Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- Seite 268 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228497--58713-3295181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
find. Sie wurden von dem Verein in einem eigens für sie gemietheten Hause untergebracht und ein Lehrer begann sofort ihnen hebräischen Unterricht zu ertheilen. Gleichzeitig wurden Vorbereitungen getroffen, die beiden jüngsten Mitglieder der Expedition baldigst in den Bund deS Judenthnms aufzunehmen. Eine Unterredung, die der 21jährige jüdische Kaufmann und Gelehrte Mr. E. I. Esra, welcher das Chinesische vollkommen beherrscht, mit den Gästen gehabt hat, ergab, daß die Juden von Kai-föng-fu vor zwei Jahren ein hebräisch und chinesisch gehaltenes Schreiben der jüdischen Gemeinde von Shanghai empfangen haben. Das Hebräische konnte kein einziger von ihnen lesen. Die Juden von Kai-föng-fu stammen von sieben verschiedenen Stämmen ab und die achtGäste wären Abkömmlinge von vier verschiedenen Clans. Ihr jüdisches Wissen wurde von Geschlecht zu Geschlecht immer geringer, und als in dem berühmten Taipingaufstand ihr letzter Lehrer ermordet wurde, war keiner mehr da, der in der jüdischen Religion irgendwie Bescheid wußte. Sie wußten nur noch, daß sie das Fleisch trebern müssen, keine Ehe mit Heiden oder Mohamedanern einzugehen haben, kein Schweinefleisch genießen und bei Hochzeitsfeierlichkeiten keine heidnischen Musikinstrument« verwenden sollen. Ihre Nachbarn nennen sie „Tiao King Kiao" (d. h. die Sekte, die die Sehnen ausreißt). Die im 21. Regierungsjahre deS Kaisers Tao Kwang hereingebrochene Hochfluth hat sie vollends zu Grunde gerichtet und in eine völlig hoffnungslose Lage gebracht, in der sie sich noch jetzt befinden. Sie haben keinen Lehrer, kein Bethaus, nicht die mindesten religiösen Kenntnisse und keiner von ihnen beobachtet irgend welche religiöse Vorschrift des Judenthums, Ihre Synagoge sei schon vor vielen Jahren zerstört worden, und nur noch ein einziger Stein bezeichnet die Stätte, auf der sie einst gestanden hat. Vor vier Jahren haben sie bei den Behörden eine Eingabe eingereicht, ihnen den während der Taipingrebellion verloren gegangenen Besitztitel auf den Boden der zerstörten Synagoge zu erneuern. Die Bitte wurde jüngst erfüllt und ein auf den Namen der sieben Stämme lautender Besitztitel ihnen ausgestellt. Sie waren nicht im Stande, irgend welche Bücher, Handschriften oder Thorarollen mitzubringen. Die Anstande der Juden in Kesten. m. s könnte scheinen, als ob wir uns bei den Verhältnissen der Residenzgemeinde zu lange aufgehalten hätten. Allein dies war nothwendig. Denn die Faktoren, die in der Geschichte dieser Gemeinde wirksam waren, sind auch bestimmend gewesen für die Zustände, wie sie sich in ganz Hessen, namentlich in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen, herausgebildet haben, für alles das, waS geschehen und was nicht geschehen ist, das heißt unterlassen wurde, obwohl es hätte gethan werden sollen. Einerseits hat der Antagonismus zwischen den Alteingesessenen und den „Zugezogenen", auf den wir bereits hingewiesen haben, in den letzten drei Jahrzehnten der Orthodoxie in Hessen das Feld bereitet. Die exklusive und gegen Fremde vielfach geradezu abstoßende Art der Alteingesessenen hat den ersten Aposteln der Neuorthodoxie alle Diejenigen zugeführt, die sich durch dieses Verhalten mit Recht oder Unrecht verletzt fühlten. Später hat man dann zu dem alten Fehler noch den hinzugefügt, daß man die früher schroff Zurückgewiesenen nicht im rechten Augenblick bekämpfte, sondern im Gegentheil durch Konzessionen und schüchternes Verhalten so weit ermuthigte, daß sie. als sich auch der rechte Führer fand, sich zu einer Partei organisirten, der zuletzt das Regiment in den Gemeinden zufiel. Es ist gekommen, wie wir vorausgesagt haben! Bei den Neuwahlen in Darmstadt haben die Anhänger des früheren Vorstandes, der sich schmollend zurückgezogen hatte, gar keine neuen Kandidaten mehr ausgestellt, sondern der früheren Opposition vollständig das Feld überlassen. Der Vorsitzende des Minjanvereins ist jetzt Präsident der Gemeinde! Daß ein Parteiwesen, wie wir es geschildert, nur hindernd und lähmend auf das Gemeindeleben in der Residenz einwirken mußte, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung. Weniger erkennbar ist es, wie verhängnißvoll der erwähnte Antagonismus mit seinen Folgen für die Juden in den Landgemeinden in Starkenburg und Oberhessen geworden ist. Auch hier ist es nützlich, sich den geschichtlichen Hergang der Ereignisse vor Augen zu stellen. Als Ausgangs der achtziger Jahre der Antisemitismus in Hessen bedenkliche Dimensionen annahm, wies eine Deputation von jüdischen Notabeln aller drei Provinzen in einer Audienz bei dem verstorbenen Großherzog Ludwig IV. auf die Gefahr dieser Bewegung für das ganze Land hin. Vor der Audienz beim Großherzog wurde die Deputation vom Staatsminister Finger empfangen. Dieser erklärte ihr. daß die Regierung die antisemitisch« Bewegung verurtheile und wohl auch in ihre Schranken zurückweisen werde. Die Regierung könne aber nicht verschweigen, daß das Verhalten der Juden, namentlich auf dem Lande, diese Bewegung vielfach mitverschuldet habe. Es sei nun die Aufgabe der höher gebildeten Juden in den größereil Gemeinden, für die sittliche Hebung ihrer Glaubensgenossen auf dem Lande zu wirken, um dadurch die wirklichen oder scheinbaren Anlässe des Antisemitismus zu beheben. Diese Auffassung kam auch in dem Erlaß zum Ausdruck, in dem die Regierung im Namen des Großherzogs aus die Vorstellung der Deputation an die Adresse ihres Sprechers, des Rabbiners Dr. Saalfeld in Mainz, antwortete. Die Regierung stellte also den Juden der größeren Gemeinden geradezu eine Kulturausgabe. Aber auch ihrerseits zeigte sie damals guten Willen, an der Lösung dieser von ihr gestellten Aufgabe mitzuwirken. Im Herbst 1893 lud sie 25 jüdische Notabeln zur Berathung eines von ihr ausgearbeiteten Entwurfs einer Reorganisation der jüdischen Gemeinden Hessens nach Darmstadt ein. Dieser Entwurf folgte theils deill Vorbilde deS badischen Oberraths, theils dem der württembergischen Kirchenverfafsung. Der erste Widerstand gegen diese Organisation ging von der Orthodoxie aus, di« mit Recht den Verlust ihrer Herrschaft im Lande fürchtete, wenn der vorgelegte Entwurf Gesetz wurde. Sie fand alsbald Bundesgenossen auf einer Seite, wo man sie am wenigsten hätte erwarten sollen. Mitglieder des damaligen Vorstandes der Gemeinden Darmstadt und Mainz entdeckten daß bei Durchführung der Organisation die Stellung der Rabbiner eine wesentlich unabhängigere werden würde; siefürchtetenalso eine Hierarchie. Namentlich wollte man kein theologisches Mitglied (Rabbiner) im Oberrath. Die Vorstände von Mainz und Worms hatten außerdem finanzielle Bedenken. So bildete sich aus ihnen ein Komitee von Männern, die, obwohl sie nicht