Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- Seite 261 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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261 - „Beiträge zur Erklärung des Matthäus-Evangeliums" (1890), „lieber dem Begriff der Nächstenliebe (1896) u. a. m. genau wissen, nicht an Material fehlen konnte, um darzuthun, daß die Predigt Jesu zum Mindesten nicht in dein schroffen Gegensätze zum Judenthum steht, wie Professor Harnack aus dem bloßen Wortlaut derselben schließen zu dürfen glaubt. Hier findet das Wort Samuels seine Anwendung: „Fürwahr, wenn du auch gering erscheinst in deinen Augen, so bist du doch ein Oberhaupt in Israel!" Mit dem letzten Kapitel: „Die Hoffnung für die Zukunft" krönt sich dieses Buch im besten Sinne des Wortes. Unter schwellenden Gefühlen des Trostes und der Freude nimmt man hier den unendlich weiten Horizont der Zukunstshoffnungen Israels für die gesammte Menschheit wahr. Es wird hier gezeigt, wie die Messiasidee aus dem engen nationalen Nahmen hinauswächst zum hohen und hehren Völkerpanier, unter dem die Nationen der Erde zur Menschenverbrüderung sich sammeln und ihren Weltfrieden feiern. Wie diese große, universalistische Friedensnnd Freudenbotschaft mit all den Wonnen und! Schmerzen der Sehnsucht, das Gottesreich auf Erden erblühen! zu sehen, durch das Herz Israels, durch sein Schristthum, durch seine Feste und seine Fasten, durch seine heiligsten Gebete fort und fort hindnrchklingt und in der Gegenwart auch außerhalb des Judenthums in weiten Kreisen einen frohen Wiederhall weckt — das stellt Güdemann in großen, ergreifenden Zügen dar. Sein Buch reiht sich den besten Erzeugnissen der jüdischen Litteratur der Gegenwart würdig an. Es ist in hohem Maße geeignet, belehrende Aufklärung über das Judenthum zu vermitteln, Liebe und Begeisterung für dasselbe zu wecken. Seine Verbreitung kann in jüdischen Kreisen nur von religiösem und moralischem Segen begleitet sein und auch außerhalb derselben den Nutzen stiften, ein klares, wahrheitsgemäßes Urtheil über das, was das Judenthum ist, was es fühlt, denkt und erstrebt, zu verschaffen. LML.i.L'ro Familie Moser. Von B. Leiser-Köln. nannten ihn in der Gemeinde „Christian" wegen seiner Vorliebe für nichtjüdische Kreise. Er verkehrte in einem s) Lokal, saß am Stammtisch zusammen mit einem Major a. T>„ einem Justizrath und einem Oberlaudesgerichtsrath. Zweimal in der Woche spielte er mit diesen Herreil einen Bierskat, und in dieser Gesellschaft ignorirte er jede andere. Ob man ihn als Juden kannte? Er gab sich nicht als solchen, und was sein Aenßeres betraf, konnte er für einen Vollblut- Germanen durchgehen. Einen „Familienverkehr" anzubahnen, war Herrn Moser jedenfalls noch nicht geglückt, wie oft er auch schon in zarter Weise leise Tastversuche in der Richtung gewagt hatte. Und gerade dieses erstrebte sein Ehrgeiz, würde ihm bei seiner Gattin einen Ungeheuern Nimbus verleihen! Denn seine Frau, Johanna geborene Maiseld, war in dieser Beziehung glühend ehrgeizig, sagen zu können: Ich bin bei Justizraths gebeten oder bei Majors zum Thee geladen. Das war das Höchste was sie zu erstreben hoffte . . . In der Stadt, in welcher die Familie Moser lebte, waren die verschiedenen Konfessionell — besonders aber die jüdische — scharf abgegrenzt. Es war eine ziemlich bedeutende Garnisonstadt, der Gouverneur hielt Hof wie ein kleiner Fürst in seinem Residenzchen, und die Honoratioren der jüdischen Gemeinde, ungefähr 40 Familien an der Zahl, suchten, wenn auch ohne jede Fühlung mit diesen Kreisen, das gesellschaftliche Leben dieser „oberen Zehntausend" bis ins Kleinste nach» zuahmen. Herr und Frau Moser zählten zu den Tonangebenden in diesem Kreise, und ihr Haus war wohl der Mittelpunkt der jüdischen Geselligkeit. Religiös war man gar nicht; im Gegentheil, es gehörte znm guten Ton, die von den Vätern überkommenen und heilig gehaltenen Bräuche und Ceremonien ostentativ zu ignoriren, besonders im öffentlichen Lebeir. Frau Moser war aus gutem jüdischen Hanse; schon ihr Vater und Großvater waren vermögende, angesehene Männer gewesen, hatten stets im Vorstande der jüdischen Gemeinde ihrer Geburtsstadt gesessen. Die sehr freien Ansichten über Religion hatte sie von ihrer Mutter, die auch darauf bestanden, daß ihre Tochter in einem feinen, christlichen Pensionate erzogen wurde. Später heirathete das ziemlich verwöhnte Mädchen, nachdem zahlreiche vornehme Heirathspläne gescheitert, ihren jetzigen Mann, einen Vetter aus minder begüterter Familie, der sich jedoch in guter Position befand, und aus diesen verschiedenen Gründen seine Augen zu der reichen Kusine zu erheben wagte. Nicht gern gab die stolze Mutter das Jawort, und wenn nicht Johanna schon 25 Jahre gezählt, mail hätte den Freier wohl heimgeschickt. So kam es, daß die junge Frau Moser von vornherein das Regiment im Hause führte und ihren Neigungen für ein reges geselliges Leben, für Vergnügungen mancher Art die Zügel schießen ließ; sie schwärmte eben nicht sür ein Glück im Winkel . . . Sie hatte ihren Mann gern, ihn schon damals lieb gehabt, als ihr noch nicht einmal der Gedanke gekommen, diesen Vetter zu heirathen. Auch ihre Kinder, den 15 jährigeil Sekundaner Walther und die 13 jährige Grete liebte sie in ihrer Weise zärtlich. Walther hatte schon das Auftreten eines jungen Herrn, war recht flott und schneidig, ganz wie seine Mutter es liebte. Grete dagegen war voll ganz anderer Art. Zart und blaß war ihr fein geschnittenes Gesichtchen mit den großen, dunkel umschatteten Allgen. Ein tief grübelnder Ernst lag meistens über den feinen Zügen, etwas sehnsüchtig Verlangendes in den halb verschleierten, mandelförmigen Augen. Die zarte Gestalt war für ihr Alter schlecht entwickelt, doch der Geist des kleinen Mädchens war dem Körper weit vorausgeeilt. Sie sah mit klugem, scharfem Auge das Leben im elterlichen Hause, das trotz all der Menschen, die ausnnd eingingen, ihr so öde, so entsetzlich einsam dünkte. Ja, als Großpapa noch dagewesen, da hatte sie sich nicht ganz so einsam gefühlt, zu dem konnte sie flüchten, und der hatte sie liebevoll an sich gezogen und mit ihr geplaudert! Null zog sie sich meistens zurück, wenn Fremde da waren, denn sie liebte alle diese lauten, lustigen Menschen nicht- Ihre Mutter hatte sie wohl lieb, aber sie hatte so wenig von dieser Mutter, die so viel ausging und ihre Grete so viel allein ließ, d. h. allein nicht. Frau Moser ließ ihr Töchterchen keine Schule besuchen, Grete erhielt den