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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-23 · Heft 21 (23.5.1902) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
Seite 243 (sequence 5)
Language
German
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Genau zu demselben, von t ein die Rumänen in ihren sonderbaren Ableugnnngsversuchen b ehauptet haben, daß diese auf Lüge und Verdrehung beruhen. Wurde nicht von Rumänien aus halbamtlich erklärt, von einer rumänischen Judenauswanderung sei auch nicht eine Spur zu entdecken? Siehe da, Graf Goluchowski beschäftigt sich bereits mit den peinlichen Folgen der Auswanderung erwerbsloser Juden nach dem Nachbarstaate. Hatte die rumänische Regierung acht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um der Ansmndspresse weisznmachen, das neue Handwerkergesetz richte sich höchstens gegen die wirklichen Fremden, nicht aber gegen die > inheimischen „Fremden", d. h. nicht gegen die rumänischen luden? Und Graf Goluchowski versichert, daß das Gesetz die Huden erwerbslos mache. Das Zeugniß des Grasen Golnhowski wird von den Rumänen nicht angefochten werden önnen. Hat Ministerpräsident Stnrdza auf dem Jahresfestessen es kaufmännischen Vereins in Braila mit Genugthuung der ängsten anerkennenden Worte Golnchowskis gedacht, so wird r sich vielleicht auch dessen jetzige Erklärungen zu Gemüthe ähren und endlich von den Versuchen, aus schwarz weiß zu machen, abstehen. Stnrdza rief die ausländischen Grvßkaufleute ms, sich die Hebung des Kredits Rumäniens angelegen sein n lassen. Er hat sich dabei offenbar in der Adresse geirrt. Mr den Kredit Rumäniens ist nicht das ausländische Kapital, andern die rumänische Regierung verantwortlich. Der betreffende Passus der im ungarischen Delegationsausschusse gehaltenen Rede des Grafen Goluchowski lautet: „Wir haben kein Recht, in die Angelegenheiten Rumäniens uns inzumischen. Wir könne» uns nur gegen unangenehme Folgen des lenen Gewerbegesetzes schützen, da viele erwerblos gewordene Juden » größeren Massen bei uns einwander» wollen. Ich habe dem Geandten in Bukarest bezügliche Weisungen ertheilt und bin mit beiden Regierungen der Monarchie in Verbindung getreten, um der Kalamität vorzubengen, welche eine massenhafte Einwanderung vermögensloser Leute für die Monarchie herausbeschwören könnte. Uebrigens sind gerade in allerletzter Zeit in dieser Angelegenheit von der rumänischen Regierung beruhigende Erklärungen eingetroffe», und es steht zu offen, daß die Angelegenheit eine befriedigende Lösung finden werde." Im klebrigen scheint auch der österreichische Minister den Berliner Vertrag nicht mehr zu kennen, da er davon spricht, mß Oesterreich kein Recht habe, sich in diese Angelegenheit Rumäniens einzumischen. 4 Der neue Minister des Innern in Rußland flößt den Antiemiten in Deutschland und Oesterreich Vertrauen ein. Das wäre ehr bedenklich, wenn nicht das Manöver dieser Leute bekannt wäre, Jeden, dessen Ansichten man noch nicht kennt, von vornherein zum Antisemiten zu stempeln. Von diesem Gesichtspunkte aus muß man auch die folgende antisemitische Mittheilung mfnehmen: „Die russischen Juden sehen der Wirksamkeit des neuen Ministers °>es Inneren mit dem größten Mißtrauen entgegen. Herr von Plehwe st ein gründlicher Kenner der Jndenfrage überhaupt und spezull der Judeufrage in Rußland. Er ist geradezu ein Fachmann ans diesem Gebiete, und fast alle Ausnahmegesetze, welche in Rußland betreffs der Inden in Geltung sind, wurden von ihm ansgearbeitet. Die Jude» haben mehrere Deputationen zu dem neuen Minister des Inneren entsendet, um ihn scheinbar zu beglückwünsche», in Wahrheit aber, um sich über seine Gesinnungen und Absichten betreffs der Jude» zu informiren. Herr v. P lehive mach te kein Hehl daraus, daß er eine gründliche Reform der Judcngesetzgebung sür nothwendig halte. Insbesondere betonte er, daß die Schaffung von Nachtragsgesetzen erforderlich ist, durch welche eine Umgehung und Vereitelung der bestehenden Ausnahmegesetze seitens der Juden unmöglich gemacht wird. Diese Aussichten sind nicht nach dem Geschmack der Juden, und es ist daher nicht zu verwundern, daß die jüdische Intelligenz ausnahmslos in den Reihen der malkontenten Revolutionäre steht." Daß Herr v. Plehwe ein genauer Kenner der einschlägigen Verhältnisse ist, ist wahr, denn er ist der Vorsitzende der Kommission, die sür die Zusammenfassung der Judengesetze gebildet wurde. Daß aber fast alle Ausnahmegesetze von ihm ausgearbeitet worden seien, ist wieder nicht wahr. Daß jüdische Deputationen den Minister beglückwünscht haben, ist wahr, daß er ihnen gegenüber kein Hehl daraus gemacht habe, daß er eine gründliche Reform der Jndengesetzgebung für nothwendig erachte, ist wiederum nicht wahr. Die Glaubwürdigkeit der ganzen Mittheilung kann man also wohl schon nach diesen Proben beurtheilen. 4 Unter den durch das im Februar d. I. in Schemacha (Kaukasus) erfolgte Erdbeben schwer Heimgesuchten befindet sich auch eine große Anzahl kaukasischer Bergjuden, die sich nun an das in Baku gebildete Hilfskomitee für die in Schemacha und Umgegend vom Erdbeben Betroffenen um Unterstützung gewandt haben. — Das an das Haus Rothschild in Baku, zu Händen des Herrn Pagel in seiner Eigenschaft als Mitglied des genannten Hilfskomitees, gerichtete Unterstützungsgesuch rührt von den unter dem Namen ,,Biki">) bekannten, in Maga im Kreise Schemacha ansässigen Bergjuden her und hat nach dem hebräischen Original folgenden Wortlaut: „Zion wird durch Recht erlöst, und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit! Viel Frieden und nahes Heil sür Tausende und Zehntausende komme und ströme herab von dem in, Himmel thronenden Schöpfer auf die Häupter der Großen, Reichen und Edlen, die der Heilige Israels tausendfach vermehreu und Friede in ihrem Zwinger walten lassen möge, bis er kommen wird nach Siloh. Amen! Wir kommen hiermit allesammt und einzeln, Groß und Klein, Frauen und Kinder, um Euch kund zu thnn die Heimsuchung, die Gott über unseren Ort verhängt hat. Gepriesen sei Er, der bestimmt und vollführt und uns gezüchtigt hat wegen unserer großen Sünden. Wir zählen 150 Familien und wohnen im Dorfe Maga unweit von Schemacha. Am 6. Adar rischon, Donnerstag Nachmittag, erhob sich ei>r mächtiger Sturm, begleitet von einem donnerähnlichen Geräusch aus dem Innern der Erde. Bald darauf erbebte diese, und stürzten alle Häuser ein, bis auf vier, die stark beschädigt aufrecht blieben. Alles Hausgeräth, auch das aus Kupfer und Eisen, ist total vernichtet. Außerdem sind 14 Menschen ums Leben gekommen und waren drei Tage lang unter den Trümmerhausen vergraben. Als wir sie nach langem Suchen endlich fanden, betrauerten wir sie, und unser Weinen und Jammern um sie stieg in den Himmel. Leider sind auch alle Zehrvorrüthe, Brod, Wein und Oel vernichtet, alle Waaren und Werthsachen verloren, wir sind hungrig und durstig zurückgeblieben und verschmachten nun im Elend. h lieber die Bezeichnung „Biki" gehen die Meinungen auseinander. Während Viele diese Benennung auf das russische Byk (Bulle) znrücksühren, behaupten die Bergjuden, daß darunter L'VNV '2zu verstehen ist.

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