Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Mancher in Lumpen herumlungerte. Zwei Frauen, roth vor Erregung, mit aufgelösten Haaren und zerrissenen Kleidern, zerrten einen Korb herbei, der mit schneeweißem Linnen gefüllt und wahrscheinlich für die Ausstattung einer Braut bestimmt war. Beide trampelten voll schadenfrohen Vergnügens ans den wunderschönen Sachen herum, die ihnen selbst im Straßenschmutz noch Ausrufe der Bewunderung und des Neides entlockten. Aber bald wurden ihre scharfen Stimmen von dem Krachen des Holzes, von dem Geklirr fallenden Glases, von dem Hurrahschreien der wahnsinnige» Menge und dein Wehklagen der geängstigten Juden übertönt. Ein Mann von gigantischer Erscheinung kam herbei. Er war ohne Kopfbedeckung, sein Rock und seine Weste hingen in Fetzen an ihm herunter, er sah aus, als wäre er den Weg hinaufgeschleift wordeu, ein schmaler Streifen dicken, fast schwarz aussehenden Blutes rann an seinem schmutzigen Gesicht hinab. Er bewegte seine Arme in seltsamer Weise und lachte vor sich hin. Ich sah ihn einer Laterne sich nähern, deren Pfahl er an seine breite Brust drückte, so daß sie sich auf die andere Seite bog. „Das ist ein starker Mann für Euch," schrieen verschiedene Schrankzerstörer, „er wird die Juden mit der hohlen Hand zerquetschen." „Zerquetsche sie, wie ich dieses Glas zertrümmere," sagte der Riese stolz, indem er die Laterne einschlug und in die Gosse°schleuderte. Plötzlich tauchte aus einem der belagerten Häuser ein Mädchen hervor und brach sich durch die erregte Menge Bahn, wie eine weiße Taube, die durch den Morgennebel fliegt; es war der Typus einer schönen Jüdin, die ihrer Reife entgegenblüht und voll jenes Zaubers, den König Salomo in seinem Hohenlieds besingt. Sie trug ein kurzes zerfetztes Kleid, das vielleicht noch vor zehn Minuten schneeweiß gewesen, das aber jetzt mit Schmutz- und Blutflecken besudelt war. Rebekkas Haupt mit dem bleichen klassischen Profil war zurückgeworfen, ihre Augen starrten auf die Menge. „Tödtet die Jüdin!" „Reißt sie in Stücke" forderte stürmisch eine Gruppe Weiber. Ich hörte nichts mehr, ich sah sie nicht nrehr — sie war in den tosenden Massen verschwunden. Menschenwogen verschlangen das hilflose Geschöpf und schlossen sich über sie wie der Deckel eines Sarges; nur wo sie hindurch eilte, sah ich einen drohenden Wald von Armen und Fäusten. Plötzlich hörte ich Töne, als ob es Knüttelhiebe auf einen Menschenkörper niederregnete, — dann Ausrufe roher Schadenfreude, lauten Jubels über eine wohlgelungene schwarze That vermischt mit wüsten, gemeinen Worten, die die Kehle Dessen, der sie ausstieß, hätten verbrennen müssen. Darauf wildes Geheule und jauchzendes Gelächter. „Platz da, Burschen, jetzt kommt Salomons Troika," rief ein Haufe oben in der Straße. Salomon war der reichste Jude in der Stadt, und Viele hatten ihn wegen seiner prächtigen Rosse und eleganten Kutschen beneidet. Nun spielten sie Pferd und Wagen mit seinem eigenen Körper. Sei» armer magerer Leib war zerrissen und zerhackt und mit Blut und Schmutz und einigen wenigen Bettlerfetzen bedeckt. An einem seiner Beine hatte man ein Seil befestigt, an dem man ihn durch den Damm zerrte; wo er durch die Straßen gezogen wurde, särbten sich die Pflastersteine roth. Salomons lange Arme waren weit ausgestreckt, so daß sie die Rinnsteine auf beiden Seiten berührten. Eine formlose Masse zwischen den Schultern zeigte a», wo einst sein Haupt gesessen hatte, — das Haupt eines Patriarchen, eines Finanziers, ein weises, berechnendes, aber gerechtes Haupt. Als so der Körper vvrbeigeschleift wurde, ergriff,'einen halbwüchsigen Burschen das Verlangen, auf Salomon zu reiten; er sprang auf den blutenden Leichnam, verlor natürlich das Gleichgewicht und fiel in die Gosse, worüber der Pöbel in Entzücken gerieth und vor Vergnügen laut aufheulte. Ich will noch hinzufügeu, daß ich Salomon bei Lebzeiten sehr gut gekannt habe, aber was ich da von ihm in der Elisabethstraße sah, glich weder ihm noch sonst einem menschlichen Wesen auf der Welt. Ach, wenn nur dieser Anblick mir aus dem Gedächtniß schwinden wollte! Warum ließ ich diese Wahnsinnigen sich so gegen jede Menschlichkeit versündigen, ohne zu protestiren, ohne die helfende Hand für die Verfolgten zu erheben? Diese Frage stellte ich mir hundertmal — und hundertmal vergebens. Alles, was ich sagen kann, ist, daß ich während dieser Vorgänge vollkommen betäubt war. Der Blutgeruch, die Ausdünstungen der weiten Volksmassen um mich her hielten außer Auge, Ohr und.Gedächtniß alle meine Sinne gefangen. Gedächtnis; — ach, hätte ich das nur außerhalb der Mauern Myllinakis gelassen. Endlich wurde ein Polizist sichtbar. Er näherte sich im Laufschritt und schwang den gezückten Säbel über seinem Kopse. „Fangt ihn! Schließt die Reihen! Laßt ihn nicht durch." Einer warf ihm eine zerbrochene Blechbüchse zwischen die Füße, so daß er hinfiel und mit der Stirn ausschlug. Ringsum großes Gelächter. „Die Kosaken." „Rennt, was das Zeug hält." „Sie kommen." Zottige Häupter tauchten an der Straßenecke auf — Menschenköpfe unter blauen Mützen. Kein Zweifel, Kosaken mit Knütteln bewaffnet. Eine harte metallische Stimme kommandirt: „Immer je drei Mann! — achtet auf die Signale — im Trabe, vorwärts marsch." Ein Ziegelhaufen stürzt nieder in den Hof. Die Wand hat schließlich nachgegeben, und eine ungeheure Kleiderkiste wird an den Rand der Oeffnung gestoßen; sie macht einen Augenblick Halt, wie wenn sie überlegte, vb sie ihren alten Aufenthaltsort verlassen soll. Jetzt stürzt sie. — Die große Kiste wälzt sich heraus, und ihr Gewicht macht die Erde erbeben. Und so fällt der Vorhang über den letzten Akt der ZerstöruugStragödie, deren Zeuge ich gewesen bin. Mittlerweile hat der Trompeter auf Geheiß des Hanptmanns zu „Galopp" und „Attacke" geblasen; der Pöbel flieht in zagender Angst nach allen Richtungen, wie eine Heerde erschreckter Schafe, in tauber, blinder Furcht. Gleich mir hätten Viele in den Häusern ihre Zuflucht finden können. Ein Zaun oder eine Mauer wäre ihnen eine rettende Schutzwehr gewesen; aber Alle zogen es vor, die Straße zu gewinnen und einen ungleichen Wettlauf mit Pferden zu wagen, die erst frisch vom Stalle geholt waren, zogen es vor, Haupt, Rücken und Schultern mörderischen .Knutenhieben und Beine und Füße den Tritten der Roßhufe auszusetzen. Hier bemerkte ich wiederum nichts wie Feigheit und Brutalität — nein, Einen wenigstens sah ich männlich kämpfen: ein lockenhaariger Arbeiter, hart bedrängt von einem Reiter, drehte