Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- Seite 249 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nach fünfzehnjähriger unablässiger Arbeit ist endlich ein Probebogen der Ausgabe erschienen, der uns ein sorgsam gereiftes und vollendetes Werk in Aussicht stellt. Für die Korrektheit des Textes bürgen, abgesehen von der peinlichen Gewissenhaftigkeit des Herausgebers, die Namen der Rabbiner Dr. Taster, der den Drucksatz des Textes mit dem Original im British Museum vergleicht, sowie Professor Bacher und Rabbiner Dr. I. Löw, welche die Korrekturen zu lesen übernommen haben. Die große Sammlung der Varianten giebt eine Übersicht über alle erreichbaren Lesarten. Der Stellennachweis erstrebt möglichste Vollständigkeit in Angabe der Quellen, Parallelstellen und Entlehnungen in späteren Midraschim. Die griechischen Fremdwörter sind in Fußnoten genau verzeichnet. Der Kommentar endlich giebt eine erschöpfende, aus dem Midrasch selbst, seinen Quellen und Parallelstellen im Jerusalemischen Talmud und anderen Midraschim gewonnene Erklärung, eine Fülle von Nachweisuugen textkritischer, sprachlicher, grammatikalischer, sachlicher Art und die weitere Verweisung auf neuere Schriften, in denen einzelne Midraschstellen besprochen werden. Die Ausstattung in Papier und Druck läßt die Ausgabe auch äußerlich gut erscheinen. Ein Unternehmen ähnlicher Art auf anderen Gebieten der Wissenschaft würde mit reichlicher staatlicher Unterstützung und Förderung erscheinen. Auf eine solche Hilfe und auf die Theilnahme gelehrter Akademien hat ein Werk des jüdischen Schriftthums nicht zu rechnen. Nur durch die Subvention der Hllimwe isi-aiMe und der Zunzstiftung sowie einiger opferwilliger Freunde der jüdischen Litteratur konnte Dr. Theodor die nöthigsten Handschriften an Ort und Stelle studiren und voir anderen sich Abschriften verschaffen. Von einem Lohn für seine langjährigen Mühen kann keine Rede sein. Das fertige Werk selbst kann nur erstheinen, wenn die nöthige Anzahl voll Subskribenten dafür sich findet. Dazu werden wohl die verschiedenen öffentlichen Bibliotheken und ein Theil der Rabbiner sowie andere noch vorhandene jüdische Gelehrte ein Kontingent stellen. Aber es dürfte zur Drucklegung des theuren Werkes schwerlich aue-reichen. Darum ergeht an den weiten Kreis der Leser dieses Blattes die Bitte, durch ihre eigene Betheiligung und die Gewinnung weiterer Freunde jüdischer Wissenschaft, und indem sie Gemeinden und Vereine zur Subskription veranlassen, das baldige Erscheinen des Werkes zu ermöglichen und dieser Frucht langjähriger mühe-, liebe- und geistvoller Eelehrtenarbeit zur Reife, zur Belehrung und weiteren Wirksamkeit zu verhelfen. Die Ausgabe wird in acht Lieferungen zu je fünf Bogen erfolgen, der Preis für eine Lieferung beträgt drei Mark. Die Subskriptionen sind beim Herausgeber, Rabb. Dr. Theodor in Bojanowo, anzumelden?)? Wir können diese Bitte auf. dos Wärmste unterstützen. Es ist eine so dringende Nothwendigkeit, daß die Midrasch-Ausgabe von Theodor bestimmt erscheiue?daß nur keinen Augenblick daran zweifeln, es werden sich die Gönner des jüdischen Schriftthuins in Deutschland diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Beweis zu führen, daß „Israel auch heute noch nicht verwaist ist". Die Redaktion. Eine Judenverfolgung in Rußland. Von Maxim Gorki?) ls ich mich gestern Nachmittag der Stadt näherte, drangen dumpfe, drohende Laute an mein Ohr; sie klangen gleich dem Gebrüll hungeriger Thiere und gleich dem Rauche frisch entzündeten Feuers, nahmen sie immer mehr und mehr an Umfang zu. Mein Herz füllte sich mit unbewußter Furcht; ich trieb die Pferde an - bald war ich im Stande, zornige Stimmen zu unterscheiden — und jetzt hörte ich auch scholl Männer, Frauen und Kinder durch einander schreien, weinen und wimmern. Thore und Hansthüren wurden aufgerissen und halb offen gelassen; das Volk rann wie toll nach dem Viertel der Stadt, wo die Juden wie in einem alten Ghetto leben. Hinter ihren Eltern und Meistern und gleich ihnen stolpernd über fliehende Küken und Katzen liefen zerlumpte Kinder'und klaffende Hunde her, während oben Schwärrne rothschnäbeliger Taubell ängstlich hin- und herflatterten, um dem Aufruhr zu entfliehen. Irgendwie wurde ich ebenfalls irr den allgemeinen Aufstand hine'mgerissen, ich warf einem Monjek die Zügel zu und folgte der Menge. „In der Etisabethstraße werden sie geprügelt? schrie Jemand. „Vorwärts! den Spaß laß Dir nicht entgehen? Ein Wagen kam donnernd die ungepflasterte Straße heruntergesaust, das Gesicht des Fuhrmanns war dunkelroth vor Wuth und Aufregung, er peitschte seinen Klepper mit den Enden der Leine und schrie: „Hilfe, meine Brüder! Die Unseren werden dort drüben geschlagen." Wir eilten weiter. Das Anspornen war ganz überflüssig, denn wir blieben erst dann stehen, als wir auch nicht einen Schritt mehr vorwärts thun konnten. In diesem Augenblick sah ich mich in eine kleine Seitengasse hineiugedrängt, die ebenso voll gedrängt mit Mellschell war wie etwa ein Sack mit Getreidekörnern. Und in all dein Gebrüll und Gerassel hörte ich auch scholl ein wenig weiter vorn jenes eigenthümliche Summen und Dröhnen, das gewöhnlich Straßenkämpfe begleitet. Lärmende, heulende, rauhe, streitende und befehlende Stimmen; Schreie der mit dem Tode Ringenden, Klirren vonGlasscherben, Zertrümmern vonThüreu; jetzt eine kleine Explosion, nnd dazwischen regnete es Schläge ans Köpfe und Schultern. Ein kleiner wohlgekleideter Mann neben mir sagte in schadenfrohem Tone: „Jetzt kriegen sie's, die Juden!" und indem er sich freudig die kleinen, runzeligen Hände rieb, setzte er hinzu: „Geschieht ihnen recht." Kurze Zeit darauf stand ich irr der vordersten Schlaehtlinie Ich sah erregte Gesichter, in denen Unwissenhaft lind Haß ausgeprägt war, gierige Allgell, die nach Beute spähten; rl ') Diese hier zuerst nach dem authentischen Original übersetzte Schilderung eines Bolksaufstandes ist wohl die Veste, die je geschrieben worden ist. Maxim Gorki, der größte aller russischen Schriftsteller, erzählt, daß diese Schilderung des Judenmordes in Mhtlinaki ihm in die Seele geschrieben worden sei. Zu Hanse habe er sie nur „mngeschrieben". Die Redaktion.