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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-23 · Heft 21 (23.5.1902) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
Seite 252 (sequence 14)
Language
German
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252 sich Plötzlich um und versetzte ihm einen solchen Schlag, daß er im Sattel schwankte. Im nächsten Augenblick war er verschwunden, wahrscheinlich zu Tode geritten. Die Kosaken ritten weiter; mit ihren Peitschen versetzten sie Wunden nach rechts und links; ihre Pferde treten Männer, Frauen und Kinder nieder, alles was in ihren Bereich kam. Immer zu Dreien, Steigbügel bei Steigbügel, sperrte!: sie die ganze Breite der Straße, so daß auch nicht eine Maus entwischen konnte. „Steinigt die Kosaken," schrie eine einzelne Stimme. An einer Straßenbiegnng warf sich ein blutendes, halbnacktes Weib vor das Pferd des Hauptmanns und hob flehentlich ihre beiden Hände empor. Doch gleich sprang sie wieder von der Erde ans und verschwand so schnell wie ein Blitz. Vielleicht war sie irrsinnig, die arme Seele! „Flieht, flieht." „Nein, greift sie an." „Tod den Kosaken." So heulen sie, während sie wie Wasser die abschüssige Straße hinnnterlaufen. Die Luft ist undurchsichtig vor Staub. Kommandoworte, wilde Schreie, Todeskampsstöhnen, Hufegeklirr und das Dröhnen fallender Körper Mischer: sich zu einem schauerlichen Konzert. Jetzt gelangen die Reiter zu einer Barrikade. Als der Pöbel steht, daß die Kosaken keine Gewehre haben, machen sie Halt. „Die ersten 50 Mann der Kompagnie absitzeu!" Das Volk weiß, daß es zu Stücken gehauen wird, wenn es bleibt, ist aber zu betäubt, um sich vorwärts zu bewegen. Erst als Polizei und Infanterie von der anderen Seite anziehen, fangen sie zu laufen an. Allgemeine, wilde Flucht folgt, aber gleich Ratten in einer Falle werden die Aufrührer umzingelt und gefangen genommen. sich dabei wirklich, daß wir Juden jene Periode unbefangener beurtheilen können als alle anderen, da wir anch nicht das geringste Interesse daran haben, sie besser darzustetlen, als die nüchterne historische Forschung es erheischt. Gegenüber der Phrase von dem „Leben unter dem Gesetz", die nun einmal bei den christlichen Historikern gebräuchlich, zeigt uns der Verfasser gerade im Gegentheil „daß die religiöse Innerlichkeit des reichen, vielleicht überreichen religiösen Gefühlsmrd Phantasielebens jener Tage, in Verbindung mit den äußeren Verhältnissen zu einer Fülle von religiösen Bewegungen und Sektenbüdungen geführt hat, daß gerade durch den unablässigen Hinweis ans den heilige!: Gott und die von ihn: gebotenen religiösen Lebensverhältuisse der sittliche Grnndcharakter der Religion dem Volke znm Bewußtsein gebracht, das sittliche Urtheil nicht erstickt, sondern erzogen, geläutert, ja befreit worden ist". Hier sehen wir freilich ein anderes Bild als das. welches man seit Jahrzehnten uns zu zeigen bemüht ist. Die Arbeit von Vogelstein, ursprünglich ein Vortrag, den derselbe im Königsberger Verein für jüdische Geschichte und Litteratur gehalten hat, ist eine sehr werthvolle und verdieilt von Allen, die sich für die Aufhellung jener merkwürdigen Periode interessiren, eifrig gelesen zu werden. Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! (^Aie höchst interessanten Aufsätze des Herrn Rabbiner Dr. Jacob über „Das Judenthum und die Ergebnisse der Asshriologie" in Ihren: geschätzten Blatte haben mich veranlaßt, den schon in der Tagespresse vielfach besprochenen Vortrag des Herrn Professor Delitzsch „Babel und Bibel" zu lesen. Was mich in dieser vornehm gehaltene!: Arbeit ganz besonders wohlthnend berührt hat. ist neben der Würdigung der Bibel die mir bis dahiu noch nirgendwo begegnete Erklärung des Substantivnms mit „Ziel". Doch anch die schönste Worterklärnng muß sprachlich begründet sein. Nach einer solche!:, im hebräischen Schristthum enthaltenen Begründung suchte ich und glaube sie in der Präposition gefunden zu haben; dem: die unbestrittene Fitterarifche Mittheitrmgen. — Dr. Hern: an Vogelstein: Die Anfänge des Talmuds und die Entstehung des Ehristeuthums. Königsberg 1902. Julius Jacobh. Eine sehr interessante Epoche der Neligiousgesehichte, die gegenwärtig mit besonderer Vorliebe stndirt wird, ist die Zeit der Entstehung des Ehristenthums. Zur Erkenntuiß dieser Periode ist in diesem Vortrag eil: werthvoller Beitrag geliefert. Mit Recht bemerkt Vogelstein, daß mau, um ein Bild des Judenthulus aus jener Zeit zu erhalten, von der: hervorragenden Vertreter!: des Judenthmns ansgehen müsse. Bis jetzt Haber: wir nur Zerrbitder dieser Periode religiöser Erregung; zum Verständnis; dieser Zeit aber gehört einlleberblick auf die Anfänge des Talmuds und der mündliche:: Lehre, die bis in die erste Periode nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil znrückreicht. Je entschiedener mau damals die Durchführung der biblischer: Gesetzgebung anstrebte, um so mehr ergab sich die Nothweudigkeit der schristgemäßeu Traditio!:, wollte man die Bibel nicht nur den: Buchstaben, sondern auch den: Sinne nach anwendeu. Vogelsteiu weist dies in treffender Weise an einigen eklatanten Beispiele!: nach, die die Bedeutung der Tradition und ihre Absicht. Lehre und Leben in Einklang zn bringen, deutlich veranschaulichen. Das sind die Anfänge des Talmuds. „Von Fall zu Fall suchte men: den Sinn des Schriftwortes zu ermitteln und anznwendeu; allgemein geltende Regeln und Normen für die Schriftauslegung gab es noch nicht, die Gefahr einer gewissen Willkürlichkeit lag nahe und hemmte allgemach die weitere Entwickelung." Da trat unter der Regierung des Herodes Hillel als Reformator der Ueberlieferungswissenschast auf, indem er Dentin: gsmaßregeln ansstellte, durch die er diese in ruhige, sichere Bahnen lenkte. Es ist natürlich, daß der Betrachter dieser Periode sich mit Schürer, Harnack u. A. auseinandersetzen muß. Der Theil seiner Schrift, in dem dies geschieht, ist von besondere!:! Werlhe. Es zeigt Bedeutung dieser Präposition „zu", „nach", also „zielwürts" weist mit Bestimmtheit auf Entlehnung von einen: „Ziel" bedeutenden Substantivun: hin. Somit verhielten sich zn wie die deutschen Präpositionen kraft, wegen re. zn den betreffenden Substantiven. Detmold, 4. Mai. Hochachtend H A. Plaut. Löbliche Redaktion! ^.ie würden mich zu Dank verpflichten, wollten Sie die Güte haben, in der von Ihnen in der Nummer (19) Ihrer geschätzten Zeitung zum Abdruck gebrachten Episode: Ludwig van Beethoven und N ah el L ö w enste i n. berichtigen zu wollen, daß mein Name nicht Singer, sondern Sing ermann sei! Ferner sind mir einige Zuschriften aus dem geehrten Leserkreise Ihrer geschätzten Zeitung zugekommen, die um genauere Angabe der Quellen dieser Episode bitten. Die Originale dieses interessanten Briefwechsels befinden sich in dem Codex Nr. 7889 der seinerzeit königlichen Bibliothek zn Paris und sind von Alfred Prlns in dessen Werk nütgetheilt. Tropp au. 13. Mai. Hochachtend Oberkantor Max Singerman n. 4 Geehrter Herr Redakteur! schreibe!: Sie doch dem Grafen Pnckler folgenden Ansspruch: seines engeren Verwandten, des Fürsten Herrmann von Pü ekler-Mus kau, ins Album (Tutti Frutti Band I): „Ich weiß nicht, wie andere Christen darüber denken, aber was mich 'betrifft, so kann ich wohl sagen, daß, seit ich zu Verstand gekommen bin, ich nie einen! gebildeten Inden begegnete, ohne mich gewissermaßen vor ihm zu schämen, indem ich lebhaft fühlte, daß nicht wir zur Verachtung seiner Glaubensgenossen, wohl aber er zur Ver. achtung der unseligen ein Recht habe." Berti::, im Mai. Dr. M. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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