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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-06 · Heft 23 (6.6.1902) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 267 (sequence 5)
Language
German
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26? er sich infolge eifriger Pflichterfüllung seiner seelsorgerlichen Funktionen zugezogen hatte, raffte ihn nach nur viertägiger Krankheit hinweg. Tiefe und aufrichtige Trauer lag auf den Gemüthern aller Bewohner der Rheinprovinz ohne Unterschied der Konfession. Der entschlafene Erzbischof war ein Mann mit hervorragendem Wissen — war er doch 30 Jahre Professor der katholischen Theologie an der Bonner Universität — ein Mann mit ausgeprägtem Humanitären Sinn, geschmückt mit den herrlichstell Tugenden der Menschenliebe und Humanität, ein Mann, der mit leuchtendem Beispiele Allen voranging, wo es galt, Frieden und Eintracht, Wohlwollen und Verträglichkeit zu fördern. Die Beisetzung im Kölner Dom fand am 27. d. M. unter allgemeiner Theilnahme statt, und daß auch die geistliche und weltliche Vertretung der hiesigen Synagogengememde, die seitens des Domkapitels eingeladen war, in dem Trauerzuge nicht fehlte, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden. Erzbischof Dr. Simar zählte für uns zu den Männern, von welchen der Talmud sagt: „Die Frommen aller Völker haben Antheil an dem ewigen Leben." «. In Weimar versammelten sich kürzlich die „Freie deutsche Studentenschaft" zu ihrem dritten Kongreß. Wie mau weiß, giebt es auch in der Finkenschaft eine ziemlich starke antisemitische Strömung. Diese kam in der Debatte über die Stellung zu den an deutschen Universitäten studirenden Ausländern und zu den jüdischen Kommilitonen zum Ausdruck. Aber die Gerechtigkeit gebietet zu sagen, daß die entgegengesetzten Anschauungen ebenso kräftig als wirksam vertreten wurden. Ein Novum bildete nur die Rede eines jüdischen Studenten, der einfach erklärte: „Die jüdischen Kommilitonen geben hier die Erklärung ab, daß sie mit Freuden bereit sind, ihr Judenthum zu Gunsten des deutschnationalen Gedankens und im Vertrauen auf das verstaudnißvolle Entgegenkommen der arischen Kommilitonen aufzugeben." Es scheint aber nicht, daß der junge Herr das Recht hatte, im Namen der „jüdischen Kommilitonen" zu sprechen, da kurz darauf von einem solchen das Gegentheil erklärt wurde. Das Beste an der ganzen Debatte waren die Schlußworte des Referenten, eines protestantischen Theologen, der sagte: „Die Studenten sollten sich hüten, au die Lösung von Fragen heranzutreten, die weit über die Grenzen des Studentenlebens hinausragten, und vielmehr Fragen zu löse« unternehmen, die enger mit der Studentenschaft verknüpft seien. (Sehr richtig.) Hierbei sollte man Rücksicht nehmen sowohl als Majorität wie als Minorität. Gegen Ausschreitungen jüdischer Kommilitonen sollte man ebenso einschreiten wie gegen solche arischer Kommilitonen, namentlich auch dann, wenn letztere sich gegen jüdische Kommilitonen richteten. (Allseitiger Beifall.)" Diesen Anschauungen trat auch die überwiegende Mehrheit der Versammlung durch die Annahme nachstehender Resolution bei: „Eine Einheit der deutschen Studentenschaft besteht insofern, als durch den Erwerb des akademischen Bürgerrechts jedem Studenten gleiche Rechte gegeben und gleiche Pflichten auferlegt werden, die unabhängig sind von seiner Stellung zu autzerakademischen, z. B. Politischen, gesellschaftlichen oder konfessionellen Fragen. Das Ziel der Finkenschaft, „die deutsche Studentenschaft zu einigen", bedeutet lediglich das Streben, dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller cives aeacwmiei Anerkennung zu verschaffen." 4 In der österreichischen Delegation hat ein hervorragender Parteiführer, der Graf Dziuduszycki, jüngst in einer Rede gegen den Dreibund mit deutlicher Spitze gegen Preußen gesagt: „Wenn man wirklich Frieden haben wollte, so solle man dafür sorgen, daß in allen Staaten Jedermann volle Religionsfreiheit und auch das Recht gewahrt werde, seine Kinder im Glaubeü der Eltern unterrichten zu lassen, wie dies unter der Negierung des Kaisers Franz Josef geschehe." Und Niemand hat dem edlen Polenführer geantwortet, daß er doch vor seiner eigenen Thüre kehren und vor allem den armen jüdischen Eltern in Galizien, denen man ihre Kinder raube und stehle, diese zurückgebe, damit sie sie „im Glauben ihrer Eltern unterrichten lassen" können! r Aus Rumänien wird von Judenkrawallen berichtet, die in Bukarest anläßlich der Ankunft des bekannten Schriftstellers Bernhard Lazare am 21. v. M. stattgefunden haben. Die studirende Jugend, die Blüthe der Nation, hat dabei die Hauptrolle gespielt. Bemerkenswerth ist die Haltung, welche die gouvernementale Presse diesen abscheulichen Skandalszenen gegenüber beobachtet hat. Am Vorabende dieses Skandals bezeichnete die offiziöse „Jndöpendanee Nomnaine" die Vertheilung der blutrünstigen Stndentenmanifeste als „eine gerechtfertigte Abwehr der zu Ehren Lazares veranstalteten „deplazirten" Manifestationen, und die hochoffiziöse„VointzaN^ationala" fand blos Worte herbsten Tadels für jene Blätter, welche die antisemitischen Hetzereien mißbilligt hatten, aber kein Wort des Vorwurfs für das Vorgehen der Studenten. Mit Befremden muß koustatirt werden, daß auch die „Epoca", das Organ des heute mit dem Demagogen und Antisemitenführer Nicn Filipesen verbündeten Peter Carp, aus aller Kraft in das antisemitische Horn blies und darin den Psendoliberaleu Blättern noch ein gutes Stück vorgab. Am anständigsten war noch die Haltung der konservativen Presse, welche die Manifestationen zu Ehren Lazares als durchaus inofsensiv registrirte und die vorgefallenen Skandale tadelte. Es gäbe wohl auch in der konservativen Partei Leute genug, welche an einem kleinen Judenskandälchen ihre Freude hätten, aber sie beugen sich dem überwiegenden Einflüsse des Führers, welcher bei all seinen! Patriotismus scharfsichtig und genug klug ist, nm die häßlichen Auswüchse eines thörichten Nationalismus nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen. Ans Washington berichten amerikanische Zeitungen, daß Staatssekretär Hay seiner Antwort auf die bekannte Interpellation Goldfogles hinzufügte: „Im klebrigen würden die vom Staatssekretär Olneh seinerzeit begonnenen Bemühungen, eine gleichmäßige Behandlung aller amerikanischen Bürger in Rußland herbeizuführen, fortgesetzt, hatten aber bis jetzt keinen großen Erfolg gehabt." Merkwürdigerweise haben die Telegraphischen Bureaus gerade diesen wichtigsten Satz nicht gebracht. H- Wie unseren Lesern erinnerlich sein dürfte, sind nach längeren Bemühungen des Shanghaier Vereins Zur Rettung der chinesischen Juden zum vorjährigen Pessachfest zwei Juden aus Kai-föng-fu, und zwar Vater und Sohn, nach Shanghai gekommen und haben daselbst einige Wochen verweilt. Die ihnen von Seiten ihrer europäischen Glaubensbrüder zu Theil gewordene gute Aufnahme trug sehr dazu bei, das Mißtrauen der eingeborenen chinesischen Juden gegen ihre in Shanghai lebenden europäischen Glaubensgenossen zu zerstreuen, und so kam es, daß am 10. März acht eingeborene chinesische Inden aus Kai-föng-fn in Shanghai eingetroffen

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