Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-30 · Heft 22 (30.5.1902) · p. Seite 259

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 259 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228496--58695-3295162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

25S Eine Schrift über das Wesen des Judenthums.'^ Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick, Berlin, chon lange ist auf dem Gebiete jüdisch-litterarischer Schöpfungen keine so interessante Erscheinung hervorgetreten als das in der Ueberschrift charakterisirte neueste Buch des Wiener Oberrabbiners. Es spiegelt den Geist des Judenthuins mit einer Treue, Klarheit und Feinheit in erfreulicher Weise ab. Wer die Bibel nie gelesen hätte, vom Talmud nichts wüßte, vom Judenthum nur gerüchtweise vernommen, liest er dieses Buch, so fühlt er sich von dem Geiste derselben freundlich angeweht und ergriffen; es vermittelt ihm auf höchst angenehme und lehrreiche Weise eine erfreuliche Bekanntschaft mit dem Genius der Religion und der Geschichte des Judenthums. Wer letzteres aber aus Studium und Beruf kennt wird aus der feinen und scharfsinnigen Art der Behandlung des Stoffes Nutzen ziehen, weil sie mustergiltig ist für das tiefe Erfassen des Wesens des Judenthums, wie es ist und in der Geschichte in die Erscheinung tritt. Dem gediegenen Inhalte entspricht die Form und der Ton des Buches. Es reißt den Leser nicht mit sich fort durch eine Ueberftuthung begeisterter Redewendungen, durch Bilderschmuck und sonstige stilistische Künste, sucht nicht durch süßliche Rührung zu bestricken oder durch blendende Phrasen zu bestechen, sondern es wirkt überzeugend aus dem Nachweis der inneren Wahrheit dessen, was es vvrträgt. Und der Nachweis ist immer treffend, sachlich und bestimmt, voll logischer Kraft und Beseeltheit. Ein besonderer Vorzug dieses Buches ist die weise Mäßigung, die vornehme Zurückhaltung, auf alle die angeführten und angedeuteten, das Judenthum aus Unkenntniß oder Absicht herabdrückenden Urtheile eine beißende Satire nicht zu schreiben. Wenn mari dieses Buch liest, hat man nicht die Empfindung, daß das Judenthnnl der Gegenwart am Fuße eines Vesuvs steht, aus welchem unterirdisches Getöse und Lavaausbrüche es schreckten und in seinem Bestände bedrohten, man fühlt sich vielmehr aus dem Toben der Völker aus ein voll stillem Frieden umhegtes Eiland versetzt, wohin das Dröhnen der feindlichen Geschosse nur im fernen, schwachen Widerhall dringt. Das ist aber kein Fliehen vor dem Feinde, auch keine pessimistische Weltflucht, ebensowenig ein vornehmesJgnoriren, oder ein Verkennen der Gefahren, vielmehr ist es die Höhe jener überlegenen Ruhe, von welcher aus die Besatzung einer belagerten Festung von Zeit zu Zeit zum Appell berufen und ihr gesagt wird, was und wie vertheidigt werden soll, und von welcher wichtigeil Bedeutung die heldenmüthige Vertheidigung dieser Position ist. „Diese Schrift ist keine Streitschrift," sagte der Verfasser. „Ich habe ganz einfach das Bedürfniß gefühlt, auszusprechen, was das Judenthum ist, und dieses Bedürfniß ist um so erklärlicher, je häufiger das Judenthum als etwas hingestellt wird, was es nicht ist." Diese seine Aufgabe löst der Verfasser in sechs Abschnitten: Die Familie, der Gottesglaube, der Mensch das Ebenbild Gottes, das Diesseits und das Jenseits, die Lehre und das Leben, die Hoffnung für die Zukunft. — Wir gewinnen dabei das Bild eines Baumes, dessen Keimkraft durch den ganzen Stamm hindurch zum äußersten Gipfelh Das Judenthum in seinen Ernndzngen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen dargestellt von Dr. M. G ü d e m a n u. (Wien, 1902. R. Löwite. Punkt emporgetrieben, mit mächtigen Aesten und Zweigen sich krönt. Diese Keimkraft ist in der Geschichte des Judenthums die Familie. Die Ursprnngsgeschichte ist Familiengeschichte. Aus zahlreichen anmuthigen Szenen ans der Bibel und dem Talmud wird der die Juden in prägnantester Weise charakterisirende Familiensinn, die Gatten-, Kindes- und Elternliebe dargethan. Es sind erlebte und gelebte bukolische Gedichte, die da an unserem Auge vorüberziehen, mit dem ganzen Thau einer frischen, reinen Natürlichkeit, mit all dem Farbenreiz inniger Fa>uilienbande, wo die Schatten der Sorge, des Kummers und des Schmerzes mit dem Glanz der Freude und des Glückes abwechseln. Sind solche Züge und Szenen auch schon anderweitig vielfach vorgeführt worden, um jüdische Familientngenden zu beleuchten, so weist der Verfasser dabei auf die bedeutenden Momente hin, daß wir aus dem Judenthum erkenne», nicht blos, was es über die Familie lehrt, sondern vielmehr, was es ans diesem Gebiete in der Geschichte ist, und daß die Familie der Mutterboden ist, auf dem sich die monotheistische Religion Israels entwickelt hat. Aus dem Rahinen des farbenreichen Gemäldes ragt besonders die Persönlichkeit der Fra» hervor in ihrem Nimbus als Gattin und Mutter, als Trägerin der religiösen Tradition; sie genießt eine dankbare Anerkennung ihres segenreichen Wirkens, eine Verehrung, die fast an einen Frauenkultus streift. So zeigt der Verfasser, wie mit der sittlichen Konstituirung der Familie die Verehrung eines einzigen Gottes, der Monotheismus, an die Stelle der Vielgötterei getreten, und daß dieser nicht ein Produkt philosophischer Spekulation, sondern aus der unmittelbaren Intuition erkannt, das eigenste Werk Israels ist, in dem es im Lauf seiner Geschichte ganz und gar aufgegange». Interessant ist, wie der Verfasser der von manchen christlichen Gelehrten aufgestellten Behauptung vom jüdischen Nationalgott cntgegentritt und mit geistesscharfen Waffen bekämpft, während die positiven Beweise für das Gegentheil, d. h. daß der jüdische Gottesbegriff von Hause aus universalistisch gefaßt ist, von zwingender Logik sind. Vielleicht hätte dem Verfasser das Wort Gottes an Abraham: „Werde zum Segen, und es sollen durch dich gesegnet werden alle Geschlechter der Erde," einen Stützpunkt bei seiner Beweisführung dargeboten, weil dieser Ausspruch den echt universalistischen Zug im Charakterbilde des Judenthums überhaupt darthut, wie das nach dem Vorbilde der universalistisch humanen Eigenschaften Abrahams in der biblischen, talmudischen und rabbinischen Litteratur in den wohlwollendsten Bestimmungen gegen Nichtisraeliten seinen Ausdruck findet. Dieser Zug würde auch bei direkter logischer Ueberleitnng vom zweiten zum dritten Kapitel dem großen und reichen Bilde von der umfassendsten Humanität, das dieses letztere ans der Gottesebenbildlichkeil, ans der erziehlichen Tendenz im Hinweis auf Aegypten sowie aus den talmudischen Grundsätzen zeichnet, ein erhöhtes Kolorit gegeben haben. Denn es ist das Imposanteste und Einzigartige in der Geschichte der Völker, daß ein Volk wie das israelitische schon in seinem Urbeginn mit der Proklamirung der allgemeinen Menschenbeglücknng anftritt, und zwar schon zu einer Zeit, wo alle anderen Völker, im rohesten Egoismus verstrickt, jeden Fremden als einen Barbar bezeichneten und verabscheuten. Ungesucht und ungezwungen ergiebt sich daraus die Auserwähltheit eines solchen, znin Altruismus vor allen anderen angelegten Volkes, was demselben ebensowenig streitig gemacht werden kann als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.