Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- Seite 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Zur Zeit dienen, wie wir dem „Antisemitenspiegel" entnehmen, in der italienischen Armee im Ganzen 526 jüdische Offiziere, unter denen sich eine stattliche Reihe Generaloberste, Majore, Hauptleute u. s. w. befinden. Im Generalstab sitzen außer dem Generalfeldmarschall Ottolenghi 2 Oberste, Segre und Debenedetti; zu verzeichnen sind ferner 8 Majore, 42 Hauptleute und eine große Reihe von Leutnants und Unterleutnants, außerdem Stabsärzte, Oberste im Jntendanturkorps, im Korps der Contabili und im Veterinärkorps, ferner eine große Anzahl von Reserveoffizieren. Man sieht also, daß es ein historischer Boden ist, auf dem Ottolenghi groß geworden und zu Ehren gelangt ist. Es liegt uns fern, eine Parallele zu ziehen mit unserem eigenen und den Verhältnissen anderer Länder Europas. Eine solche Parallele liegt so nahe, daß sie erst nicht vorgeführt zu werden braucht; aber die antisemitische Frechheit, die sich auch gegen die deutschen Juden im Heere seiner Zeit gewendet hat, und die uoch heute zu behaupten wagt, daß die Juden „weder physisch noch moralisch sich für den Offiziersstand eignen", ist durch diese gewichtige Thatsache als eine gehässige Verleumdung glänzend widerlegt worden. Auch in Deutschland haben die Juden seit den Befreiungskriegen bis auf unsere Tage an allen Kämpfe» des deutschen Volkes »nt Muth und Eifer sich betheiligt; die Zeugnisse dafür sind erst vor wenigen Jahren veröffentlicht worden, und es wurde von hoher militärischer Seite ausdrücklich anerkannt, daß die in dem Werke „Die Juden als Soldaten" gesammelten Zahlen der militärischen Brauchbarkeit und dem guten Verhalten der jüdischen Soldaten vor dem Feinde „ein glänzendes Zeuguiß" ausstellen. Wie erbärmliche Resultate hatte solchen Zeugnissen gegenüber die antisemitische Enquete, die ein Hauptman a. D. im Jahre 1894 über die jüdischen Soldaten versuchte! Aber fast mehr noch als der Außenwelt gegenüber erscheint uns die Thatsache der Ernennung eines glaubenstrenen Juden zum Kriegsminister einer der Mächte des Dreibundes für unsere inneren Verhältnisse von großer Bedeutung. Der Generalfeldmarschall der italienischen Armee, der den Versöhnuugstag in der Synagoge zu Turin zubringt, sollte ein leuchtendes Vorbild für unsere Referendare und Privatdozenten, für unsere Landrichter und Professoren, für unsere reichen und intelligenten Juden sein, von denen eine große Anzahl, sobald sie nur die kleinste Stufe auf der Leiter einer sozialen Stellung erklettert haben, zuerst und vor allem ihr Judenthum von sich werfen oder „sich wenigstens nicht zu erkennen geben" und jeden Verkehr mit ihren Glaubensgenossen ängstlich meiden. Ein preußischer Kriegsminister war es, der im vereinigten preußischen Landtag vom Jahre 1847 den bemerkenswerthen Ausspruch gethan hat: „Ich habe mir nur die gehorsame Bemerkung erlauben wollen, daß den in der Armee dienenden Juden schon gegenwärtig das Recht gegeben worden ist, zu Unteroffizieren ernannt werden zu können; zu Offizieren dürfen sie nicht befördert werden, da ihnen das Recht zu Staatsämtern im Civildienst bis jetzt noch nicht zusteht. Sollte diese Schranke fallen, dann dürfte allerdings kein triftiger Grund obwalten, sie von der Offizierslaufbahu auszuschließen." Seit der Verfassung besteht diese Beschränkung in keinem der deutschen Bundesstaaten mehr. Das Gesetz erkennt den Inden auf allen Gebieten die volle Gleichberechtigung z». Hoffen wir, daß nach einem solchen Beispiel, wie es Italien uns gegeben, die Zeit nicht mehr fern sein kann, wo auch die deutschen Juden thatsächlich diese Gleichberechtigung er halten werden. Berlin, 20. Mai. in Alarmartikel des agrarischen Moniteurs hat in dieser Woche die allgemeine Aufmerksamkeit daran' gelenkt, daß die Reichstagswahlen vielleicht schon früher als im nächsten Jahre stattfinden könnten Natürlich fangen die Parteien bereits im Stillen zu rüsten an Am fleißigsten sind die Antisemiten an der Arbeit. Sie wählen schon ihre Kandidaten aus und suchen emsig Fühlung mn den anderen Parteien. In der Provinz Posen, welche die Antisemiten seit Jahren bearbeiten, gedenken sie dieses Mal durch ein Kompromiß mit den Konservativen Erfolge zu er zielen. Dieses Kompromiß soll sich auf die Kreise Meseritz Bomst und Czarnikan-Filehne-Kvlmar erstrecken. Die Anti semiten glauben oder wollen wenigstens glauben machen, daß wenn mit ihrer Partei ein Koinprounß geschlossen werde, de: Sieg der Deutschen in Meseritz-Bomst auch ohne die Inden ein glänzender sein würde. In der Provinz Posen, so sagen sie, könnten drei Wahlkreise stets von den deutschen Parteien behauptet werden, wenn die Konservativen mit ihnen gingen Es fragt sich nur, ob Diese den Versicherungen der Antisemiten Glauben schenken werden. Es braucht aber nicht erst hervorge hoben zu werden, daß die Inden in der Provinz Posen alles ans bieten werden, uni die Wahl eines Antisemiten zu verhindern. Und auf den gleichen Standpunkt dürften sich Diejenigen stellen, welche ein geschlossenes Zusammengehen aller Deutschen in den Ostmarken für eine Nothwendigkeit halten. Anders liegt die Sache im Königreich Sachsen, wo di Antisemiten bei den Wahlen von 1898 „eine beträchtliche Ein büße erlitten haben (die Zahl der Mandate ging von sechs auf dre herab). Dort wollen ihnen nnn diesmal die Nat i o n a l l i b e r a le v zu Hilfe kommen. Traurig, aber wahr! In der letzten Haupt sitznng des nationalliberalen Landesvereins hat Professor Hass die Nothwendigkeit des Kartells der beide» Parteien betont, und der Generalsekretär der Partei sprach die Zuversicht aus daß sich ein bestimmtes Abkommen nach dieser Richtung werd erzielen lassen. Auch in andern Wahlkreisen haben die Anti semiten Fühlung mit der nationalliberalen Partei gesucht, si im Wahlkreise Dr. Liebers, in Eisenach, in Wetzlar, Alten kirchen u. s. iv. Darf man wohl unter den heutigen Verhält nissen der Hoffnung Ausdruck geben, daß in den national liberalen Reihen sich trotzdem noch Männer befinden, die de von der Parteileitung ausgegebeneu Parole keine Folge geben oder daß die Führer selbst in anderen Ländern ein solche Kartell entschieden zurückweisen werden? Graf Gvlnchowski, der österre ich ische Minister des Auswärtigen, hat sich über die Verhältnisse in Rumänien vo: den Delegationen ausgesprochen. Graf Goluchowski ist nach der Lage der Verhältnisse nicht nur ein politischer, sondern von seiner früheren Bukarester Amtsthätigkeit her auch ei» persönlicher Freund der leitenden Kreise Rumäniens. Das wann