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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-06 · Heft 23 (6.6.1902) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 271 (sequence 9)
Language
German
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271 epoche beizulegen Pflegt, eine nicht zu unterschätzende kulturhistorische Bedeutung hat, bedarf keiner Frage, und das um so mehr, wenn sie in so erschöpfender, klarer, auf statistischer Grundlage beruhender Weise ausgeführt ist, wie dies bei der Schrift der Fall, mit der wir uns in diesem Artikel ein wenig zu befassen gedenken: Berliner Vv rna meu. Eine statistische Untersuchung von Dr. Nathan Pulvermacher. Berlin 1902. Als Material zu seiner Studie hat der Verfasser die Schülerverzeichnisse 1900/1901 von Berlin benutzt, aus der Gesammtzahl der die hiesigen Schulen besuchenden Kinder, ca. 41 000 Knaben und Mädchen, darunter ca. 26 000 evangelische, 10 300 katholische und 4100 jüdische. Im Ganzen entfielen auf diese 41 000 Kinder nur 597 Namen, eine Zahl, die sich noch fast um ein Drittel verringert, wenn nur die selbständigen Namen gezählt werden, also z. B. Charles, Charley, Karlos zu Carl rc. Der Namenreichthmn resp. die Namenarmnth hält sich bei beiden Geschlechtern die Waage: den 291 männlichen Namen stehen 306 weibliche gegenüber, aber unter jenen haben nur 187, unter diesen 192 mehr als einen Träger. Der Namenreichthum, d. h. die Zahl der Namen, über die eine Volksklasse verfügt, und die Anzahl der Personen, auf die durchschnittlich ein Name kommt, ist bei der katholischen und jüdischen Bevölkerung bedeutend größer als bei der evangelischen. Der Ueberschuß bei jenen wird zum großen Theil durch fremde d. h. alttestamentarische und Heiligennamen bestritten. Von den 597 Namen sind nun 172---29 Prozent deutsch, von den 291 männlichen 117 — 40 Prozent, von den 306 weiblichen nur 55 — 18 Prozent. Den größten Prozentsatz deutscher Namen (57, früher 50) weisen die evangelischen Gemeindeschüler auf, denen ganz dicht die evangelischen Gymnasiasten folgen. In weitem Abstaude kommen dann die jüdischen Gymnasiasten (48, früher 36), die jüdischen Gemeindeschüler mit 46 (früher 32), beide also ca. 13 Prozent deutsche Namen mehr, und zuletzt die Katholiken: Gymnasiasten 44, Gemeindeschüler 37. Es bilden also die jüdischen Schüler die Mitte zwischen den evangelischen und katholischen. Bei den weiblichen Vornamen sind die deutschen Namen, abweichend von den männlichen, überall ziemlich gleichmäßig dürftig, die größte Zunahme gegen früher weisen die jüdischen höheren Schüler auf (-p von 7,8 Prozent). Aber nicht die Zahl der deutschen Namen, sondern erst die Zahl der Träger deutscher Namen gewährt ein richtiges Bild voll ihrer Verbreitung. Es führen männliche deutsche Vornamen 73 Prozent evangelische Gymnasiasten, 68 Prozent evangelische Gemeindeschüler, 65 Prozent jüdische Gymnasiasten, 50 Prozent jüdische Gemeindeschüler, 46,5 Prozent katholische Gymnasiasten, 42,5 Prozent katholische Gemeindeschüler. Also auch hier wieder die Juden zwischen den beiden anderen Konfessionen, und zwar so, daß die jüdischen Gymnasiasten der evangelischen Bevölkerung in diesem Punkte weit näher kommen als die jüdischen Gemeirideschüler, die ihrerseits «lehr der katholischen Bevölkerung näher stehen. Weit tiefer ist die Zahl der weiblichen Träger deutscher Vornamen. Hier folgen auf die erste Stelle, auf die evangelischen Gemeindeschülerinneu, unmittelbar die jüdischen Gemeiudeschülerinnen, dann erst kommen die evangelischen höheren Schülerinnen, dann die katholischen Gemeindeschülerinnen, katholischen höheren Schülerinnen und zum Schluß die jüdischen höheren Schülerinnen. Daß die jüdischer: Gemeindeschülerinnen an zweiter Stelle stehen, erklärt sich dadurch, daß von den 111 Trägerinnen deutscher Namen 68 Prozent gerade die erst in neuerer Zeit beliebt gewordenen Namen Erna, Frieda und Gertrud führen. Gegen früher haben die deutschen Namen überall an Verbreitung zugenommen, am wenigsten bei den katholischen weiblichen Gemeindeschülerinnen (nur 1 Prozent), am meisten bei den jüdischen Gymnasiasten (23 Prozent), hier ohne Frage infolge der „neuen" Namen Friedrich resp. Fritz (diese fast alle aus der Zeit unmittelbar nach Kaiser Friedrich), Erich, Walter rc. Nur in der evangelischen Bevölkerung finden sich 67 männliche (54 einmal) und 84 weibliche (67 einmal) Vornamen, n u r unter der: Katholiken 62 männliche und 41 weibliche, nur unter den Juden 35 männliche (22 einmal) und 31 weibliche (24 einmal). Als bemerkenswerth weist der Verfasser auf die große Verbreitung nationalpolnischer Namen hin, die, wie es scheint, auch in deutschen Familien immer mehr Eingang finden. Unter den 35 männlichen Namen, die sich nur in der jüdischen Bevölkerung finden, sind sechs deutsch: je einmal Detmar, Heiuemanu, Hirsch, Siegmar, zweimal Jsmar, elfmal Siegbert. Dabei sind Hirsch und Wolfs als deutsche Namen mitgezählt worden, weil sie einstämmige Kürzungen deutscher Vollnamen sein können, obwohl sie es gewiß nicht sind, denn Wolfs statt Wolfgang (Wolfram rc.) ist eine fast ausschließlich auf den Adel beschränkte Kürzung. Hirsch ist in deutschen Namen überhaupt äußerst selten. Andererseits werden aber auch sonst Thieruamen (nicht als Abkürzungen von zweistämmigen Vollnamen) als jüdische Vornamen verwendet, z. B. Bär, Falk, Geier, Löwe, Biene (Debora), Schaf (Rahel), Taube u. a. — Unter den häufigeren (0,1 Prozent und darüber) befinden sich: Isidor (7) Iwan (4), Jacques (6), James (19), Nathan (5), Salomon (4), Salli (23), Sigbert (11); 25 von den 35 Namen stammen aus dem alten Testament. Ihre Häufigkeit nimmt gegen frühere Zeiten stark ab, ganz besonders unter den jüdischen Gymnasiasten, Letztere ca. 3 Prozent Namen aus dem alten Testament, jüdische Gemeindeschüler (männlich) dagegen 10 Prozent, in ganz früheren Zeiten, also vor 40 bis 50 Jahren über20Prozent. Viele kommen gar nicht mehr vor (Adam und Benjamin (nur katholisch!, Aaron, Ephraim, Gabriel, Samson, Simon skatholischj n. a.). Erheblich über dein Prozentsatz der jüdischen Schüler (10 Prozent) stehen unter den nicht allzu seltener:: Benno (11 vor: 23), David (9 von 13). Erwin (31 von 111), Harry (17 von 20), Jakob (11 von 15), Louis (8 von 13), Manfred (11 von 15), Martin (58 von 137), Hugo (32 von 124), Julius (42 von 123), Ludwig (53 vor: 106, also 50 Prozent), Moritz (16 von 19), Philipp (7 von 12), Siegfried (37 von 68), Siegmund (15 von 27), Werner (23 von 114). Die auffallende Häufigkeit einiger Namen (Benno, Julius, Martin, Moritz u. a.) erklärt Verfasser aus ihrer inneren oder äußeren Ähnlichkeit mit hebräischen Namen, die bei „ritueller: Funktionen" allein üblich sind (Güdemanrr). Nur einige, z. B. Alexander, der Name des Befreiers, waren gestattet (Zunz). Aus dem Verzeichniß der Mitteilungen der jüdischen Gemeinde, Berlin 1892, führt er folgende Beispiele an: Benno --- Benjamin, Dagobert - David, Isidor — Isaak, Julius — Elia, Jakob und Israel, Ludwig (Louis) Lerviu, Leib, Martin — Michaelis, Machol, Max — Meyer, Moritz — Meyer, Moses, Ernst (ermißt Kampf) Israel. Es heißt weiter in der Anmerkung des Verfassers: Die Beliebtheit der Namen mit Sieg — auch anderweitig beobachtet — beruht nicht nur auf solcher Ähnlichkeit (Siegfried--Simon), sondern mehr noch darauf, daß sie, hauptsächlich seit Wagner, als die

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