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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-30 · Heft 22 (30.5.1902) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 258 (sequence 8)
Language
German
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258 Brief aus Italien» Florenz, Mitte Mai. abbi be« Akiba ist wieder einmal dementirt worden: ein jüdischer Kciegsminister ist doch noch nicht da- ^(s gewesen! Ihn zum ersten Male geschaffen zu haben, ist dein dritten Italien Vorbehalten geblieben. König Viktor EmanuelHI., dessen liberale Gesinnung auch seither rühmlichst bekannt war, hat durch die jüngst erfolgte Ernennung des Generals Ottolenghi zum Kriegsininister des Königreichs Italien von Neuem seine Vorurtheilslosigkeit bethätigt. General Ottolenghi hat sich bisher^ vom politischen Leben durchaus ferngehalten; um der streng konstitutionellen Regiernngsform zu genügen, wonach nur Mitglieder eines der beiden Parlamente in das Kabinett berufen werden, mußte er eigens zum Senator ernannt werden; es ist demnach einzig und allein seine militärische Tüchtigkeit, der er den höchsten Vertrauensposten in der Heeresverwaltung verdankt. Giuseppe Ottolenghi ist 64 Jahre alt und gehört seit mehr als vier Jahrzehnten dein Heere an. Als junger Leutnant machte er alle die glorreichen Feldzüge für die Befreiung und Einigung des Vaterlandes mit und zeichnete sich schon damals ganz besonders aus. Für ungewöhnlichen Muth und Unerschrockenheit vor dem Feinde erhielt er ein Ehrendiplom und die savoyische Medaille für Verdienste im Kriege. Später that er sich beim Kampfe gegen die Briganten in der Basilikata wiederum durch Akte außerordentlicher Tapferkeit und als tüchtiger Taktiker ganz besonders hervor. Er machte die Stufenleiter im Heere rasch durch und ward schließlich als Brigadekommandeur zum General ernannt. Die Werthschätznng, deren er genoß, drückte sich wiederholt in der Uebertragung ehrenvoller Posten an den verdienten Offizier aus. Zweimal hatte er Prinzen aus dem königlichen Hanse unter sein Kommando, als Divisionschef in Neapel den damaligen Kronprinzen als Leiter einer Brigade, und nachdem der Prinz ihn im Kommando abgelöst hatte, wurde Ottolenghi nach Turin versetzt, wo der Herzog von Aosta, der Vetter des Königs, zu den ihm unterstellten Offizieren gehörte. Aus der Zeit ihrer gemeinsamen Thätigkeit in Neapel rührt die persönliche Hochachtung uud Freundschaft her, die der König dem tüchtigen General entgegenbringt, und der der erleuchtete Souverän wiederholt Ausdruck gab. So wurde General Ottolenghi vor wenigen Wochen von Palermo, wo er seit einigen Jahren Korpskommandeur war, nach Genua berufen, und außer dem wichtigen Posten der Leitung dieses Grenzkorps wurde ihm für den Kriegsfall das Oberkommando über vier Armeekorps übertragen. Kaum war die Uebersiedelung erfolgt, da wurde Ottolenghi durch seine Ernennung zum Minister in die verantwortungsvollste Stellung, an die Spitze der obersten Verwaltung des ganzen Heeres berufen, wo es ihm trotz seiner mangelnden parlamentarischen Erfahrung durch seine Sachkenntniß und seine Begeisterung für die Armee (die bei den eigeuthümlichen Parteiverhältnissen in Italien eine sehr ungünstige Stellung hat) hoffentlich gelingen wird, eine segensreiche Thätigkeit zu entfalten. General Ottolenghi ist der erste Jude, der in einem modernen Heere die höchsten Ehren erreicht hat, und die Geschichte der Diaspora weiß diesem Falle kein zweites Beispiel an die Seite zu stellen. Darum hat seine Ernennung einiges Aufsehen erregt, das umsomehr gerechtfertigt ist, wenn man bedenkt, daß in dem Heere eines mit Italien Verbündeten Staates die Juden selbst von der Stellung der Militärärzte und der Würde eines Offiziers in der Reserve ausgeschlossen sind, und mit welcher Lügenhaftigkeit unsere Feinde die Untauglichkeit der Juden als Soldaten behaupten. Da ist es eine mehr als wohlverdiente Zurechtweisung, daß im Augenblick, in dem die Verhandlungen für die Erneuerungen des Dreibunds ernstlich und ängstlich geführt werden, die wichtigen Abmachungen über die Wehrhaftigkeit des italienischen Heeres durch einen Juden vertreten werden. Vielleicht betrachten die Konservativen es als einen Trost, daß auch die hiesigen Klerikalen die Beförderung eines Juden mit unverhohlenem Aerger aufnehmen, jene Klerikalen, die unter der heuchlerischen Flagge der Religiösität darauf hinarbeiten, die Grundfesten des Staates zu zerstören. In den staatserhaltenden Kreisen Italiens aber kennt man die konfessionellen Unterscheidungen im öffentlichen Leben nicht; jene Engherzigkeit, die die Befähigung zu einem öffentlichen Amte von der Beibringung eines Taufscheins abhängig macht, und sei derselbe auch durch die ehrlose Handlung eines Meineids erworben, erfüllt jeden ernsten Politiker in Italien mit Entsetzen. Von nicht geringerer Bedeutung als für die Gleichberechtigung der Juden ist die Ernennung des Generals Ottolenghi für das religiöse Leben unserer Glaubensgenossen. General Ottolenghi hat in seiner langen, ehrenvollen Laufbahn aus seiner Abstammung nie ein Hehl gemacht und seine Zugehörigkeit zn unserem Religiousbekenntniß nie verleugnet. Soweit es in seinen Kräften stand, hat er an dem Leben der Synagoge und Gemeinde theilgenommen. Er hat in Turin nicht nur am Versöhnungstage, wie Sie berichteten, sondern an jedem dienstfreien Sabbath die Synagoge besucht. Das muß ganz besonders hervorgehoben werden in einer Zeit, in der in den sogenannten „besseren Ständen" in manchen Ländern der Abfall und die Fahnenflucht zu den alltäglichen Erscheinungen gehören. Es muß zur Ehre unserer italienischen Glaubensbrüder gesagt werden, daß diese traurige Erscheinung hier unbekannt ist; ihr Bekenntniß verleugnen oder die Kinder dem Glauben der Väter entziehen, würden italienische Juden als Charakterlosigkeit mit Schimpf und Verachtung strafen. Und wahrlich, was bedeutet denn die gesellschaftliche Stellung eines Justizraths oder Professors, eines Bankdirektors oder gar eines Apothekenbesitzers gegenüber den hohen Würden, die unsere hiesigen Glaubensgenossen in Heer und Verwaltung, in Ministerien und Parlamenten, im Adel und in der Gesellschaft allenthalben einnehmen, und wie viel verächtlicher ist die Fahnenflucht aus gesellschaftlichen Gründen! In der Einleitung zum zweiten Bande seiner „Geschichte der Juden in Rom" schildert A. Berliner, welchen Eindruck es auf ihn machte, als er den General Ottolenghi an der Spitze jener Reiter sah, die Kaiser Wilhelm II. das Ehrengeleite bei seinem Besuche im Vatikan zu geben hatten. General Ottolenghi ist zuni Sinnbild des Fortschritts in der Gleichberechtigung unserer Glaubensbrüder geworden. Es ist wenig mehr als ein Menscheualter, daß die Juden im römischen Ghetto wohnen und trauernd zuschauen mußten, wenn ihnen die Kinder geraubt und in die Klöster entführt wurden; heute steigt in der ewigen Stadt ein Jude zu den höchsten Ehren in der Heeresverwaltung. Da müssen wir Alle neue Hoffnung schöpfen für die Zukunft unseres Stammes. Ldreo.

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