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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-06 · Heft 23 (6.6.1902) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 269 (sequence 7)
Language
German
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S69 ,u den eingeladenen Notabeln gehört hatten, einen Gegencntwurf ausarbeiten sollten. Darüber vergingen Jahre. Die Regierung, die inzwischen wohl einseheu mutzte, daß ihr guter Wille wenig Entgegenkommen fand, nimmt seitdem allen jüdischen Angelegenheiten gegenüber den Standpunkt des laisscr faire, laisser aller ein. Daraus erklärt sich wohl auch zum größten Theil, daß sie den Petitionen der Orthodoxen in Starkenburg und Oberhessen in solcher Weise entsprach, wie es durch die Theilung der Rabbinate Darmstadt und Gießen in je ein orthodoxes und liberales geschehen ist, unbekümmert darum, daß sie dadurch innerhalb des Jndenthums gleichsam zwei Konfessionen staatlich anerkannte, die doch ctc facto nicht vorhanden sind. Damit hat die Regierung der Lösung der von ihr den großen Gemeinden gestellten Kulturaufgabe selbst das größte Hinderniß in den Weg gelegt, nicht ohne Schuld der Männer, die seinerzeit die Sache des Judenthnms zu vertreten berufen waren. In Darmstadt selbst nahm man wohl damals einen schwachen Anlauf zur Lösung jener Aufgabe. Man schuf eine sogenannte Wanderbibliothek und ließ Zeitschriften aller Art unter den Juden auf dem Lande cirkulireu. Nach kurzer Zeit aber unterblieb auch das; es hatten jene kleinlichen Parteidifserenzen begonnen, die ich schon gekennzeichnet habe, und die die besteil Kräfte lähmten nnd noch immer lähmen. Inzwischen ist die Verschlimmerung der wirthschaftlichen und infolge dessen auch aller übrigen Verhältnisse der Juden auf dem Lande nur noch gewachsen. Die Abnahme des Wohlstandes ist unverkennbar, ja, man kann nahezu von einer Verarmung sprechen. Diese ist zunächst wohl eine Folge der antisemitischen Agitation, aber nicht dieser allein. Auch die kulturelle und intellektuelle Rückständigkeit trägt einen Theil der Schuld. In gewissen Erwerbszweigen sind die hessischen Jude» voll ihren nichtjüdischen Konkurrenten, die früher kaum in Betracht kamen, vollständig überflügelt worden, weil sie es unterlassen haben, sich rechtzeitig die zu diesen Betrieben erforderliche technische und kaufmännische Exaktheit anzueignen. Meist sind sie noch immer auf den entwürdigenden und odiösen Viehhandel angewiesen, der aber jetzt, durch allerlei Verordnungen erschwert, nicht einmal mehr seinen Mann ernähren kann. Wäre es da nicht eine Aufgabe, würdiger und höher als die Pflege kleinlicher persönlicher und Parteistreitigkeilen innerhalb der Gemeinden, hier Wandel zu schaffen, und es den unbemittelten Familien auf dem Lande zu ermöglichen, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zu Theil werden zu lassen die allein geeignet ist, sie im Kampfe ums Dasein widerstandsfähiger zu machen? Hier ist in der That eine Aufgabe, die Alle, denen es ernst um die Erhaltung und das Ansehen des Judenthums ist, einen könnte und sollte. Im benachbarten Kurhessen, wo die wirthschaftlichen und kulturellen Verhältnisse ähnlich liegen, hat man das rechtzeitig erkannt und durch Errichtung des Kuabenheims in Marburg eine wahrhaft kulturfördernde Einrichtung geschaffen. Derartiges geschieht hier nicht, was aber geschieht? Die orthodoxen Rabbiner sorgen wohl für ganz exakte Schächter und für rituelle Bäder, selbst in den kleinsten Gemeinden. Das soll gewiß nicht getadelt werden. Von irgend welcher Rückwirkung auf die sittlichen und religiösen Zustände in den Gemeinden ist aber bis jetzt nichts wahrnehmbar. Im Gegentheil, wo die wirkliche Religiosität der Gemeindemitglieder nicht geradezu abgenommen, zugenommen hat sie nirgends. Trotz des vom orthodoxen Rabbiner approbirten Lehrers und Schächters nimmt die Sabbathentheiligung und die Nichtbefolgung des Religionsgesetzes aus dem Lande immer mehr zu. und zwischen dem Standpunkt des Rabbiners und des Kultusbeamten einerseits und dem religiösen Verhalten der Gemeindemitglieder andererseits wird die Kluft immer größer. In den Gemeinden Mainz und Darmstadt beabsichtigt man neuerdings die Errichtung jüdischer Krankenhäuser. Das Bedürfniß nach solchen wollen wir dahingestellt sein lassen. Keineswegs darf man aber darüber die viel näher liegenden Ausgaben vergessen. Die für jenen Zweck nothwendigen Gelder könnten vorerst besser dazu verwendet werden, daß man Einrichtungen trifft, um die wirthschaftliche und intellektuelle Hebung der Juden auf dem Lande herbeizuführen. Und da ist dem neuen Vorstand der Darmstädter Gemeinde die Möglichkeit geboten, zu zeigen, daß er es mit seiner Aufgabe ernst nimmt, daß es nicht nur kleinliche Gesichtspunkte waren, die seine Mitglieder in die seitherige Opposition getrieben haben. Möge er zeigen, daß er berufen ist, die erste Gemeinde des Landes zu leiten, indem er ihr die ihr gebührende führende Stellung zu erringen sucht. Möge er daran denken, ihr auch bei der Behörde dasjenige Maß von Ansehen und Zutrauen wieder zu erringen, das ihr durch die Agitationen der letzten Jahre verloren ging und verloren gehen mußte. Auf der gegnerischen Seite aber darf man sich nicht dabei beruhige», begangene Fehler durch neue gutgemacht zu haben. Denn ein Fehler war die Mandatsniederlegung und spätere Wahlenthaltung ohne Zweifel. ^miti. Brief aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. vr Kurzem verschied in London der langjährige Leiter des „^crvisti Lbroniclc", Mr. AsherMyers, und da er ein Mann von seltener Energie und Thatkraft war, die er in großem Maßstabe den höheren Interessen des englischen JudenthumS widmete, so dürsten einige Bemerkungen über ihn in diesen Blättern nicht ganz überflüssig erscheinen. Mr. Myers wurde vor etwa 50 Jahren als Sohn eines Synagogendieners in London geboren, und nachdem er einige Zeit laug eine jüdische Privatschule besucht hatte, wurde er für den Kaufmannsstand bestimmt. Da er aber schon früh eine Neigung für journalistische Beschäftigung zeigte, so erhielt er diese in Verbindung mit dem „Zewisll (Lroniele", dessen Leiter er im Laufe der Zeit wurde, und in dieser Eigenschaft mehr als ein Vierteljahrhundert erfolgreich wirkte. Er verstand es nämlich, das fragliche Blatt nach jeder Richtung hin zu vervollkommnen und es zugleich auch zum Hauptorgan der gesammten englischen Judenheit zu machen, so daß eS sich im ganzen britischen Reiche und auch außerhalb desselben einer recht großen Popularität erfreut. Mr. Myers nutzbringende Thätigkeit aber beschränkte sich nicht blos auf das „^cwisll Lbronicle", denn er interessirte sich auch recht lebhaft für verschiedene wichtige Institutionen der Londoner jüdischen Gemeinde, namentlich fürs kennst, 6oIIeA«, die ^ii^Io ^swisb Association, die ckevrisll Historicai Society» und noch andere mehr, und überall leistete er recht gute Dienste. ErwähnenSwerth ist eS auch, daß durch seine

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