Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- Seite 250 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228495--58677-3295143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
250 los stieß Einer den Anderen vorwärts, jederzeit bereit, über des Nächsten Leib hiuwegzutrampel». Halb erschreckt floh ich in den Hof eines der bedrohten Häuser, erklomm einen Zaun und versuchte mir einen Weg in die nächste Straße zu bahnen, doch eine feste Mauer von Tninultuanten verhinderte mein Vorhaben. Es waren ihrer wohl drei- bis vierhundert. Ich sah nur ihre Köpfe in der Luft; sie riefen etwas, was ich aber nicht verstehen konnte. Ihre Gesichter waren rvth, zwischen den weitgeöffneten Lippen gleißten drohend ihre langen Hundezähne. Hoch über dem Pöbel, der von den Banden gemeinsamen Hasses und gemeinsamer Blutgier znsammengehalten wurde, stand auf dem Dache dicht neben dem Schornstein ein langer, schmächtiger Jude und riß Ziegel nach Ziegel aus ihren Befestigungen mit Nägeln und Fingern los. Und wie er sie auf die Köpfe des Pöbels feuerte, sandte er mit jedem Wurf einen Fluch hinab mit einer Stimme, die der einer Seemöve glich. Sein langer, grauer Bart bewegte sich zitternd mit seinen Armen mit; sein leicht gefärbter Kaftan war roth von Blut. „Schießt den Inden nieder, ehe er uns tödtet!" „Holt ein Gewehr!" „Ist keius hier, Brüder, ein Stein wird auch genügen." „Laßt uns hinansklettern und ihm die Leber Herausreißen/' schrien Hunderte von Stimmen zu gleicher Zeit in dem engen Hof. Dunkle Silhouetten erscheinen hinter den geschlossenen und verbarrikadirteu Fenstern, Leute stürmen sie mit Stiefel und Schulter, mit Hacke und Ramme. Bald beginnt Holz und Glas zu fallen, alle Arten von Hansgeräthschaften nnd andere Möbel folgen. Ein rothhaariger, großmäuliger Bursche steckte seinen Kopf zu einem der Fenster hinaus: „Aufgepaßt, Jungens, jetzt kommt was Schönes." Und herunter flog ein prachtvoller Spiegel in goldener, künstlerischer Rahmenverziernng. Als das glitzernde Kristall durch die Luft sauste, bog sich sein Vernichter weit heraus, um es fallen zu sehen. Ich beobachtete dabei scharf sein Gesicht. Es war ernst, geschäftig und gar nicht zornig. An ein anderes Fenster schleppte ein ganz in Schwarz gekleideter Mann ein ungeheures Federbett heran, riß den Ueberzug auf und ließ den Inhalt anffliegen: „Hier ist Schnee für Euch — Schnee, der Euch warm halten wird." Und alles lachte. Drei Mann riefen zu gleicher Zeit: „Schaut her, wir haben den verborgenen Schatz der Judenkinder gefunden, ein ganzes Fas; voll." „Gebt ihnen eine Tracht Prügel. Ihre Häupter gegen die Wand, wofern er sie nicht auslöst. Komin runter Jude, oder wir schlachten die Kleinen vor Deinen Augen." Man hörte das herzzerreißende Wehklagen kindlicher Stimmen, das den Aufruhr übertönte. Die Liebe der Russen zu Kindern trug aber den Sieg über ihre Brutalität davon. „Ans Messer mit den Schuften, die die Kleinen anzurühren wagen." „Wir Alle schützen die Kinder," schrieen Männer und Weiber, indem sie nach vorn drängten." „Geht aus dem Bereich des alten Juden." Der Alte war unterdessen im Gebrauch seiner Waffen geschickter geworden. „Der Teufel hat mir meinen Schädel zerbrochen," schrie ein Mann, der von einem fliegenden Ziegel getroffen niederstürzte. „Und mir mein Schienbein zerschmettert," heulte ein Anderer. „Zieht ihn herunter, oder er tödtet uns Alle." Während Mehrere versuchten, das Dach zu erklettern, erschien wieder der Spiegelzertrümmerer und stieß einen großen, reich geschnitzten Wandschrank mit Glasthüren vor sich her. Er war mit seinem ganzen Ernst bei dem verabscheuungsvollen Zerstörungswerk. Große Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirn, seine schwieligen Fäuste zerrten, zogen und stießen, als ob er für alles eine Extrabelohnung erwartete. „Was hast Du da, Iwan?" „Porzellan auS China. Die Frau des Gouverneurs hat kein feineres, wie Ihr gleich sehen werdet." Aber der Schrank war zu breit für die Fensteröffnung, und wüthend, enttäuscht, zog ihn der junge Vandale zurück. Daun plötzlich durchfuhr ein schlauer Gedanke sein Hirn. Er beugte sich lächelnd zum Fenster hinaus und heulte in langgezogenen Tönen wie ein Wolf: „Paßt a—u -f!" Im nächsten Augenblick fiel eine große Masse wundervoll verzierten, vergoldeten Geschirrs auf das Pflaster. Einige Dutzend Tassen und Saucieren, kostbare Teller, Krystallbowlen und Weingläser folgten. Das Volk wich zurück, erhob zum Schutz für sich die Hände und lachte belustigt hell auf. Ein geller Schrei von oben ertönte nun plötzlich. Jeder schaute zu dem Bleidach hinauf, das von dem dumpfen Fall von Menschenkörpern wiederhallte. Ich konnte nicht erkennen, was dort vor sich ging, aber ich hatte das furchtbare Gefühl, daß sich etwas Grauenvolles vorbereitete. Der Pöbel begann wieder nach vorn zu drängen. Ich wurde auf ein Branntweinfaß hinanfgehoben, und jetzt konnte ich sehen — gegen meinen Willen. Zwei menschliche Ungeheuer hatten den alten Juden bis an den Rand des Daches gezerrt, und während er um Gnade schrie, schlugen sie ihn; ans die blutenden Hände, mit denen er sich festklammerte, und in sein ehrwürdiges Gesicht, bis er schließlich mit einem markerschütternden Schrei loslieb und in die Tiefe stürzte. Ich hörte ein schauerlich dumpf aufschlagendes Geräusch, und da ich gerade eine Lücke in der Reihe der Tumultuanten erblickte, stürzte ich weg, von wildem, gellendem Trinmphgeschrei begleitet. „Nun haben wir Dich, Du Geldsack." „Deinen zusammengescharrten Reichthnm sollst Du jetzt ausspeien, paß mal auf!" „Spießt den Hund auf." „Erst soll er uns sagen, wo er sein Geld verborgen hat." Ich war von dem Regen in die Traufe gekommen. Dir Straße war in ein Tollhaus verwandelt. Während Einige Stühle, Tische, Bettstellen zerhackten und zerbrachen, putzten sich Andere mit gestohlenen Kleidungsstücken und stolzirten in reichen Abendgewändern der Jüdinnen umher. Frauen schleppten die langen Kaftane von Rabbinern und Patriarchei im Schmutz herum, um sie später in Fetzen zu zerreißen. Aus jedem Fenster wurden große und kleine Möbelstücke Glaswaren, Uhren, Gemälde und Hausgeräth aller Art hinaus geworfen. Der Pöbel suchte die niedersausenden Stücke auf zusangen und half, wenn er sie verfehlte, auf dein Pflaster durch Fußtritte, mit Hammer und Hacke nach, um sie zu zerschmettern. Allerdings nahm nur die Freude an der Zerstörung zu, nicht die Lust zum Rauben. Man war froh, so viel Kleider als man in die Hände bekommen konnte, zu zerreißen, aber Keiner wollte etwas für sich behalten, trotzdem