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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-30 · Heft 22 (30.5.1902) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 256 (sequence 6)
Language
German
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256 samkeit feststellt. Danach soll dasselbe 1. Privatpersonen, welche in ProvinzialstLdten Werkstätten errichten und zu den ortsüblichen Löhnen fremde Juden beschäftigen wollen, 2. jüdischen Handwerkern, welche sich im Einverständniß mit Provinzial- Gemeinden daselbst niederlassen, und 3. kleinen Gemeinden, welche Fremde aufzunehmen bereit sind, zinslose Darlehen oder Subventionen gewähren. Die fürchterliche Katastrophe aus Martinique hat die Theilnahme der gesammten Kulturwelt erregt. Es ist dies eine jener Katastrophen, vor welchen der Mensch bestürzt vvr Schrecken seiner Ohnmacht inne wird und die Vergänglichkeit aller irdischen Güter, die Abhängigkeit von einem göttlichen Willen kennen lernt. Wir wissen nicht, ob in der vernichteten Stadt Saint- Pierre Glaubensgenossen wohnten. Auf den gesammten Antillen leben circa 3000 Juden. Wohl aber wissen wir, daß die werkthätige Theilnahme aller Glaubensgenossen auf dem weitem Erdenrund die Schrecken jener Katastrophe, soweit es menschliche Kraft vermag, zu lindern bestrebt sein wird. Von besonderem Interesse ist es bei diesem traurigen Anlaß, Einzelnes aus der Geschichte jener Inseln zu erfahren. Dem Juden Benjamin Da Costa aus Brasilien verdankten die französisch-westindischen Inseln, vor allem Martinique und Guadelope, die Einführung des Zuckerrohrs und der Fabrikationsweise (1644). Die Ketzer hatten sich zu sehr in Achtung gesetzt bei den rechtgläubigen Kreolen von Martinique, als daß diese so beschränkten religiösen Anschauungen, wie sie in Paris an der Tagesordnung waren, gefolgt wären. Das Gesetz, das damals nur den Katholiken erlaubte, sich in den Kolonien anzusiedeln, wurde von Niemandem mit größerer Verachtung abgewiesen als von dem Dominikanerpater Labot, der in einem berühmten Briefe nach Paris schrieb, ihm sei es ganz gleich, ob sein Zuckerrohr bei einem Lutheraner oder einem Katholiken gewachsen sei, so lange es nur gut und weiß sei. Die Kolonisten hatten wenig Lust, sich in die Theologie ihrer Mitmenschen zu mischen, und was auch immer ihre heimathliche Regierung an Zwangsmaßregeln aus dem Wege der Ketzergesetzgebung durchführen mochte, aus den westindischen Inseln war keine Gewalt stark geuug, um die Gesetze auszuüben. Also ein religiöses Paradies der Gleichberechtigung und Duldung! So kam es, daß israelitische Handelshäuser von Bordeaux Handelsbeziehungen mit der Insel Martinique pflegten, wie die Häuser Raoul Gradis und David Gradis «k Cie., welche schon vor fast zwei Jahrhunderten Etablissements auf Martinique errichtet hatten. Außerdem existirte eine bedeutende israelitische Kolonie, geleitet von den Holländern, den ersten europäischen Besitzern der Insel, als dieselbe 1635 unter Louis XIII. unter französische Herrschaft kam. Der französische Rabbiner Ab. Cahen hat 1881 eine sehr interessante Arbeit über dieses Etablissement der Israeliten nach der französischen Eroberung veröffentlicht. Danach war die Stellung der Israeliten sehr lange prekär. Die Jesuiten forderten 1683, nach dem Tode Colberts, welcher die Juden stets protegirt hatte, ihre Austreibung. Die meisten Funktionäre dieser israelitischen Kolonie machten ihrer Handelsthätigkeit Ehre; allein die Jesuiten konnten den Anblick der Juden, die ihren Kultus ausübten, nicht ertragen, und so wurden sie verjagt, und ihre Güter konfiszirt. Unter der Regierung Louis X V. knüpfte das Haus Gradis von Bordeaux neue Verbindungerl mit der Insel Martinique an. 1779 erhielt dasselbe von Louis XVI. die Erlaubniß, Grundeigenthum zu erwerben, mit welcher das „schwarze Gesetz" von 1685 ausgehoben wurde. — Wie die französischen Blätter melden, ist der Leiter der Expedition, welche die Regierung zur Hilfeleistung für Martinique bestimmte, der Finanzdirektor im Kolonialministerium Bloch. Außerdem befindet sich in derselben der Kommissar der Kolonialtruppen Alfassa — beide sind Juden. Möchten die Gegner aus diesen historische» Reminiscenzen etwas lernen! Eine öffentliche Irrenanstalt für Juden. Von Dr. Jeremias, prakt. Arzt und Nervenarzt in Posen. ^or Kurzem hat in der „Jüdischen Presse" Herr Rabbiner Dr. Rosenak auf einen ernsten' Nothstand aufmerksam gemacht, der bislang kaum gewürdigt worden ist: den Mangel einer öffentlichen Irrenanstalt für Juden in Deutschland. Allen Denen, die diesen Verhältnissen nahe stehen, waren seine Worte aus der Seele gesprochen. Der Wunsch, die fruchtbare Anregung nicht auf sich beruhen zu lassen, vielmehr die wichtige Frage möglichst in Fluß zu bringen, bestimmt mich, an dieser Stelle daS Thema aufzugreifen und weiter auszuführen. Bekanntlich hat schon Virchow gegen die Juden den Vorwurf erhoben, daß sie die geordnete Krankenpflege, namentlich die in Krankenhäusern, nicht gekannt hätten, erst das Christenthum habe diesen Zweig menschlicher Liebesthätigkeit in die Welt gebracht. Damals bemühten sich große und kleine Wortführer des Judenthums, diese Angriffe zu widerlegen, freilich zumeist in der seiner Zeit üblichen apologetischen Manier, welche alles auch nur scheinbar Ungünstige wegzudisputiren trachtete. Statt dessen hätte inan ruhig die Thatsache zugeben können, daß - von Leprahäusern abgesehen — wohl bis in die neueste Zeit die Juden keine eigenen Krankenhäuser gehabt haben. Die zärtliche Hingabe der Angehörigen an die Kranken, seit je ein markanter Zug jüdischer Wesensart, und die uralte Institution der Krankenpflegegesellschaften, die kaum der kleinsten Judeugemeinde in aller Welt fehlt, sicherteil gleicherweise dem Armen und Reichen eine sachgemäße und liebevolle Pflege in kranken Tagen. Erst als mit den Fortschritten der Chirurgie bei zahlreichen Kranken die Hospitalsbehandlung unumgänglich wurde, mußte, zunächst aus rituellen Gründen, dafür Vorsorge getroffen werden, daß Juden in jüdischen Krankenhäusern untergebracht werden konnten. In der That überwiegt noch heute in allen jüdischen Krankenhäusern weit mehr als in anderen das chirurgische Material, während die innerlich Kranken immer noch zum größten Theil zu Hause verpflegt werden. Um so reger sind die Bestrebungen, die Institutionen der „Chewramänner" mehr und mehr durch das erprobte System der Schwesternpflege zu ersetzen; dank der Opferfreudigkeit der Bne Brith-Logen dürften in Deutschland binnen 10 Jahren alle größeren Judengemeinden mit jüdischen Pflegeschwestern versorgt sein. Weiterhin bethätigte sich auch in jüdischen Kreisen immer lebhafter das Interesse, möglichst breite Schichten an dem Segen des quantitativ und qualitativ sich immer mehr vervollkommnenden Heilapparates theilnehmen zu lassen. Jüdische Kur- und Krankenhäuser entstanden in den heilkräftigsten Badeorten, hochherzige Philan-

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