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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-30 · Heft 22 (30.5.1902) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 263 (sequence 13)
Language
German
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Das Fräulein aber rang die Hände, als er ihr mittheilte, daß das Leben ihres Schützlings nur mehr an einem Faden hänge. „Bei dieser schweren Krankheit und zarten Konstitution, benachrichtigen Sie unverzüglich die Eltern. Ich bleibe hier, und Sie, liebes Fräulein, halten Sie den Kopf hoch; wir wollen alles thun, was in unseren Kräften steht, das Uebrige steht in Gottes Hand." Mitternacht war vorüber, als Frau Moser am Bette ihres Kindes erschien. Sie hatte die ganze Sache nicht für so schlimm gehalten, als man sie rief. Nun aber, als sie in ihres Kindes blasses, ganz verändertes Gesichtchen sah, schrie sie laut auf und wollte sich über die Bewußtlose werfen. Der Arzt aber hielt sie mit ernster Miene hiervon zurück. Nun war sie im Nebenzimmer, völlig verzweifelnd, halt- »nd fassungslos, und in thränenlosem Schluchzen preßte sie das Gesicht in die Kissen. Sie hatte ja Niemanden, an den sie sich klammern konnte in ihrer Angst. Wenn ihr Kind, ihr Stolz, stürbe .... »venu .... es war nicht auszudenken, nein, es durste nicht sein, das Schicksal konnte nicht so grausam sein. Sie war ja leichtsinnig gewesen, eine leichtsinnige Mutter.. in dieser Stunde fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dieses Kind, dieses herrliche Kleinod, hatte sie Fremden überlassen und war selbst dem Vergnügen nachgejagt/ Aber es durfte, es konnte nicht sein. Wie Viele wurden von dieser heimtückischen Krankheit befallen und genasen. Der alte Herr war wohl etwas ängstlich. Aber da erschien er auf der Schwelle mit trauriger, verstörter Miene. „Liebe Frau Moser, seien Sie gefaßt! Gehen Sie zu ihr, das Kind verlangt nach Ihnen. Aber Ruhe, Ruhe!" Frau Moser wankte hinaus an das Bett ihres Kindes. Vor demselben in die Knie gesunken, das Gesicht in Gretes heiße Hände gedrückt, Fräulein Nenmann, zu Häupten des Bettes der Vater und Walther, beide in Thränen aufgelöst. Grete selbst sah ihrer Mutter mit bewußten, völlig klaren Augen entgegen, ein friedliches, schmerzloses Lächeln um den zarten Mund. Mit größter Anstrengung schleppte sich Frau Frau Moser zu ihr, neigte das Haupt ganz nahe an den Mund ihres Kindes, und leise wie ein Hauch klang's in ihr Ohr: — nicht — — taufen — — glaube an — — Gott — - sei treu — — —" „Alles, was Du willst, mein theures Kind, werde gesund, lebe-" Da ging es wie ein Ruck durch den feinen Körper, noch einmal leuchteten die dunklen Augen auf, dann streckten sich die schlanken Glieder, und während Herr Moser seine bewußtlose Gattin in den Armen aufsing, ließ der alte Rath sanft die Lider über die dunklen, im Tode gebrochenen Augensterne gleiten. Der Salon 1902. i. ie diesjährige große Berliner Kunstausstellung ist eine unserer vorzüglichsten akademischen Ausstellungen; sie ist nach übereinstimmendem Urtheil weit besser als in früheren Jahren, besser auch als ihre letzten Vorgängerinnen. Will man die Stimmung, die über dem diesjährigen Berliner Salon schwebt, wiedergeben, so könnte man fast sagen, es weht ein religiöser Hauch in ihr, eine religiöse, aber keine frömmelnde Stimmung. Ich meine hier natürlich nicht die zahlreicher! Büsten von Prälaten und Bischöfen mit fein durchgeistigten Zügen, die man dieses Mal an vielen Stellen im Kunstpalast am Lehrter Bahnhof sieht, sondern mich dünkt, daß ein Zug von Schlichtheit und anspruchsloser Wahrheit durch diese ganze Ausstellung geht, daß die Pose, die Phrase und die Manier, drei entsetzliche Dinge mit ebenso abgeschmackter Bezeichnung, weniger als sonst sich hervordrängen, und daß mau Seele, Stimmung und Andacht, wenn man sie sucht, dort finden kann. Man sucht doch mitunter auch den Tempel der Kunst zur Andacht auf, und nicht etwa blos, um die prachtvollen Toiletten der Besucher innen zu bewundern. Wie sollte man wohl ohne die keusche Stimmung religiöser Empfindung ein Bild begreifen und würdigen können, wie Nummer 1024 „Be im Talmud".... Wir treten etwas zurück. Vor seinem Folianten sitzt in herber Versunkenheit ein alter Mann mit weißem Bart in langem Kaftan und „lernt". Auf dem Tisch, an dem der Greis mit dem schwarzen Käppchen auf dem geneigten Kopfe und dem düsteren Ernst in den Zügen sitzt, liegen alte, aber gut erhaltene Bücher, wohl Theile des Schulchan Aruch, darunter, wie wir auf dem Rücken des Buches in korrekten hebräischen Lettern lesen, der Choschen Mischpot. Es ist alles echt an diesem von Leopold Pilichowski (Lodz) virtuos gemalten Bild, namentlich die Hände, auch der hervorhängende Tallis kotaun und die nicht ganz sauberen Stiefel des alten Talmudisten; es fehlt aber das Durchgeistigte, die fröhliche Frömmigkeit, mit der wir einst unsere Alten „beim Talmud" sahen. Es ist ein modern-realistisches Bild aus einem düstererr Milien, aber wir vermissen doch die rechte Andacht und Weihe, und wenn dieser Talmudist den herb geschlossenen Mund aufthun sollte, er würde uns das nicht sagen, was wir von unseren jüdischen Gelehrten zu hören hoffen. Die Technik des auch im illustrirten Katalog vorzüglich wiedergegebeneu Bildes verdient hohes Lob. Es hängt im Saal 26 in gutem Lichte. In demselben Saale finden wir ein „Stillleben, Weintrauben" vor: Clara Goldmann (Berlin). Gleich am Eingang von Saal 5 hängt ebenfalls eine vorzügliche Arbeit dieser Künstlerin, Pfirsiche und meisterhaft gemalte grüne Pflaumen, zwanglos, anmuthig um einen Krug gruppirt. In dem benachbarten Saal 25u hat Hedwig Friedländer (Wien) einen effektvoll gemalten „Studienkopf" (Pastell) ausgestellt, eine junge Jüdin mit etwas röthlichem Haar, das in reicher Fülle über die weißen Schultern fällt. In dem seitlich daneben liegenden Kabinet sucht man vergeblich das laut Katalog (er enthält infolge der schnellen Herstellung mehrere leicht verzeihliche Jrrthümer) hier angeblich befindliche Bild unseres Glaubensgenossen Max Fabian (Berlin) „Feierabend auf der Spree". Das mir von künstlerischer, kompetenter Seite sehr gerühmte Bild ist umgehängt. Wir müssen uns heute damit begnügen, das meisterhafte Genrebild,

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