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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-06 · Heft 23 (6.6.1902) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 275 (sequence 13)
Language
German
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275 Sondern geradezu zu den verachtetsten Geschöpfen gehörten, in oer sie den größten Beschränkungen, wenn überhaupt geduldet, unterworfen wurden, von allen, welchen Namen immer tragenden Stellungen ausgeschlossen blieben, kein Handwerk betreiben durften, sondern nur auf Geld» und Schachergeschäfte angewiesen waren, ihrer Mithilfe zur Geldbeschaffung oder Beiitellung der Lieferungen für den Hof oder das Heer nicht entvathen konnte. Dies führte dazu, daß einzelne Juden, die in dieser Hinsicht gute Dienste leisten konnten, mitunter mit so weitgehenden Privilegien ausgestattet wurden, wie sie damals nur der hohe Adel oder die Geistlichkeit besaßen. Die Zahl der „Hofbesreiten" war in Altwien stets sehr gering. Im Jahre 1512 zählten sie sieben, 1599 31, 1619 42 Familien. Nach der Judenausweisung im Jahre 1670 und zu Nnsang des 18. Jahrhunderts war ihre Zahl noch geringer. Keiner von ihnen ist aber so geeignet, das allgemeine Interesse auch unserer Zeit zu fesseln, als der berühmte Hoffaktor Zamuel Oppenheime r aus Heidelberg, den Prinz Eugen als „Retter in der Kriegsnoth" bezeichnet?, dessen „unbegreifliche Uneigennützigkeit" gerühmt wurde, ohne die, wie man Sagte, „Oesterreich und Deutschland heute türkisch wären". Freilich hatten alle diese Verdienste es nicht hindern können, daß gelegentlich eines geringen Vorkommnisses am 21. Mai >702 — als vor genau zweihundert Jahren — dasOpPenlieimersche Haus, das sich an der Stelle des heutigen Hauses „zur Brieftaube" Ecke Bauermarkt und Freisingerstraße befand, in wenigen Stunden das Opfer einer Plünderung wurde. Au dem genannten Tage saßen Nachmittags zwei harmlose Rauchsangkehrergesellen auf der Gasse vor dem Bierhauskeller Nr. 608 (neu 5), „wo sich der Hahn im Spiegel schaut". Sie spielten das beliebte ullu moia. Es waren zwei echte „Wällische", wie man sie damals nannte. Sie gestikulirten so lebhaft mit den Händen und schlugen so kräftig mit den Fäusten drein, daß ein vis-ä-vis im Oppenheimerschen Hause zufällig unter der Einfahrt stehender Jude, der dort bedienstet war, sich des Lachens nicht erwehren konnte. Dies bezogen die beiden Lpulrra eammini auf sich und nahmen es gewaltig übel. Es kam zum Wortwechsel, an dem mehrere Schusterjungen, Schlvssergesellen aus der Nachbarschaft sowie auch vorübergehende Bediente und Haiducken Theil nahmen und gegen die Juden sogleich Partei ergriffen. Sie nahmen den in der Nähe sitzenden Höckerweibern die Eier vom Stande weg und bewarfen die Fenster des Oppeuheimerschen Hauses damit. Der anwachsende Haufe belustigte sich jetzt, hetzte den Pöbel noch mehr gegen die Juden, und die allgemeine Erbitterung stieg so weit, daß man das Oppenheimersche Haus zu stürmen begann. Die einige Schritte hiervon aus der Peterswache befindliche Stadtquardia verhielt sich dabei ganz ruhig und theilnahmslos. Der johlende Haufe aber sprengte jetzt das zur Noth verrammelte Thor und drang in das Haus ein, plünderte die Oppenheiinersche Wohnung und die Magazine, erbrach die Eeldkasten, Schränke, warf Bücher, Schriften, Uhren, Silbergeräthe und Maaren durchs Fenster auf die Straße hinab, wo die brüllende Menge sie auffing. Die zu Tode bedrohten Juden hatten sich mittlerweile in die Keller geflüchtet. Oppenheimer selbst soll (wie die Geschichte seines Hauses erzählt) sich in dem rückwärtigen Theile des untersten Kellers versteckt haben. Endlich kam ein kaiserlicher Befehl an die Bürgerwache, den Pöbel zu vertreiben. Das Militär rückte »un an, es wurde „Feuer" kommandirt, und Todte und Verwundete bedeckten den Boden. Man entfernte die Leichen und brachte die Verwundeten in den sicheren Winkel des Eisgrübels. Die abgekühlte Menge verschwand zwar rasch, aber Abends schlichen sich neuerdings Pöbelhaufen und Neugierige herbei. Da wurden auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Leopold I. Kanonen aufgeführt, worauf sich die Exzedenten wieder zurückzogen. Die Untersuchung wurde gegen die Schuldigen eingeleitet, die beiden Rauchfangkehrer und ein Schwertfeger Nachts aus den Betten geholt und vor das Stadtgericht gebracht. Schon in den ersten Morgenstunden wurden alle Drei an den Fenstergittern des arg verwüsteten Hauses aufgehängt. Erst gegen Abend wurden die Leichen, die Sühnezeichen des beleidigten Gesetzes, die Urheber jener gräßlichen Frevelthat, abgenommen und in aller Stille begraben: auch hatte sich der Tumult für immer gelegt, und in die beruhigten Gemüther zog wieder jener scheinbare Friede, jene künstliche Ruhe ein, die nur auf den Lippen, aber nicht im Herzen der Menschen lebt, denn der Haß gegen die Juden wucherte seitdem fort wie glimmende Kohle unter heißer Asche und war nicht mehr zu bannen. Die Regierung verlegte zwar eine Abtheilung der Numorwache in das Oppenheimer'sche HauS, setzte ebenerdig eine Wachtstube in Permanenz, schloß den Bierhauskeller auf längere Zeit, entschädigte gelegentlich auch Oppenheimer auf Eugens Fürbitten wenigstens theilweise für die großen Verluste, die ihn trafen. Aber trotz alledem konnte Oppenheimer selbst sich nicht wieder erholen. So lange er lebte, hielt er sich und konnte auch die Stellung, die er innehatte, behaupten, weil der Kredit des Hauses auf seiner Person ruhte; als er aber am 3. Mai 1703 plötzlich starb, da brach das Haus zusammen, und mit ihm barst „die Säule, die mühsam genug den Staatskredit aufrecht erhalten hatte", und die laug gefürchtete Stockung war unausbleiblich. An der Wirkung, die der Zusammenbruch dieses Hauses auf alle Verhältnisse ausübte, erkennt man erst, welche Bedeutung diese Oberhoffaktoreu zum Vortheil des Staates besaßen. Oppenheimer wurde ans dem Gottesacker begraben, welchen er selbst wieder eröffnet, nämlich auf dem alten „Judenfreythos" in der Roßau. Seit mehr als Menschendenken wird dieser Friedhof nicht mehr benutzt. Der Besuch desselben ist aber auch für den, welchen nicht fromme Erinnerungen dahinführen, überaus lohnend. Zwar findet er keine herrlichen Monumente, vielmehr sind die Grabsteine meist aus schlechtem Material und stark verwittert und in einer Sprache abgefaßt, die sie heute nur den Wenigsten verständlich machen, aber der Friedhof repräsentirt gleichsam ein historisches Denkmal aus vergangenen Zeiten, wo auch die Wiener Juden mitunter in Ehren gehalten wurden. Darum verweilt noch hier, nehmt Platz auf einem Grabstein und stellt eure Füße auf diesen anderen, der bis zur Höhe eines Schemels eingesunken ist. Es plaudert sich nirgends so ungestört als hier. Hört ein kleines Abenteuer des Vetters Nathan, der sich jetzt im „Altersversvrgungshaus", das an Stelle des von Oppenheimer 1698 gegründeten Spitals erbaut wurde, ausruht von seinem beschwerlichen Lebensweg. Noch vor ivenigen Jahre pflegte er, allerhand kleinen Waarenkram, Fischbein, Nähzeug und Seidentüchlein feilbietend, sich durch die Straßen von Wien zu schleppen und mit schwacher Stimme dann und wann den bekannten Ruf der Haudelsjudeu ertönen zu lassen. Es war ein Freitag, die Sommerhitze drückend und der Hausirer matt und erschöpft vom Wandern?, Hohes Alter hatte seinen Rücken gekrümmt, und seine Glieder zitterten, aber keine

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