Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- Seite 264 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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264 das sehr stimmungsvoll und wahr ist, ohne weichlich zu sein, nach dem illustrirten Katalog, der es auf Seite 101 reproduzirt, zu beschreiben. Auf dein Dach der Kajüte eines Spreekahns sitzt, die Ziehharmonika spielend, sein aufmerksam zuhörendes Hündchen neben sich, der junge Schiffer. In der Abenddämmerung verschwinden die Thürme der Stadt. Das Antlitz des nach gethaner Arbeit die Feierabendseeligkeit bei Frau Musika findende» vergnügt lächelnden Burschen ist gemächlich humoristisch und naturwahr wiedergegebeu. Max Fabian hat sein Talent für das anekdotische Genrebild schon früher bewiesen; dieses Talent ist sehr dankbar, und es kann ihn bald irr die vordersten Reihen stellen. In dieser Reihe befindet sich bereits unbestritten und hoffentlich auch „unberufen" der das Genre als Meissonier und namentlich das antiquarische Genre meisterhaft beherrschende, von Altmeister Adolph Menzel sehr geschützte, mit seinen kleinen, feinen Bildern sehr beliebte Maler Simon Buchbinder (Berlin), der seinen Namen von seinem früheren Handwerk hat. Sein sehr elegant durchgeführter Geldwechsler in diesem Salon ist entzückend. Auf dem im Katalog „Guter Gewinn" betitelten Bilde sehen wir einen betriebsamen Antiquitätenhändler, auf dem Tisch allerhand Kostbarkeiten, Leuchter, ein Perlenhalsband. Der sehr fein charakterisirte Kopf des seinen Gewinn in Gold zählenden Mannes ist mit einer Sammetmütze bedeckt, alles Detail ist gut beleuchtet, fein und sehr eigen und stimmungsvoll behandelt. In Saal 21 und Saal hängen interessante Bildnisse unseres von früheren Ausstellungen wohlbekannten Glaubeilsgenossen Michael Adam (Berlin) in vorzüglicher Technik, ebenfalls in Saal 21 und außerdem noch in Saal 35 a (Bildniß der Frau Dr. H.) und Saal 16 befinden sich gute Porträts eines aufstrebenden jüdischen Künstlers, Oskar Heller (Berlin). Viel Aufsehen erregt ein Bild des gegenwärtig in Berlin malenden etwa dreißigjährigen Künstlers Richard Goldberg-Leobschütz, das betende Juden am Jom Kippur in einer kleinen Betstube darstellt. Der Katalog nennt das als Talentprobe entschieden beachtenswerthe Bild Nummer 367 in Saal 18: „Betende Juden am großen Fasttag der Israeliten." Wir sehen auf der letzten Bank deS Betstübels einen andächtig in seinem Siddur lesenden Knaben, ein in der Bank davor stehender Alter im weißen Kittel hat sich zu ihm nmgedreht legt die Hand auf das Buch des Knaben und scheint ihn zu unterweisen. Auch die anderen Gruppen des von diesem bisher unbekannteil Maler in merkwürdiger Pastoser Technik (ein hervorragender Künstler sagte mir: „Eine Probe von großer Energie, wenn auch die Technik „meschugge" ist") gemalten Bildes zeigen sinnige Andacht, die in ihrer Naturwahrheit etwas schlicht Ergreifendes hat. Der Greis im Betkittel ans der linken Seite und der Rabbiner auf der rechten Seite legen in frommer Andacht die Hand über die A ngen; einer der frommen Beter scheint das Sündenbekennbliß zu sprechen, denn er schlägt mit der Faust an die Brust. Obwohl man weder die heilige Lade sieht noch einen Almemor, ist der junge Künstler, der entschieden Kompositionstalent hat, wegen seines Strebens sehr zu loben. Schon manches Eigenartige hat Anfangs besremdend gewirkt. Wenn auch die Details nicht ganz befriedigen, so strebt der junge Künstler mit eisernem Fleiße danach, auf diesem eigenartigen Wege sein Ziel zu erreichen. Möge ihn die Bewunderung und das reichliche Lob nicht von der Arbeit der Selbstvertiesung ablenken. Wir Juden kennen die Tiefe dieses Ernstes, und wir können zufrieden sein, mehr und mehr Künstler von echtem, tiefem Streben, die nicht nirr der Menge wetterwendische Gunst lockt, wrdmen jetzt mit ganzer Seele ihr ganzes Streben jüdischen Stoffen. Noch zwar ist die „jüdische Kunst", für die jetzt allzu laut agitirt wird, ein zartes Pflänzchen, und alie Kunst bedarf vor allem der Stille und Weihe, wen» sie sich entfalten soll. Eine solche innige religiöse Andacht strahlt mehr als der figurenreiche oben beschriebene „Jom Kippur" die Originalradirnng von Hermann Strul (Berlin) aus, welche (übrigens im Katalog neben den fünf anderen Radirungen des Künstlers, weil jetzt erst eingeliefert, bisher nicht erwähnt) „Habdalah" oder „Sabbathausgang" zu betiteln ist. Wir treten etwas zurück. Hier der Mann mit der hohen Stirn und den intelligenten Zügen, der eben sein Sabbathausgangsgebet beendigt hat und beim Schein der Habdalahkerze uns seine arbeitsvollen Hände sehen läßt (ec betrachtet nach altem Brauch gerade die Fingernägel), ist ein einsamer Mann, keine liebende Gattin oder sonst wer steht im zur Seite, kein Kind ist da, das ihm beim „Awdoloh-Machen die Kerze hält, für sich allein spricht er den Segensspruch „Hamawdil den kodesch l'chol". Schon scheiden sich bci anbrechender Dämmerung für den freudlosen Einsamen Heiliges und Profanes. Er hat in der Religion Trosi und Erhebung gesucht und gefunden, das sehen wir an seinem Antlitz; aber der Schabbes, der ihm Ruhr und Erhebung ins einsame Herz senkte, ist vorbei. Die neu beginnende Woche kann Gutes und Schlimmes bringen. Er ist voll tiefen Ernstes. Die ausgebreiteten Hände erzählen, das> er sein Leben lang schwer gearbeitet hat, die Furchen in seinem Gesicht, daß er viel gelitten. Eine leise Hoffnung dämmert für ihn und uns, wenn er das (vom Künstler auch am Rande der Radirung als Künstlerzeichen wiedergegebene) Besomim Büchschen sortstellt; das ist der kommende Schabbes und dir anderen, die noch kommen. Mögen sie dem Einsamen Frieden und Trost bringen! . . . Spverhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! lMn Bezug auf die vielbesprochene Verfügung des königlichen Provinzialschulkollegimns in Berlin, betreffend Ausstellung eine Uebersicht über die die Schule besuchenden schulpflichtigen jüdischen Kinder, erlaube ich mir Ihnen unter Kreuzband meine jüngst an die Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde versandte Denkschrift „Der Religionsunterricht in der Synagogengemeinde Hannover" zngeheu zu lassen, aus der Sie ersehen, dab bereits im Jahre 1900 das hiesige Provinzialschulkollegium wie auch die hiesige Regierung eine derartig' Verfügung an die Lehrer der ihnen unterstellten Schüler erlassen haben Dieselbe ist im Jahrgang 1901 des Statistischen Jahrbuches de^ D. I. G. B. Seite 215 abgedrnckt. Der Verfügung ist auf meinen Antrag erfolgt; die Nachweisungen über die schulpflichtigen Kindel werden von den Schulleitern der genannten Behörde und von dieser mir zu dem Zwecke übersandt, danach die Zahl der religionsunterrichtpflichtigen Kinder festzustellen und die säumigen zum Religions unterrichte anznhalteu. Dieser Zweck ist, wie sich aus der Denkschrist ergiebt, hier vollkommen erreicht worden. Das Verfahren der hiesigen staatlichen Behörde hat vielleicht dem Provinzialschulkollegium z> Berlin die Anregung zu der gleichen Verfügung gegeben, welche zweifellos auch, wie Sie es in der jüngsten Nummer Ihrer Zeitung anssprechen, den gleichen Zweck verfolgt. Hannover, den 20. Mai. Hochachtungsvoll Landrabbiuer Dr. S. Gronemann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.