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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-23 · Heft 21 (23.5.1902) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
Seite 248 (sequence 10)
Language
German
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248 Die Thater: der anftretenden Personen werden in ihren einzelnen Zügen, in ihrem Zusammenhänge mit der Vergangenheit, wie in ihren Folgen und Einwirkungen auf die Zukunft gedeutet und erklärt, das in der Bibel oft nur kurz Angegebene ausgeführt, die Einzelheiten des Geschehenen weiter ausgemalt und so oft förmliche Nachdichtungen der ursprünglichen Erzählungen veranstaltet. In diese wurden sodann die im Volke lebenden Sagen verwoben und durch Legenden, Gleichnisse, Märchen und Fabeln erweitert und ausgeschmückt. Die Parabeln und Legenden sind vielfach selbständige dichterische Gebilde von hohem Reiz und tiefem Inhalt. Der Stoff zu den Gleichnissen wird nicht nur dem täglichen Leben, den Berufs- und gesellschaftlichen Verhältnissen der Israeliten entnommen, sondern vielfach auch den staatlichen Einrichtungen, sozialen und sittlichen Verhältnissen des römischen Reiches, unter dessen Herrschaft der größere Theil der Haggadahs entstand, und dadurch auch voll diesen lebensvolle Bilder entworfen. Ebenso werden uns nicht selten zeitgeschichtliche Personen und Dinge unter der leicht zu durchschauenden Hülle der Vergangenheit vorgeführt. Ein unerschütterlicher Glaube an die Gerechtigkeit und an den unausbleiblichen Sieg der Wahrheit, eine tiefe Empfindung für Güte und Menschenfreundlichkeit, eine ernste sittliche Lebensanschauung und eine fromme, gottergebene und hoffnungsfreudige Gesinnung durchdringen und beleben alle diese Schlußerklärungen und selbständigen Darlegungen. Und eine Fülle von Lehren reifer Erfahrung, tiefer Menscherckenntniß, weiser Lebensführung und edler Sitten ist in kurzen, kernhaften Sprüchen und Sentenzen niedergelegt. Mag die eigenthümliche Fassung einzelner Haggadahs hier und da uns auch fremdartig anmutheu, aus allen erhalten wir ein umfassendes, lebenswahres Bild der Anschauungen, Gedanken und Gefühle der Inden Palästinas und insbesondere ihrer Lehrer und Führer zur Zeit der Entstehung des Talmuds. Dieses Schriftwerk wurde später mit den Midraschsammlungen zu den übrigen Büchern des Pentateuch und den fünf Megillot zu einem Werke unter dem Namen: Midrasch Rabba oder Nabbot vereinigt und eine unerschöpfliche Fundgrube der Belehrung und Anregung für die Schrifterklärer und Prediger, Poeten, Neligionsphitosopher: und Mystiker, sowie auch für die Erbauungsbücher, welche für die weiteren Volkskreise in hebräischer, spanischer oder jüdisch-deutscher Sprache verfaßt wurden. Erstmals erschien es im Drucke in Koustautiuopel 1512 und sodann irr Venedig 1545. Aon dieser Ausgabe wurden seither zahlreiche weitere Abdrücke veranstaltet, und die verschiedenartigsten Kommentare umgaben allmälig den Text und snch!en ihn in der mannigfaltigsten Weise zu erklären, ausznlegen und zu erweitern. Diesen Text gaben schon die Handschriften an einzelnen Stellen verschiedenartig wieder und nahmen nicht selten die Randbemerkungen einzelner Leser in ihn auf. Die Druckausgaben entfremdeten ihn noch weiter seiner ursprünglichen Gestalt. Der Plan und der Zusammenhang der einzelner: Abschnitte blieb den Herausgebern nicht selten verborgen, und bei der größeren Freiheit, die sie sich bei haggadisehen Werkei: der: hataehischen gegenüber gestatteten, strichen sie manche Steller:, insbesondere die Anführung vor: Schriftversen, die sie für zwecklose Wiederholungen ansahen, trennten Zusammengehöriges und bildeter: willkürlich Kapitel und Abtheilungen. Der Midrasch Beresehith rabba insbesondere, irr dem wenig bekannten Idiom des Jerusalemischen Talmuds geschrieben, büßte vielfach die ihn: eigenthümliche:: Ausdrncksformen ein, und bei den späteren Abdrücken traten die von den Kommentatoren gegebenen Uebersetzungen in die gebräuchlichere Sprache der übrigen Midraschim an die Stelle des ursprünglichen Wortlautes. - Die Korrektheit und das Verständnis; der einzelnen Stellen wurde hierdurch vielfach beeinträchtigt, . garx. besonders aber die Erfassung der Anlage wie der besonderen Art und Bestimmung der verschiedenen Midraschwerke. Sie erschienen als eine mehr oder weniger zu sarnmenhanglose Aneinanderreihung vor: Schriftdeutungen Legender:, Sprüchen und Lebensregeln. Erst Zunz hat in seinen! grundlegenden Werke über die gottesdienstlichen Vorträge der Juden den schriftstellerischen Charakter der verschiedener Midraschim, ihre Richtung und Gestalt, Sprache und Stil Alter und Heimath, Quellen und Entlehrrurlgen festzusteller: ge sucht. Es sind durchweg Sammelwerke, welche die lieber lieferungen und Lehren einer großer: Zahl vor: Schriftgelehrten aus großer: Zeiträumen in kürzester Fassung mittheilerr. Zn welchem Zwecke und ir: welcher Fora: Haber: sie den ihnen vor liegender: Stoff verarbeitet, wie war dieser beschaffen, und welch Entwickelung hat er durchgemacht, bis er ir: diesen Werker: Auf' nähme fand? Welches sind die älterer: und ursprünglicherer Werke dieser Art, und wie beschaffe:: waren die Veränderungen die ir: den späterer:, nach dem Muster jener entstandener:, vor genommen wurden? Was waren die Gesichtspunkte, welche di Redaktoren der verschiedenen Schriften leitete::? Inwiefern sind noch ihre persönlichen Anschauungen aus der Wahl ihre Stoffes und der Form seiner Behandlung zu erkennen? Um welche Schlüsse lasser: sich aus der Anlage und Darstellungs weise der einzelnen Midraschirr: auf die Verhältnisse und Ein richtungen ihrer Zeit ziehen? Solche Fragen können nur durc! Vergleichung der verschiedenen verwandter: Schriften bei sorg fältiger Prüfung der einzelnen Texte und ihrer Parallelstelleü mit einiger Sicherheit beantwortet werden. Mit der Herausgabe vortrefflicher Bearbeitungen einzelne Midraschwerke, darunter solcher, die bereits seit längerer Zei als verloren galten, hat zuerst der Gelehrte Salomon Bube in Lemberg begonnen. Ihm sind sodann M. Friedman: A. Epstein,L. Grünhut u. A. gefolgt. Und diese Werke sowie die cm sie sich anschließenden Untersuchungen Haber: bereits zu viel fach interessanter: Ergebnissen über diese Schriftwerke und di Zeiten, denen sie entstammen, geführt. Nur: soll auch von den: wahrscheinlich ältester: und bc deutendster: derselben eine allen Anforderungen der Wissenschaj entsprechende kritische Ausgabe erscheinen. Der Herausgeber Herr Rabbiner Dr. Theodor ir: Bojanowo, ist seit bald einen Menschenalter auf den: Gebiete der Midraschforschung thütig und seine Arbeiter: Haber: durch ihre umfassende Beherrschung des ganzen Materials, ihrer: eindringenden Scharfsinn ur: ihre glücklicher: Kombinationen in hervorragendem Maße da dunkle Gebiet erhellt und die ungetheilte Zustirrurrnng der Fach rnünner gefunden. Er hat den Plan und die Anlage einzelne Midraschwerke erschlossen, ihren Aufbau und ihre Technik da:- gelegt und ans ihrer, vor: ihm wieder aufgefundeneu, Kapitel eintheilrmg und Anordnung ihre Bestimmung als eine Samm lung von Homilien zu der: Sabbathvorlesungen des in Palästina gütigen dreijährigen Cyklus nachgewiesen. Nach einer solchen Vorbereitung ging er sodann an du Durchforschung der noch vorhandenen Handschriften de?

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