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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-23 · Heft 21 (23.5.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Wie weit hier der Antisemitismus noch immer geht, mag Ihnen folgende Krühwinkelei berichten. Der am 1. Mai in Kraft getretene Fahrplan der Wiener elektrischen Straßenbahn ist thatsächlich so eingerichtet, das; die Wagen, welche Stadttheile mit großer Judenbevölkernng dnrchhnereli, in größeren Zwischenräumen verkehren als die Wagen, welche Stadttheile passiren, die eine verhältnismäßig geringere Zahl voll Inden zählen. Sollte man das für möglich halten! — Dr. Samuel Dnzsa wurde zum Obersyndikus des Komitates Esanüd gewählt. Dözsa ist der erste Jude in Ungaru, der beim Komitatswesen eine so hohe Stelle einnimmt. Großbritannien. ll. London, 18. Mai. Am 12. d. M. ist hier im 53. Lebensjahre der allgemein gekannte und hochgeachtete Chefredakteur des „Jewish Chroniele". Asher I. Myers, nach kurzen; Leiden gestorben. Der Verblichene war mit Recht beliebt und angesehen, um seiner persönlichen Eigenschaften wie um seiner publizistischen ILeistungen willen. Sein Andenken wird hier stets irr Ehren fortleben. (Auch wir widmen dem Heimgegangenen Kollegen den Zoll treuer Erinnerung. Er hat sein Blatt zu einem der angesehensten und würdigsten Organe der jüdischen Publizistik gemacht. Möge es seinen Nachfolgern beschieden sein, es auf der gleichen Höhe zu erhalten! Die Red.) — Die Fremden- C i ll w a n dernngs - Ko m missio n hat ihre Thätigkeit nnt der Vernehmnng des Herrn B. Snlith, Generalkontroleurs der Abtheillmg für Haildel, Arbeit und Statistik im Horrrll ot' Irmle begonuell. Nach seinem Bericht sind in den Zähren 1896—1901 insgesammt 280000 Fremde in England, davon 158 000 in London eingewandert. Diese Ziffern sind absolut zuverlässig, da in 29 von den 34 Häfen die ankonunenden Schiffe Passagierlisten einreichen müssen und so strenge Kontrole geübt werde, daß eine Verheimlichung von Einwanderern völlig ausgeschlossen sei. Löffentliche Unterstützung haben in London während des Jahres 1899 insgesammt 2895 Fremde, davon 2506 Nüssen und Polen, empfangen; im Jahre 1890 bildeten Letztere unter den2015Unterstützten überhaupt 1015. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika habe die Zahl der Einwanderer im Jahre 1901 nicht weniger wie 487 980 betragen, von denen nur 3516 — 0,72 Prozent znrückgewiesen wurden. Unter den 58000 Juden sei blos - 0,63 Prozent das Landen versagt worden. Falls England, so betonte Herr Smith, die gleichen Einwanderuugsgesetze wie Amerika anwenden sollte, so würde es kaum einen einzigen Inden weniger landen lassen, hingegen halb so viele Italiener besitzen. Der Generalregistrator der Abtheilung für Volkszählung Leod theilte mit, daß innerhalb der 4536 541 Einwohner Londons 155 377 Fremde seien, von denen 89 200 vollaus Beschäftigung hatten. Zwei volle Tage hindurch, am 28. April und 5. Mai. hat Arnold White, der gehässigste Bekänlpser der Jndeneinwandernng, die Kommission mit seinen Bekundungen belästigt, und die Art, wie er es that, offenbarte wiederum, daß die Fremdenhetze in Wahrheit nichts weiter ist als gewöhnliche Zudenhetze. Er operirte mit denselben Zahlen, mit denen er bereits im Jahre 1888 die auf sein Drängen zu dem gleichen Zwecke eingesetzte Kommission belogen hatte, und wurde in dein Kreuzverhör, in das ihn der Vorsitzende, Lord James of Herford, nahm, wiederholt auf Schwindeleien ertappt. So z. B. produzirte er zum Beweise, daß die Inden von den jüdischen Arbeitgebern nach England gelockt werden, ein Inserat aus dem Jargoublatt „Haschulamith" und mußte, iu die Enge getrieben, zmzeben, daß das betreffende Inserat ans dem Jahre 1883 datirt und voll dem Negiernngslieferanten Hibbert herrührt, der seit 1868 fremde jüdische Arbeiter beschäftigt. White erging sich in den unerhörtesten Verunglimpfungen der russischen Juden. Von Lord Rothschild wurde ihm wiederholt energisch widersprochen. Dann versuchte er die statistischen Ziffern des IZonrck ol l'rmla über die fremden Inden als tendenziös ungenau zu verdächtigen, indem er sich n. a. auf die Thatsache berief, das; die Zahl der jüdischen Schulkinder von 10 000 i. I. 1889 ans 13 000 i. I. 1901 gestiegen sei. Auf den Einwand des Präsidenten, daß sich darin die Erkenntnis; des Segens einer guten Schulbildung offenbaren könne, blieb Herr White die Antwort schuldig- Die fremden Juden würden durch die 65 jüdischen Wohlthätigkeitsvereine, welche jährlich 116 000 Lstr. verausgaben, durch die 79 englischen Ziouistenvereine und durch die freien Institutionen dieses Landes systematisch angelockt. Wie fast die gesammte politische Presse konstatirt. haben diese Aussagen ans die Kommission sehr schlechten Eindruck gemacht. Von Nah und Fern. --- In der Nacht zum 14. d. M. starb nach langem und schwerem Leiden Frau Elise Kuczynski, die Wittwe des vor fünf Jahren dahingeschiedenen Bankiers und Komponisten Paul Kuczhnski, im 50. Lebensjahre. Sie hat den musikalischen und litterarischen Nachlaß ihres Gatten, ebenso seinen Briefwechsel herausgegeben. Alls jenen Lebenserinnerungen und dem Briefwechsel ging hervor, wie nahe Beziehungen das Ehepaar mit den hervorragendstell Geistern, mit dem Hause Wagner, mit Halls v. Bülow, Jensen, Albert Liudner lind so vielen Meistern der Tonkunst und der Litteratur verbanden. — Nachforschungen der Behörde ist es nunmehr gelungen, den Einbrecher in die Shuagage zu Könitz in der Person des Posträubers Akrubat in Baldenburg zu verhaften. Am Tage des Einbruchs hatte sich ein Fremder bei dem dortigen Glasermeister Jachnlaun nach den örtlichen Verhältnissen der Synagoge erkundigt, und Fachmann hat den wißbegierigen Fremden in Akrubat wiedererkannt. — In Könitz hat eill Auktionator die Uhr des ermordeten Ernst Winter gefunden, die er von einem Schneider gekauft, dem sie voll eitlem Gasanstaltsarbeiter s. Z. verpfändet worden. Die Untersuchung ist im Gange. — Das neue jüdische Krankenhaus inBreslau wird der Gemeinde etwa 2 Millionen Mark kosten, wovon bisher 900 000 Mark zur Verfügung stehen. Die Anstalt ist für 120 Betten bestimmt. — Wie ans Wiesbaden gemeldet wird, ließ der Kaiser in Anbetracht ihrer bedeutenden Verdienste um die Förderung der Kunst der Baron iu Cohn-Oppenheim ein kostbares Armband überreichen. — In Mainz fand eine Konferenz der israelitischen Lehrer Rheinhessens am 4. d. M. statt. Die gleichfalls anwesenden hessischen Rabbiner beschlossen bei dieser Gelegenheit die Begründung eitler Nelik tenkasse. — Der bayerische Thronfolger Prinz Ludwig hat am 11. d. M. in Fürth die Synagoge besucht. Außerdem besichtigte Derselbe die großen Fabriketablissements von Köhler L Eomp., von Heymann, S. Bing, Büchenbacher, Eiermaun und Tabur. — Wie aus Rumänien berichtet wird, haben die Allstreibungell ans dem flachen Lande wieder begonnen. In zwei Distrikten, Tutowa und Putna, haben Ausweisungen willkürlichster Art, verbunden mit Gewaltakten, stattgesimden. — Voll Jassy sind 20 wohlhabende jüdische Familien nach Kanada ausgewaudert. Voll der dortigen Negierung find ihnen 3760 Faltschen Ackerland (1 Faltsche --- 1,43 Hektar) mit der Erlaubuiß zugesicheri worden, eine rumänisch-israelitische Ackerbaukolouie zu gründen. Die Auswanderer verfügen über ein Baarkapital von 80 00^ Francs, welches als Betriebsfonds der auf kommunistischer Grundlage zu errichtenden Ackerbaugemeinde dienen soll. Gleichfalls sind 150 Buka rester Israeliten auf eigene Kosten nach Amerika ausgewaudert. - Wie aus Algier gemeldet wird, zeigt das antisemitische Hauptorgan „L'Algerieu" all, daß es zu erscheinen aushört. Sein Chef, der ehe malige Maire von Algier, Max Rvgis, macht bekannt, daß er Algier verlasse und sich nach Paris begebe, wo er seine durch die politische Laufbahn unterbrochenen Rechtsstndien sortsetzen will! — In Warschau soll ein jüdisches Gymnasium errichtet werden. Dü neue Schule soll 75 Prozent jüdische Schüler aufuehmen dürfen. Wes halb die Juden aus ihre Kosten 25 Prozent christliche Schüler, die doch in jeder staatlichen Schule bereitwillige Aufnahme finden, unterrichten wollen, ist völlig unbegreiflich. Durch die Zulassung von christliche: Schülern in die von den Juden errichtete und unterhaltene Schule wird es Diesen unmöglich, jüdische Lehrer zu engagiren, da dcm russische Gesetz den Juden verbietet, Christen Unterricht zu ertheilen. — In Ksions bei Miechow. Russisch-Polen, haben fünf Räuber den vermögenden Rabbiner und dessen Frau in der Nacht durch Beilhieb' ermordet. Als sie den Geldschrank erbrechen wollten, wurden di' Mörder durch Nachbarn verscheucht. Ein Abdecker und zwei Tage arbeiter sind als muthmaßliche Thäter ins Gefäugniß zu Kielce ein geliefert. — Im Newyorker Ghetto ist ein Aufruhr wegen der Er Höhung des Preises für das Koscherfleisch ausgebrochen. Eine Boykott- Versammlung wurde von 2000 Frauen abgehalten, die beschlossen keinen Fleischverkauf zu dulden. Infolge dessen wurden am Donnerstag die Fleischerläden gestürmt. Die Polizei verhaftete etlich hundert Frauen. Druck und Verlag von Rudolf Masse iu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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