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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-30 · Heft 22 (30.5.1902) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 262 (sequence 12)
Language
German
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262 Unterricht im eigenen Hause, und Fräulein Neumann bewohnte mit ihr zusammen zwei schöne, luftige Zimmer im ersten Stock des Hauses. Das Mädchen hing mit schwärmerischer Liebe an ihrer Lehrerin, und oftmals, wenn in den Parterreräumen Feste gefeiert wurden, saß die kleine Grete zu den Füßen des Fräuleins und lauschte andächtig, was Diese ihr von den großen Männern ihres Stammes erzählte, denn wunderbarerweise, hatte das Kind für alles, was mit dem Jndenthum zusammenhing, ein reges Interesse. Fräulein Neumann war eine Jüdin. Der vor mehreren Jahren im Hause seiner Tochter verstorbene Herr Maifeld, Gretes Großpapa, hatte es noch durchgesetzt, daß sie eine jüdische Lehrerin erhielt. Es hatte zwar einen kleinen Kampf gekostet, aus dem der alte Herr aber als Sieger hervorgegangen. Frau Moser ihrerseits erklärte dann jedoch in bestimmter Weise, in welcher Richtung sie ihr Töchterchen erzogen zu sehen wünschte. Es war ein besonders begabtes Kind, die kleine Grete. Manchmal jedoch erschreckte sie ihre Lehrerin durch irgend eine Frage, die so wenig zu ihrem Alter paßte. Das kritische Alter der ersten religiösen Zweifel und Angst.Fräulein'Neumann wußte das Kind in kluger, beruhigender Weise zu führen und ihr ein inniges Vertrauen zu dem Höchsten einzuslößen, und wie es oft vorkommt, daß Eltern und Kinder sich auf diesem Gebiete als Gegensätze berühren, Grete besaß ein tief religiöses Gemüth.. . . Der Winter hatte in diesem Jahre ein strammes Regiment geführt, nun aber ging er zur Neige. Das gesellschaftliche Leben in H. hatte seinen Höhepunkt erreicht. Im Moser'schen Hause rüstete inan sich zu einem frohen Feste. Der Geburtstag der Hausfrau wurde, wie stets, auch in diesem Jahre in groß, artiger Weise begangen. Grete war recht fleißig gewesen. Sie hatte eine sehr hübsche Zeichnung vollendet, ein biblisches Motiv in schöner, sauberer Ausführung; das Bild war für das Schlafzimmer der Eltern bestimmt. Ihre Mutter hatte es zwar nur eines flüchtigen Blickes gewürdigt, aber desto größere Freude bereitete ihr das Lob ihrer Lehrerin. Es war nach dem Souper. . . . Man hatte gut getäfelt, fleißig auf die Gesundheit des Geburtstagskindes getrunken; nun saß die Gesellschaft zwanglos zusammen, plaudernd, spielend, debattirend. Herr Moser hatte sich mit dem Musikdirektor Bölkert, Gretes Lehrer und einziger Nichtjude des Kreises, in ein Nebenzimmer zurückgezogen. Die beiden Herren diskutirten lebhaft und ziemlich laut. Es war aber auch ein anregendes Thema, das sie erörterten, und das besonders Herrn Moser zu interessiren schien: die Nützlichkeit der Taufe bei den Juden. Der Musikdirektor wurde immer reservirter, er war ein recht gebildeter, kluger Herr, unterrichtete ohnedies in fast allen jüdischen Familien der Stadt. . . . „Man ist es sozusagen seinen Söhnen schuldig, bester Herr Direktor," sagte Herr Moser soeben, nachlässig die blauen Wölkchen einer feinen Havana in die Luft blasend, „fast alle leidlichen Karrieren sind ihnen verschlossen. Wenn nur mal einer den Anfang machen wollte, ich glaube die ganze Heerde käme nach." Der Musikdirektor räusperte sich und wiegte nachdenklich den bereits ergrauten Kopf. Plötzlich, wie aus der Erde gezaubert, stand die kleine Grete, die ungesehen in einem Winkel des Boudoirs müde und traurig gesessen, vor den beiden Herren. Ihre dunklen Augen flammten, und der ganze zarte, kleine Körper des Kindes bebte in verhaltener Aufregung. „Wie, Papa," sagte sie furchtlos, wenn auch mit zitternder Stimme, durch die Thränen klangen, „Du, Du hast das Herz, von so etwas zu sprechen. O, Papa, das ist doch Dein Ernst nicht! Denke doch an die Feigheit, die hierin liegt, sahnen flüchtig zu werden! Meinst Du denn, Du seiest dann etwas anderes? O nein, Papa, ich habe ja zu oft gehört, wie man hinter Cohns Rücken (die Familie, von der Grete sprach, wa vor mehreren Jahren in einer süddeutschen Stadt zum Christenthum übergetreten und dann hierher verzogen; sie lebtc hier ganz isolirt und zurückgezogen) lachte und spottete, wie in der Tanzstunde Henny immer allein saß; denn siehst Du, Papa die Juden wollten nichts von ihr wissen, und die Anderen erb recht nicht. Glaubst. Du, Papa, daß ich sie oft von Herzen be dauerte und gern zu ihr gegangen wäre, wenn ich gewußt, ob es ihrer Mutter, die ja auch keine Jüdin mehr sein will, rech! gewesen! Das ist ja nur ein Beispiel. Aber auch ohne dies .. nein, Papa, ich habe mein Judenthum viel zu lieb, um es mir nehmen zu lassen, will auch keinen anderen Gott als meiner! alten, ewig einen. Sag' doch, bitte, Papa, daß es nur ein böser Scherz gewesen, bitte, liebster Papa!" Sie hielt ihm die gefalteten Händchen entgegen, nnd nun brach ihre Stimme in Thränen. „Aber, Grete! Nun sehe mir einer die Kröte an!" Und etwas strenger: „Wie kommst Du denn hierher? Und in welcher Aufregung, Kind! Das ist noch keine Unterhaltung für Dich, das verstehst Du nicht!" „Das verstehe ich ganz gut, Papa. Du mußt mir ver sprechen . . ." Sie stockte. Herr Moser sah, daß sein Töchterchen fieberhaft erreg! war, und so trat er in einiger Verlegenheit den Rückzug an „Aber Kind, so ernst nimm doch die Sache nicht! Gewiß nicht Nun aber" ... er sah sich um . . . Der Musikdirektor hatte sich diskret zurückgezogen, er stand vor einem alten Kupfer stiche, den er angelegentlich betrachtete . . . „Nun geh zu Fräu lein, Grete! Sie sott Dich schleunigst zur Ruhe bringen, Dn fieberst ja ordentlich, Du naseweise kleine Person!" . . . Er strich über ihr dunkles Köpfchen und schob sie saust hinaus . . . „Ein merkwürdiges Kind, ein außerordentlich merkwürdiges Kind, Herr Musikdirektor!" * * Es war eine Woche später. Ein trüber, regnerischer Tag senkte sich auf die Stadt herab. Grete Moser schlich, ein Bündel Gräser im Arm, ihrem Elternhause zu. Wie entsetzlich müde sie war, die kleine Grete! Ihre Füße wollten sie kaum tragen, dabei dieser häßliche Schüttelfrost . . . Die ganze Woche war sie still umher gegangen, um über Papas Worte nachzm sinnen. Und nicht einmal ihrem lieben Fräulein hatte sie sich anvertraut. Sie schämte sich so schrecklich für ihren Papa . . Nun war sie heute auf den Friedhof gelaufen, zum Grabe ihres lieben Großpapas. Ja, wenn der noch lebte! Der hätte sic wohl verstanden, zu dem wäre sie gegangen in ihrer Herzensnoth . . . Lauge hatte sie bei ihm gesessen und nicht der Feuchtigkeit und des Nebels geachtet, der immer tiefer und dichter sich herniedersenkte, bis der Schließer sie weggeschickt. . . Nun würde Fräulein Neumanu nett schimpfen, denn sie war ohne Erlaubniß heimlich gegangen. Die Eltern fürchtete sie nicht, denn es war Spielabend, und da waren sie längst

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