Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- Seite 246 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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246 als Material zu überweisen (Sehr richtig!), und die Entgegnungen des Herrn Negierungsvertreters auf die Ausführungeil des Herrn Abgeordneten Noelle bewegen sich in rein formeller Hinsicht. Was materiell gegen die Petition spricht, haben wir bisher nicht erfahren. Wir haben nur gehört, daß eben die jüdischen Seminare ausgeschlossen sind, weil sie Privatanstalten sind, nicht etwa, weil sie wissenschaftlich weniger § leisten, oder weil die Schüler dieser Lehranstalten in ihrem Charakter rc. minderwerthig wären. Ich kann deshalb namens meiner politischen Freunde erklären, daß wir uns dem Anträge des Herrn Kollegen Noelle anschließen. Ich habe auch der ausgezeichneten und sachlichen Begründung, die der Herr Abgeordnete seinem Anträge gegeben hat, kaum noch etwas hinzuzufügen. Ich möchte aber darauf Hinweisen, daß der einjährige Heeresdienst der Volksschullehrer eingeführt ist aus Grund eines Antrages, den der Reichstag im Jahre 1895 angenommen hat. Dieser Antrag war gestellt von dem Abgeordneten Weist von der freisinnigen Volkspartei und hat im Reichstag die Zustimmung sämmtlicher Parteien gefunden mit Ausnahme der sozialdemokratischen Partei. Er ging von dem Gedanken aus, daß in Anbetracht der Bildung der Lehrer, ihrer amtlichen und außeramtlichen Stellung es gerechtfertigt sei, ihnen den einjährigen Heeresdienst zu öffnen. Was für die übrigen Lehrer zutrifft, trifft meines Erachtens auch für die jüdischen Lehrer zu. und die Art der Ordnung der Materie erweckt den Eindruck, als ob eine gewisse Absicht vorgeherrscht habe, gerade diese Seminare von der Ertheilung der Berechtigung zum einjährigen Heeresdienst frei zu lassen. (Sehr richtig! links.) Ich behaupte nicht, daß diese Absicht bei der Unterrichtsverwaltung obgewaltet hat: allein den Eindruck muß man aus der Petition, die uns vorliegt, entschieden gewinnen. (Sehr richtig! links.) Es sind acht Privatsemiuare vorhanden. Von diesen acht Privatsemiuaren ist eines katholisch und eines evangelisch. Die Schüler dieser Seminare sind ohne weiteres in der Lage, als ordentliche Schüler in eine Staatsanstalt einzutreten, und bekommen als solche ohne weiteres die Berechtigung zum einjährigen Heeresdienst. Umgekehrt können aber die Schüler der acht jüdischen Seminare nicht als ordentliche Schüler in eine Staatsanstalt eintreten, sie werden nur ausgenommen als Hospitanten, nud diese Hospitanten werden dann wieder ausgeschlossen von der Erringung des einjährigen Zeugnisses. (Hört, Hört! links.) Es kommtauch in Betracht, daß für diese Privatseminare der Staat keinerlei finanzielle Aufwendung zu machen hat, daß er aber in der Lage ist, in Bezug auf die wissenschaftliche Qualifikation der Schüler alle Anforderungen zu stelleil, die ihnen nothwendig erscheinen, um ihnen die Berechtigung zum einjährig - freiwilligen Heeresdienst zu ermöglichen. Deshalb bin ich durchaus wie Herr Kollege Noelle der Meinung, daß wir im Interesse der verfassungsmäßig garantirte n Glei chberechtigung derKo nfess io nen den Antrag Noelle anzunehmen haben, wonach die Petition der Negierung zur Erwägung zu überweisen ist. (Bravo! links.) Abg. Dr. Dittrich-Braunsberg (Centrum): Ich glaube, die preußische Unterrichtsverwaltung ist gar nicht kompetent, diese Petition zu berücksichtigen oder behufs etwaiger Berücksichtigung zu erwägen, denn die kompetente Stelle hierfür ist der Reichskanzler. Wenn die Petition dem Reichstage vorläge, könnte man ohne weiteres sagen, die Regierung möge sie berücksichtigen oder erwägen; aber ich glaube, die preußische Unterrichtsverwaltung kann weiter nichts thun, als das Material, welches wir ihr überweisen, au sich zu nehmen und an die richtige Adresse zu schicken, und das ist meines Wissens auch der Sinn gewesen, in welchem die Unterrichtskommission diese Petition als Material überwiesen wissen wollte, nämlich als Material für eine künftige Regelung der Dinge, die zu geschehen hat durch den Reichskanzler. Ich glaube demnach, wir thun gut. wenn wir dem Alltrage der Kommission gemäß für Materialuberweisuug stimmen. Abg. Ehlers (Freis. Vereinig.) Ich kann diese formellen Bedenken nicht theilen. Ich sehe keinen Grund, weshalb nicht der preußische Kultusminister den Gegenstand dieser Petition, die doch die unter ihm stehenden Unterrichtsanstalten betrifft, erwägen und dann vielleicht den Herrn Ministerpräsidenten ersuchen kann, auf den Herrn Reichskanzler eine gewisse Einwirkung auszuüben. (Heiterkeit. Sehrrichtig!) Ich glaube, daß die formellen Bedenken in dieser Hinsicht doch zu weit gehen und bitte Sie dem Alltrage des Herrn Abgeordneten Noelle zuzustimmen. (Bravo! links.) Präsident v. Kroch er: Die Besprechung ist geschlossen. Ich werde zuerst abstimmen lassen über den Antrag des Abgeordneten Noelle, die Petition der königlichen Staatsregierung zur Erwägung zu überweisen. Sollte dieser Alltrag abgelehnt sein, so werde ich ohne besondere Abstimmung annehmen, daß der Antrag der Kommission angenommen ist. — Damit ist das Haus einverstanden. Ich bitte Diejenigen. sich zu erheben, welche, dem Anträge des Abgeordneten Noelle gemäß, die Petition zur Erwägung überweisen wollen. (Geschieht ) Das ist die Minderheit; der Alltrag Noelle ist abgelehnt und der Kommissionsantrag angenommen. Gabriele von Bülow. Von Regina Neisser. „Höchstes Glück der Erdenkindn Ist doch die Periönlichkeit." s war ein epochemachendes litterarisches Ereigniß, als vor ungefähr einem Jahrzehnt das Lebensbild der Lieblingstochter Wilhelm von Humboldts erschien. Dasselbe ist auf Anregung der Frau Großherzogin von Baden ariden Familienpapieren und Briefen Wilhelm von Humboldts und seiner Kinder von einer Enkelin der Verewigten au gezeichnet und, obgleich ursprünglich nur für die Familie bestimmt, später der Oeffentlichkeit übergeben worden. Ein Jahrhundert der Geschichte einer Familie von erlauchten Geiste, unvergleichlicher Bildung, hinreißendem Adel der Gesinnung, welche mit den erlesensten Geistern der Zeit in innigstem Verkehr stand, die allgemeinste Verehrung genoß und sich im Glück wie im Unglück gleich trefflich bewährte, zieht an uns vorüber. Aber unsere tiefste Antheilnahme erregt die Frau, deren Leben viel reiche Huld des Glückes, der sonnigen Freuds aber noch inehr beugendes Leid und unermeßlichen Schmer» iu sich schließt, verklärt durch den Zauber der Liebe, der Schönheit, der wahren, echten Menschlichkeit. Das Buch, das zu den köstlichsten Perlen der Memoirenlitteratur zählt, hat »ach vollem Verdienst Würdigung und Verbreitung gefnndeu, ja, es ist zu einer Art Andachts- und Erbauungsbuch der Gebildeten deutscher Nation, und nicht zum mindeste»» der Gebildeten deutscher Nation jüdischen Glaubens, geworden. Auf den Höhen des Lebens stehend, von edlem Charakte sittlicher Größe in allen Lagen, von festem Gottvertraueu. seltener Pflichttreue in» Großen wie in» Kleinen, Liebe u» d Segei» spendend so weit ihr Wirkungskreis sich ausdehnte, hat Frau von Büloiv die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erregt, und ihre Briese, welche ihre »vahrhaft vornehme Persönlichke t wiederspiegel»», sichern ihr die Bewunderung der Nachwelt bis in die fernsten Zeiten! Den deutschen Frauen jüdische» Glaubens wird Fra i von Büloiv durch ihre Beziehungen zu den drei Freundinnca ihres Elternhauses, der Nahel, Henriette Herz und Dorothea Schlegel-Mendelssohn, denen sie stets die treueste Anhänglichkeit bewahrte, näher gebracht. Es ist bekannt, daß die Brüder Humboldt, ehe siebte Universität Frankfurt bezogen, mit ihrem Hofmeister, de n jungen Gelehrten Knuth, zumeist in Berlin sich aufhielte:» Dort hörten sie Privatvorträge bei verschiedenen Professorea dort wurden sie noch des Vorzuges theilhaftig, den Sokrat-s von Berlin, Moses Mendelssohl», kennen zu lernen, besser» Freund und Lieblingsschüler, David Friedländer, in der Folge ihr vertrautester Freund wurde; dort verkehrten sie auch oft und gern in dein Hause des Hofraths Markus Herz, welcheedamals den Mittelpunkt des geistigen Lebens der preußische»