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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-23 · Heft 21 (23.5.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 21. Kerl'm, 23. Mai 1902 Dev Gemeindebote. Weikage Zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korresponderrzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 18. Mai. Das Provinzialschulkollegium hat verfugt, daß in allen hiesigen Gemeinde-, Privat- und städtischen höheren Töchterschulen am 15. Mai eine genaue Uebersicht der diese Anstalten besuchenden schulpflichtigen jüdischen Kinder ausgestellt werden sollte, getrennt nach Jahrgängen und Klassen. In der Verfügung ist zwar ein Grund nicht angegeben, jedoch steht, wie inan uns von beteiligter Seite schreibt, zu vermnthen. daß diese Anordnung ergangen ist zum Zwecke der Feststellung der Anzahl der religionsnnterrichtspslichtigen Kinder. Es ist dies daraus zu schließen, daß die Zählung getrennt nach Jahrgängen vorgenommen werden sollte, und zwar von 1896 ab rückwärts bis 1888, also nur bis zum 14. Lebensalter. Alle anderen Kombinationen, welche an diese Verfügung. namentlich von antisemitischer Seite, geknüpft wurden, erscheinen danach hinfällig. 22 Berlin, 19. Mai. Ker nennte Deutsch-Israelitische Gemeinde tag hat bekanntlich beschlossen, die jüdischen Gemeinden Deutschlands ansznfordern. daß sie ihren Beitrag für den Gemeindebund thnnlichst aus 1 Prozent ihres jährlichen Steuerertrages erhöhen möchten. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ist nun in der erfreulichen Lage mitzutheilen, daß. obwohl der Bund sich mit diesem Anliegen nur an die großen und mittleren Gemeinden gewendet hat, doch bereits fünfzig Gemeinden dem Aufrufe entsprochen haben. Darunter befinden sich Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg, Posen. Königsberg i. Pr., Halberstadt, Augsburg. Bieleseld, Chemnitz. Thorn, Paderborn, Erfurt, Stuttgart, Essen, Könitz, Breslau, Dresden und unaufgefordert der Gemeindeverband Breslau-Liegnitz. Hoffen wir, daß die übrigen Gemeinden bald diesem Beispiele folgen werden. — Die ans Kosten der hiesigen jüdischen Gemeinde vorn Deutsch- Israelitischen G e me i nd eb u n d e errichtete provisorische Fürsorge-Erziehungsanstalt für jüdische Mädchen in Plötzensee bei Berli n wird am 2. Juni d. I. eröffnet werden. Sie ist zunächst nur für Zöglinge aus der Berliner Gemeinde bestimmt. Jndeß erklärt sich der Gemeindebund bereit, auch Zöglinge ans solchen jüdischen Gemeinden Deutschlands ausznnehmen, die entweder in Uebereinstimmung mitdem Beschlüsse des neunten Gemeindetages ihren Beitrag für den Bund auf annähernd 1 Prozent ihres Steuereinkommens erhöht haben, oder die sich verpflichten, für die der provisorischen Anstalt zu überweisenden Zöglinge den Theil der Kosten zu tragen, der nicht durch die von den Provinzialbehörden zu entrichtenden Pflege- und Ausstattungsgelder gedeckt wird. 8. Berlin, 18. Mai. Der „Centralv erein Deutscher StaatsbnrgerjüdischenGlaubens" veranstaltete heute Abend im groben Saale des „Deutschen Hofes" in der Lnckauerstraße eine ordentliche Versammlung, die recht zahlreich besucht war. Als Redner des Abends hatte man Herrn Rabbiner Dr. Ni eg er-Hamburg berufen, der in sehr geistvoller Weise über „Wissenschaftlichen Antisemitismus" sprach. „Es giebt Wohl kaum ein Volk auf dem weiten Erdenrund," so etwa führte der Vortragende ans, „welches so durchdrungen war von der Ehrlichkeit und absoluten Unanfechtbarkeit seiner Gelehrten, seiner Forscher auf allen möglichen Gebieten der Wissenschaft wie gerade das deutsche Volk. Deutsche Wissenschaft hat znm guten Theil ihren Ruf darauf begründet, daß ihre Vertreter sich alle Zeit durch Objektivität ausgezeichnet haben. Erst in unseren Tagen, in den letzten Jahrzehnten, hat man die Wissenschaft zur Tendenz herabgewürdigt, hat sie zur Sklavin von Sonderanschannngen gemacht und dadurch den Respekt vor der Wissenschaft, der tief im deutschen Volke wurzelt, erheblich vermindert. Wenn es dem Antisemitismus, der dem brutalen Instinkt der breiten Masse entgegenkommt, gelungen ist, eine Anzahl Gelehrter für seine Anschauungen zu gewinnen, so ist der Grund einestheils in dem Servilismns und Byzantinismus, der unser ganzes soziales Leben dnrchdringt, zu finden andererseits jedoch in der religiösen Idiosynkrasie, daß das Jüdische und alles was sich jüdisch nennt deshalb verworfen werden muß, weil es jüdisch heißt. Bessere und vornehmere Kreise, die sich von dem sogenannten Nadauautisemitismns ferngehalten, sind heute von dem wissenschaftlichen Antisemitismus, der sich auf Kanzel und Kathederbreit macht, beeinflußt, ja selbst hochgebildete jüdische Kreise haben sich antisemitische Floskeln zu eigen gemacht. Männer wie Harnack' Wellhausen, Schmoller, Paulsen, Chamberlain und Andere haben in jüngster Zeit in ihren Angriffen gegen die jüdische Nasse Behauptungen ausgestellt, die mit der Wahrheit ganz und gar nicht im Einklang stehen. Das Judenthum wird heut zu Tage angegriffen erstens als Nasse, zweitens als Religion. Die Phrase über die Inferiorität der jüdischen Nasse ist. wenn sie in der That vorhanden, eine Waffe, die nicht zu unterschätzen wäre. Ist der Jude schon als Mensch niedriger in der Nasse als der Christ, steht der Jude nicht so hoch in der Reihe der Menschenwesen wie die Christen und die Deutschen, so hätte man ja ein gutes Recht, gewährte Rechte zu entziehen und nicht gewährte Rechte vorzuenthalten. Die Lehre von der Nasseneinheit ist eine längst überholte, sie ist unhaltbar, »veil sie der Kritik nicht Stand halten kann. Von einer Blut- und Nasseneinheit kann nicht die Rede sein; scholl in biblischen Tageil sei eine Vermischung kancmitischer Stämme erfolgt. In klarer und eindrucksvoller Weise beleuchtet Redner die Angriffe, die gegen unsere Religion ertwben werden, und die sie alsmiuderwerthig gegenüber der christlichen Lehre erscheineii lassen sollen und widerlegt sie mit Aussprüchen des alten Testaments. Ans keinem Gebiete wagt man es. solche frivolen Aeußernngen und gehässigen Verdächtigungen nicht nur im Buche, sondern vom Katheder herab zu predigen wie in der christlich-theologischen Behandlung unseres Judenthums. Und doch sei die bisherige Leidensgeschichte unseres Stammes die glänzendste Rechtfertigung der Wahrheit unserer Lehre. Nicht das Judenthuln habe bankerott gemacht, nein, in den Reihen der hervorragendsten! Vertreter der christlichen Religionswissenschaft sei ein Hangen und Schwanken ihrem eigenen Glauben gegenüber ausgebrochen. In fünf Sätzen sei das Wesen des Jndenthnms ausgesprochen: I.Das Jndenthmn ist die einzige dogmenfreie Lehre. 2. Das Jndenthnm lehrt den reinen Monotheismus. 3. Wir kämpfen gegen die Lehre der Erbsünde, weil sie die Gerechtigkeit Gottes anfhebt. 4. Wir stehen fest auf dem Boden der biblischen Wahrheit. 5. Die Grundlehren jüdischer Aesthetik sind ausgesprochen in den Zehngeboten. Sie lassen sich znsannnenfassen in „Seid einig" und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Wir Inden können unser Jndenthnm gegen Jedermann mit offener Stirn vertheidigen: wir haben ein Wesen des Jndenthnms, Andere ringen danach. Was aber sollen wir thnn," fährt der Redner in zündender Weise fort, „um uns gegen solche Angriffe zu stählen? Erstens Erziehung unserer Jugend zur Religion. Nichts hat uns mehr geschadet als jene Gleichgiltigkeit gegenüber der religiösen Belehrung, nicht die Zweifler und Abtrünnigen haben uns schwere Wunden zngesügt. Wenn unsere jnngen Kinder schon um ihres Glaubens willen leiden müssen, dann haben wir die sittliche Verpflichtung. sie wissen zn lassen, warum sie leiden, und daß es schön sei, für unsere große Lehre, für die Unvergleichbarkeit der jüdischen Wahrheit leiden zn dürfen. Zweitens haben wir Juden die heilige Verpflichtung, jene Vereinigungen und Bestrebungen zu fördern, deren Ausgabe es ist. unsere Rechte zu wahren, Verdächtigungen und Angriffe energisch zurückznweisen. Der Centralverein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens ist die befugte Vertretung aller Juden, und Jeder müsse stolz darauf fein, einem solchen Verein anzngehören und ihm seine Krast widmen zn tonnen. Trotz aller giftigen und gehässigen Angriffe von Seiten einer verblendeten Menschheit bleiben wir felsenfest bei der Wahrheit unserer Lehre, und wenn nur treu bleiben, dann erfüllen wir das Wort des Stifters des Christeuthnms: „Denn das Heil kommt von den Juden." Das Publikum dankte dem Redner durch wiederholt lebhaften, wohlverdienten Beifall. Sodann ergriff der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. M. Horwitz, das Wort zn einer kurzen Klarlegung über die Zie^e und Wege des Centralverkins. In

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