Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- Seite 266 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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266 tiefere und größere Anschauung, einen erhabeneren und bezeichnenderen Ausdruck für die Unendlichkeit des göttlichen Wesens weist uns keine Sprache nach, und nur ein schwächlicher Wiederhall sind die Worte unseres Morgengebets: „Er war, er ist und wird sein!" Denn sie sprechen ja nur die Unendlichkeit Gottes im Verlauf der Zeiten aus, während uns hier die Ahnung von der inneren Unendlichkeit des göttlichen Wesens ergreift, die über der Zeit steht und in jedem Augenblick eine vollkommene und vollendete ist. In diesem Gedanken ist der Kern und der Mittelpunkt der jüdischen Religion gegeben; denn die Worte, in welchen die Einheit des göttlichen Wesens dem lautlos aufhorchenden Volke verkündet wurde, jenes „Leluna llisroel ruloimz slolienu ullouaz eelluck", „Vernimm es, Israel, Gott, unser Gott ist «in einziger Gott"! sie sind zum Palladium geworden, durch welches das Judenthum die Einheit seiner über den ganzen Erdball zerstreuten Bekenner seit Jahrtausenden aufrecht erhält. Diese Erkenntniß von der Einheit Gottes hat das Judenthum erhalten im Kampfe gegen die Uebermacht der anderen Religionen, sie ist zu einem heiligen Besitzthum geworden, um dessen Erhaltung der Bekenner der jüdischen Religion auch heute noch so manchem irdischen Besitz, so manchem menschlichen Rechte entsagt, das ihm Gewalt und Gesetz im Laufe der Jahrhunderte entzogen haben. Die Gotteserkenntniß Israels wurde der Quell seines sittlichen Bewußtseins und das Ziel seines sittlichen Strebens. Die Tafeln des ewigen Bundes sind die Grundlehren dieser Ethik. Sie lehren uns den Glaubeit an ein einiges, einziges, ewiges Wesen, den Herrscher aller Welten, den Lenker aller menschlichen Geschicke, sie zeigen unS, daß außer ihm Keiner, den wir verehren oder anbeten sollen, sie verkünden uns, wie wir seinen Namen an den dazu bestimmten geheiligten Tagen feiern und wie wir die Eltern, die sichtbaren Stellvertreter- Gottes auf Erden, ehren sollen. Sie mahnen uns, den Nebenmenschen zu lieben, indem sie uns die Heiligkeit und Unverletzlichkeit jedes Lebens, jeder Ehe, jedes Eigenthums und jeglicher Gesinnung zur strengsten Pflicht machen, ohne Unterschied des Volkes und des Stammes. „Einerlei Gesetz, einerlei Recht und einerlei Lehre für den Fremden wie für den Einwohner des Landes!" Darum ist das Fest der Gesetzgebung auch ein Verklärungsfest für die Menschheit. Bei jedem neuen Versuch, uns das höchste Gut unseres Glaubens zu rauben, werden wir immer aufs Neue uns der Vorzüge und Verpflichtungen bewußt, die wir mit diesem Palladium übernommen haben. Mit wahrhaft prophetischem Geiste haben dies unsere großen Sänger und Seher verkündet: „Er wird die Völker an unserer Statt sprechen lassen!" Und mit gerechtem Stolze sehen wir, wie in unseren Tagen jene Angriffe gegen die israelitische Gotteserkenntniß gerade von nichtjüdischer Seite zurückgewiesen werden. „Die babylonische Schöpfungsgeschichte," so sagt einer der hervorragendsten Bibelerklärerh, „bildet nur eine materialistisch-polytheistische Folie zu dem Lichtbild der pneumatischen und einheitlichen Welt- und Gotteserziehung, wie es im Anfang der Bibel sich darstellt. Hier ist das Ewige, Majestätische in den Vordergrund getreten. Der Ideen setzende und Ideen verwirklichende Geist hat den ihm gebührenden Weltenthron inne." Ferner erklärt er es als eine historische Thatsache, daß „der Mono- >> Eduard König, Bibel und Babel, Martin Warneck) Berlin 1902. S. 30, 37, 51. Eine ausgezeichnete, gründliche und wahrhaft objektive Widerlegung der Hypothesen Friedrich Delitzschs. theiSmus weder in Babylon noch in Südarabien erwachsen und überhaupt bei keiner semitischen Völkerschaft außer in dem die prophetische Religion bekennenden Israel zum Siege gelangt ist." Ja, „Babel ist gewiß der Ausgangspunkt vieler Kulturelemente für nähere und entferntere Gebiete gewesen, aber die Religion, dieser abschließende Faktor aller Kultur, besitzt ihre klassische Litteratur in der Bibel. Babel mag immerhin das „Hirn Vorderasiens" genannt werden, aber was den Lebenspunkt der Bibel bildet, das quoll aus einer welt überrage »den Erfahrung, und es wird doch dabei bleiben: In Babel strebte die Menschheit zum Himmel, in der Bibel ragt der Himmel in das arme Menschenleben hinein." Es ist ein wahrhaft erhebender Gedanke für jeden gläubigen Juden, gerade am Schabuotfeste diesen Triumph des israelitischen Monotheismus feiern zu dürfen. „Diesen Tag hat Gott bewirkt, laut und innig freuen wir uns sein!" Me Woche. Berlin, Juni. in der vorigen Woche verstorbene Erzbischof voll Köln, Dr. Sirnnr, gehörte, wie die meisten deutschen Kirchenfürsten, zu jenen humanen Führern des Katholizismus, die die Liebe und nicht den Haß verkünden.! Wir erhalten darüber folgenden Bericht aus Köln vom 1. d. M.:! Am 26. Juni 1900 erschien eine Deputation der hiesigen Syuagogen-! gemeinde vor dem neugewählten Erzbischof der Kölner Diözese,! Dr. Simar, um denselben zum Antritt der höchsten kirchlichen Wurde in der Rheinprovinz zu begrüßen. Rabbiner Dr. Frank, der die Ansprache hielt, betonte die historische Tradition der wohlwollenden Beziehungen, die seit vielen Jahrhunderten zwischen den Oberhirten der katholischen Kirche und den Juden obwalteten. Hinweisend aus den Vorgänger des Erzbischofs, auf den Kardinal Dr. Krementz, der ganz besonders anläßlich der russischen Judenverfolgungen durch seine Sympathiebezengnngen für das Hilfswerk, das hier von interkonfessioneller Seite unternommen wurde, zum Gelingen desselben beigetragen hat, bat Dr. Frank, der Erzbischof wolle gleich seinen edlen und menschenfreundlichen Vorgängern auf dem Kölner erzbischöflichen Thron konfessionellen Frieden und brüderliches Zusammenleben unter den verschiedenen Bekennern der Diözese fördern. Es war eine weit über die Grenzen der Provinz hinaus segensreich wirkende Antwort, die der Erzbischof ertheilte. Er sagte n. a.: „Wie einst vor 2000 Jahren einer der größten Männer des jüdischen Stammes in seinem Sendschreiben an die Römer hervorgehoben, indem er fragte: „Was haben die Juden vor den Heiden voraus?" und die Antwort gab. „sie haben den Vorzug, daß sie im Besitze des Gotteswortes sind," und ein anderes Mal: „daß sie das Volk des Bundes sind," ebenso erkenne auch er diesen Vorzug des israelitischen Volkes an. „Sie sind nun einmal das von Gott auserwählte Volk, von ihm ausgezeichnet durch den Besitz des Gotteswortes und die Verheißung des Heils für die ganze Menschheit." Von diesem religiösen Standpunkt aus seine Stellung gegen Israel gegeben und von dem christlichen Grundgesetz der Liebe bestimmt. So wie er denke jeder katholische Bischof. Diese Gesinnung werde er den Israeliten der ganzen Diözese bewahren und gegebenenfalls dieselbe auch praktisch bethätigen. Diese herrlichen Worte wurden damals von dem „Verein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens" in Berlin in die polnische Sprache übersetzt und in den katholisch-polnischen Gegenden Ost- und Westpreußens, wo der Antisemitismus verheerend wirkte, verbreitet. Auch in dem bayerischen Reichsrath wurde im vergangenen Winter anläßlich der Berathung des Antrages über die Zulassung der Inden zum Nichteramt von dem Abgeordneten Müller den katholischen Mitgliedern die an den Rabbiner Dr. Frank vom Kölner Erzbischof ertheilte Antwort vorgehalten. Nicht lange war es dem Erzbischof vergönnt, den Hirtenstab des Friedens zu führen. Eitle tückische Krankheit, Lungenentzündung, die