Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- Seite 257 (sequence 7)
- Language
- German
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257 thropen und energische Vereinigungen schafften die Mittel zur Gründung von Kinderheilstätten und Ferienkolonien in immer steigendem Maße. Deutschland hat auch bereits eine jüdische Taubstummenanstalt und ein öffentliches Tuberkulosesanatorium (Soden); dem Zuge der Zeit folgend, befassen sich zur Zeit verschiedene Kreise des deutschen JudenthumS mit dem Plan einer zweiten Heilstätte, und erst jüngst hat Herr Dr. Kassel in dieser Zeitschrift dafür plädirt, daß die deutschen Juden für alle ihre Schwindsüchtigen systematisch Volksheilstätten errichten sollen. An die zahlreichen jüdischen Nervenkranken hat jüngst einmal ein verwegener Träumer gedacht, an die Geisteskranken aber bisher wohl Niemand. Dabei beanspruchen unsere Geisteskranken ein ganz besonderes Interesse. Die jahrhundertelange physische Depravation durch das Ghettolebeu und die von jeher bei uns heimische geistige Ueberlastung haben das Ihrige gethan, um der jetzt lebenden Judengeneration den Stempel nervöser Entartung unverkennbar auszuprägen. Bezeichnend dafür ist die ungeheure Zahl der schlechthin „Nervösen" und der eigentlich Nervenkranken unter uns, ferner die das Be» völkerungsverhältniß weit übertreffende Zahl jüdischer Taubstummer und Blinder. Das markanteste und traurigste Moment aber ist die außerordentliche Zahl von Geisteskranken. 1871 kamen in Preußen und Bayern auf je 100 OVO Seelen: bei Protestanten 236, bei Katholiken 231, bei Juden 4 2 3 Geisteskranke. 1895 kamen in Preußen auf je 100 000 Seelen: bei Protestanten 261, bei Katholiken 250, bei Juden 498 Geisteskranke. Oder anders allsgedrückt: 2>/o Prozent der Geisteskranken Preußens waren Juden, während der Prozentsatz entsprechend demjenigen in der Gesammtbevölkerung IVz hätte sein müssen. Ueberdies ist aus dem Vergleich der Ziffern von 1871 und 1895 zu ersehen, daß das Anwachsen der Jrrenzahl in unserem nervösen Zeitalter bei den Juden noch weit rascher erfolgt als bei den Nichtjuden. Aus Oesterreich, Italien, England, Frankreich, Rußland liegen ebenfalls wissenschaftliche Untersuchungen über die Konfessionalität der Geisteskranken vor, welche alle übereinstimmend ein starkes Ueberwiegen der Juden konstatiren. Auch darüber sind alle Beobachter fast einig, daß die auf Alkoholmißbrauch zurückzuführenden Psychosen, welche einen bedeutendeil Prozentsatz aller geistigen Erkrankungen überhaupt ausmachen, bei den Juden fast gar nicht Vorkommen, die durch das Syphilisgift erzeugten Seelenstörungen bei den Juden weit seltener als bei Nichtjuden sind. Ihr Hauptkontingent stelleil sie zu den durch erbliche Belastung, geistige Ueberanstrengung und Ueberreizung deS Gemüthes hervorgerufenen Geisteskrankheiten. Diese wahrhaft erschreckendeil Verhältnisse erfordern gebieterisch ein Eingreifen! Was verschlägt es, daß in Preußen 70 Prozent der jüdischen Geisteskranken in Anstaltspflege sind, während von der Gesammtziffer der Irren nur 53 Prozent dieses Segens theilhaftig werden? Bleiben von ca. 1900 Geisteskranken unter den preußischen Juden doch noch ca. 600 unversorgt. werden theils wegen lleberfüllung der Anstalten, theils aus Mangel an Mitteln im Hause gehalten, bei körperlich und seelisch unzweckmäßiger Behandlung, ein Hemmschuh des Familienlebens, der Ruin des Familienvermögens. Und wie steht es mit den jüdischen Gemüthskranken, die in Anstalten untergebracht sind? Denkt Niemand daran, daß die jüdische Gemeinschaft die Pflicht hätte, auch Diesen rituelle Kost zu schaffen? Der Laie, der sich einen Geisteskranken meist, unter dem Bilde tobenden Wahnsinns vorstellt, hält es für selbstverständlich, daß in solchen Zuständen der seelische Zusammenhang mit dem ganzen früheren Leben also auch mit dem religiösen Leben völlig gelöst ist. DaS ist aber durchaus irrig; ich kann aus eigener Erfahrung dem von Herrn Dr. Rosenak citirten psychiatrischen Fachmann, Herrn Dr. Kalmus, vollständig beipflichten, wenn er behauptet, daß die meisten Geisteskranken, soweit sie in gesunden Tagen ein gesetzestreues Leben geführt haben, beim Genüsse nichtritueller Speisen die größten Gewissensqualen erdulden, eine seelische Pein, welche die ohnedies vorhandenen Störungen des seelischen Gleichgewichts zu vermehren oder ihren Ausgleich zu hemmen geeignet ist, und die überdies die etwa erforderliche Ueberernährung fast unmöglich oder nur mit Anwendung von Zwang sSchlundsondenfütterung!) möglich macht. Bestätigen muß ich leider auch, daß in öffentlichen Anstalten die jüdischen Irren vielfach antisemitischen Rohheiten ausgesetzt sind, theils seitens der Mitkranken, theils von Seiten des Wartepersonals. Die christlichen Anstaltsärzte — und um solche handelt es sich in preußischen Provinzialanstalten fast ausschließlich — stehen derartigen Uebergrifsen selbstverständlich fern, thun im Gegentheil ihr Möglichstes, um die Gegensätze auszugleichen und in den täglich sich ereignenden Konflikten die jüdischen Kranken zu schützen. Aber sie sind machtlos einem Uebelstande gegenüber, dessen Ursachen in der Natur der bisherigen Verhältnisse zu suchen sind. Eine andere Frage ist die, ob jene Aerzte im Stande sind, den jüdischen Seelenkranken im vollsten Maße, gleich wie den übrigen, verständnißvolle Helfer und Berather zu sein. Die Besonderheit des jüdischen Gemüthslebens ist ihnen fremd. Die hochentwickelte Jrrenheilkunde der Neuzeit verlangt aber strengstes Jndividualisiren, weitgehendste Berücksichtigung der besonderen Triebe, Bedürfnisse, Wünsche der kranken Einzelseele. Alle diese Momente zusammengenommen, geben uns ein trübes Bild von der Psychohygiene, welche die jüdischen Geisteskranken in allgemeinen Irrenanstalten zumeist erwartet „ein Bild des fortgesetzten Jammers, unter dem nur allzu viele der jüdischeil Irren in Nacht und Dunkel ihr Leben verbringen, ein Bild, das sicher das Mitleid jedes Menschenfreundes erregen muß." Die übergroße Zahl und die religiöse und gemüthlicheEigenart jüdischer Geisteskranker verlangen dringend b e - sondere Einrichtungen: eine öffentliche Anstalt für jüdische Irre! Wer soll sie bauen, wer eigentlich sie unterhalten? Nun, ich meine, wenn die zwingende Nothwendigkeit nach eigeneil Anstalten einmal erkannt ist, so werden und müssen sich auch die Mittel dafür finden. Gemeindebund, Logen und andere Wohlthätigkeitscentralen werden auch hier eintreten müssen und — last not least — unsere Philanthropen, die mit so vielen Bagatellen behelligt werden und große Summen von Liebe und Geld an tausend Einzeldinge zersplittern, werden sich einem solchen Werk großzügiger Humanität ganz gewiß nicht entziehen.