Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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»6. Jahrgang. Nr. 21. ine Berlin. 23. Mai 1962 Zeitung des Zuöenlbums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich, r Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.S M. Nedacterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Dr. Ludwig PHMppson-Vonn. Verlags-CrPe-ition: Gerl in, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Erpedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. In!)lltt. Leitartikel: Ein jüdischer Kriegsminister. — Die Woche. — er Militärdienst der jüdischen Lehrer. — Gabriele von Bülow. Von Regina eisser. — Ein Meisterwerk jüdischer Gelehrsamkeit. Non Rabbiner Dr. Eschelbach er. — Feuilleton: Eine Judenverfolgung in Rußland. Von axim Gorki. — Litterarische Mittheitungen. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, önigsberg, Hamburg, Aus dem Elsaß, Wien, London. — Bon Nah NNd ern. — Miseellen. Gin jüdischer Kriegsminister. Berlin, 20. Mai. /Ä^egenüber all den vielen betrübenden Erscheinungen der Gegenwart, die wir allwöchentlich zu verzeichnen haben, L) gegenüber allen Angriffen, Verleumdungen und Verdächtigungen ist es uns eine aufrichtige Genugthunng, heute ttnmal ein Ereigniß zu besprechen, das wie ein Lichtblick ous dem dunklen Gewölk unserer Tage hervorbricht. Wie l nsere Leser bereits aus den Tagesblättern wissen, ist General löuiseppe OttolenghizumKriegsminister vonItalien ernannt worden. Ist diese Thatsache an sich schon erfreulich, so gewinnt sie (urch die begleitenden Umstände noch an Bedeutung. Die Karriere des Generals Ottolengln ist eine sehr merkwürdige. 0r hat als Generalmajor die militärische Ausbildung des jetzt regierenden Königs geleitet; er war ein besonderer Liebling des Königs Umberto, und er war es auch, er an jenem denkwürdigen Tage der Weltgeschichte, am 3. April 1893, den deutschen Kaiser als Adjutant zum Oberhaupt der katholischen Kirche nach dem Vatikan begleitet hat. Dreiundzwanzig Jahre vorher waren die Juden in Nom noch ^drückt und in ihr Ghetto eingesperrt. Ein hervorragender mdischer Gelehrter, der die Auffahrt des deutschen Kaisers vor dem Vatikan mit ansah, Dr. A. Berliner, hat mit diesem denkwürdigen Ereigniß seine „Geschichte der Juden in Rom" geschlossen, und mit ihm konnte wohl Jeder den Segensspruch wiederholen: „Gelobt sei Gott, der die Zeiten ändert!" Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß General OLtolenghi unter der Regierung seines ehemaligen Zöglings, der seinem Lehrer mit inniger Liebe zugethan war, noch eine bedeutende militärische Karriere in Aussicht stand. Diese Erwartung hat sich nun erfüllt. Der Sprößling einer alten Familie, ne auch in Gelehrtenkreisen einen guten Namen hat, und in der hervorragende italienische Rabbiner sich befinden, der Mann, der lrotz aller Ehren und Auszeichnungen ein treuer Jude geblieben st, der am Versöhnnngstage, in seinen Gebetmantel gehüllt, in der Synagoge zu Turin mit seinen Glaubensgenossen den einig-einzigen Gott bekennt, dieser Mann ist nun zum Generalfeldmarschall und Kriegsminister der italienischen Armee, die im Dreibund eine hervorragende Rolle spielt, ernannt worden. Man hat darauf hingewiesen, daß es die höchste Stellung sei, die ein Jude bisher in irgend einer europäischen Armee bekleidet hat. Das ist richtig, aber man hätte billigerweise hinzufügen müssen, daß es nach diesem Beispiel wahrlich nicht die Schuld der Juden ist, wenn sie bisher noch nicht zu höheren Stellungen in den Armeen der europäischen Völker gelangt sind. Das schönste Beispiel hierfür liefert uns ja Italien. Erst seit dem Jahre 1818 wurden die Juden dort überhaupt zum Militärdienst zugelassen, und schon in den nächsten Jahren wußten sie sich Ansehen und Stellung in der Armee zu verschaffen. Kurz darauf fanden sich in den Reihen der begeisterten Freischärler (Oroeiwi) gegen Oesterreich schon 235 Inden; bei der Vertheidigung Roms im Jahre 1849 waren fünf Inden in den Reihen jener Tapferen, die den Vascello außerhalb der Porta Santa Croce mit Heldenmuth gegen die anstürmenden Feinde vertheidigten. Auch in dem Kampf um Venedig waren Juden Kommandanten der Nationalgarde; der heldenmüthige Diktator von Venedig in der schlimmsten Bedrüngniß, Daniele Manin, war jüdischer Abstammung; in dem Krimkriege kämpften italienische Inden, die es später zu hohen Ehren und Auszeichnungen brachten. Unter den „Tausend von Marsala", die am 11. Mai 1860 in Sizilien landeten, waren 11 Juden; 260 jüdische Freiwillige kämpften damals um Italiens Freiheit, und am Schluß des Feldzuges befanden sich in den Freischaaren Garibaldis 127 Juden, von denen Einer den Orden pro I^etri seäo vom Papste erhielt. Im italienischen Kriege von 1866 waren 280 Inden als Freiwillige unter den Kämpfern; der Kommandeur der Batterie, die als die erste 1870 durch die Porta Pia in Rom einzog, war ein Jude, Giaeomo Segre, der, im Kampfe verwundet, die Tapferkeitsmedaille erhalten hatte. Auch in den Kämpfen Italiens in Afrika haben eine Reihe jüdischer Offiziere und Soldaten sich ausgezeichnet. So wurde Major Blivetta bei Cassäla mit der Tapferkeitsmedaille geschmückt, und der Kapitän Andrian Mel, der dieselbe Auszeichnung bei Argodat sich erworben hatte, fand bei Amba Magi, 30 Jahre alt, seinen Heldentod. Ein einfacher Freiwilliger, Rovighi, wurde Ordonnanzoffizier des Königs Emannel. Die italienischen Juden verdienen also ein besonderes Ehrenblatt in der Geschichte ihres Vaterlandes.