sind auch nit mehr so gefährlich." Mit solchen und ähnlichen Erinnerungen verbrachte er mehrere Stunden fruchtloser Wanderung. Er ging und rief, er rief und ging und hatte noch keine Nähnadel verkauft. Sein Schritt wurde wankend, und Traurigkeit sammelte sich in seinem Gemüth. In den engen Straßen zwischen den hohen Häusern verbreiteten sich schon Dämmerschatten; er kam in Gefahr, durch längeres Zaudern den Sabbath zu entweihen und machte sich ängstlich auf den Heimweg. Mechanisch aber stößt er, um die Ecke biegend, dm Nus „Handeln! Handeln!" aus, und siehe, diesmal findet er ein Echo, eine Hand winkt ihm aus dem dritten Stock eines hohen Gebäudes, und eine Frauenstimme fordert ihn auf, zu kommen. Na, denkt er, eins ist besser wie keins, und indem er sich die steilen Treppen mühsam emporgeschleppt, berechnet er im Geiste, was er mit den paar Groschen, die in seine Tasche fallen werden, anfangen soll. Wie er endlich oben ist und die Thür des Borsaales öffnet, gewahrt er eine hübsche junge Frau, die am Fenstersims lehnt und einen ungeberdigen Knaben an der Hand hält. „Da ist er!" sagte sie zu dem Jungen gewendet, und indem sie mit dem Finger auf den Alten deutet, fährt sie mit drohender Stimme fort: „Siehst du den abscheuliche» Juden? Wenn du nicht Ruhe giebst, steckt er dich gleich in den Sack und frißt dich zu Hause lebendig auf. — So. jetzt ist's gut. Ihr könnt wieder gehn, Jud'!" Seit jenem Abend hat Vetter Nathan das „Handeln" aufgegeben. Die Erinnerung an diese Episode scheint mir die würdigste Jahrzeitfeier für Samuel Oppenheimer zu sein. Sprerhsaal. Herr Redakteur! der Interpellation des Herrn Henry M. Goldvogle im Nepräsentantenhause des Kongresses, in welchem Goldvogle einen Newyorker Bezirk vertritt, bemerke ich. daß als Material bis jetzt unrein Brief vorliegt, den Herr Samuel H. Borofsky, Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft des Staates Massachussets. von dem russischen Generalkonsul in Newyork erhalten hat, und der im „.lervistr Lommvut" von Baltimore, 26. April, veröffentlicht ist. In dem Falle des Herrn Borofsky handelt es sich aber um amerikanische Bürger russischer Abkunft, und da das russische Gesetz die Naturalisirung eines russischen Unterthanen in einem fremden Lande ohne ausdrückliche Genehmigung der Heimathsbehörde nicht anerkennt, so würde in einem solchen Falle das Einschreiten des auswärtiger! Amtes in Washington ohne Erfolg sein, wie auch wiederhol! amerikanische Staatsbürger deutscher Herkunst zur Ableistung des Militärdienstes in Deutschland gezwungen wurden. Andererseits wird es sich kaum beweisen lassen, daß Rußland jüdischen Bürgern Amerikas grundsätzlich den Eintritt nach Rußland verweigert. So erhielt vor einigen Jahren Rabbiner Dr. Krauskopf in Philadelphia nach einigen Schwierigkeiten die Erlaubnis;, Rußland zu besuchen Gegen die Zurückweisung einzelner Staatsbürger auf Grnnd autonomer Prinzipien könnte Amerika bei seiner eigenen Praxis der Einwanderungsgesehe am allerwenigsten protestiren. Cincinnati, 30. April. Ihr ergebener G. Deutsch. Geehrte Redaktion! Alu Nummer 21 Ihres werthen Blattes vom 23. Mai befindet sich unter der Rubrik „Von Nah und Fern" eine Notiz, betreffend das neue jüdische Krankenhaus Hierselbst, welche wesentliche Unrichtigkeiten enthält. Bei der großen Verbreitung Ihres Blattes liegt uns daran, den Inhalt der Notiz wie folgt, richtig zu stellen: Das neue jüdische Krankenhaus Hierselbst wird nicht von der Gemeinde, sondern von der Israelitischen Kr a n ke n - V e rp fl egun g s- Allstalt Hierselbst gebaut. Letztere ist eine selbständige Korporation. Die Gesammtkosten des Neubaues erreichen weitaus nicht den Betrag von 2 Millionen Mark. Die Summe der uns für den Bau zur Verfügung stehenden Mittel ist bedeutend höher als 900000 Mark. Breslau, 26. Mai. Hochachtend Der Vorstand der isr. Kranken-Verpflegungs-Anstal t. Geehrter Herr Redakteur! ^le ln lnerner Bernfeld (Nr. Besprechung der neuesten Bibelübersetzung von 10 ff.) angedenteten zwei Bonmots des seligen R. Salomon P leßner mögen hier ihre Stelle finden. Es war im erstell Drittel des vorigen Jahrhunderts, als derselbe in Berlin seine religiösen Vorträge eröffnete, für die ein Verein, der sie veranstalten ließ, ein Eintrittsgeld erhob. Hierdurch wurden aber Viele, die den Obolus nicht übrig hatten, vom Besuche dieser Vorträge, die sie gern gehört hätten, zurückgehalten. Der gefeierte Prediger, dem dies hinterbracht wurde, eröffnete bald darauf seine Rede mit den Worten des Propheten Jesajas 55, 1: „O ihr Durstigen alle (die ihr nach dem Worte Gottes durstet), gehet nach Wasser (das ein Bild für das göttliche Wort ist), auch werkein Geld hat." d. h. kein Eintrittsgeld zahlt. — Ein anderes Wort Pleßners bezieht sich auf den Ausspruch im Buche Koheleth 7. 29 i „Gott hat den Mann schlicht geschaffen, aber sie, die Frauen (von denen im vorigen Verse die Rede ist) verlangen viele Rechnungen" — über die Ausgaben ihres Bedarfs. Dr. A. Berliner. Geehrter Herr Redakteur! (W/Lvn der Rew-Orleaus Oout'orouce heimgekehrt, fand ich uuter anderen eingelausenen Journalen auch die beiden jüngsten Nummern Ihrer Zeitung vor, Nr. 18 und 19. In der ersten traf mein Blick zufällig zuerst die „Sprechsaal"-Notiz über die 712V Provenienz. Die Vermuthung, daß diese Distinktion des „großen" Sabbath mit der an demselben verlesenen Haftorah zusammenhängt, wurde vom Besprecher wohl berührt, aber nicht verifizirt. Das Richtige lag so nahe und ward doch nicht gesehen und eingesehen. Die Hastorah des dem Pessachseste vorhergehenden Sabbath schließt mit dem gewaltig austönenden: 21' 82 und daher der Name 712V- Das habe ich voll meinem gottseligen Vater. Bei diesem Anlässe will ich Ihnen auch noch mittheilen, daß unsere ^e>v-Or Ivans twul'vr-vuev den ersten Schritt in das Gebiet der maßgebendeil neuen praktischen Halacha gethan hat. Das Sabbath-Sonntag-Problem wurde allseitig beleuchtet und dann einer „Siebener Kommission" zur endgiltigen Begutachtung fürs kommende Jahresmeeting überantwortet. In der Kommission sind alle Schattirungen gerecht vertreten: zwei vom äußersten radikalen Flügel, vier vom konstruktiven, ausgesprochenen Neformlager und zwei vom mehr konservativen Schmollwinkel. Sie sehen, wir sind auf der rechten Fährte! Des Moines, Ja., 19. Mai,. Hochachtungsvoll Dr. S. H. Sonneschein. Druck und Verlag von Rudolf Ntosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBauchwitz in Berlin.

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