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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-16 · Heft 20 (16.5.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 20 (16.5.1902)
Date
1902-05-16
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Rußland. rrl. Warschau, im Mai. Laut Ergebnis der letzten in Rußland stattgehabten allgemeinen Volkszählung betrug die Zahl der Juden in den zehn Gouvernements des Königreichs Polen 1816567 — 13.92 Prozent der Gesammtbevölkerung. Es ist nun interessant, diese Zahlen mit den von dem statistischen Amt in Warschau vor einigen Jahren bekanntgegebenen Resultaten für das Jahr 1893 zu vergleichen. Danach betrug die Zahl der Juden Polens in diesem Jahre 1 225 352-^13,85 Prozent der Gesammtbevölkerung. Es hat also in den fünf Jahren von 1893 bis 1897 die Zahl der Juden um 91215^7,43Proz.absolut zugenommen, während sie auch relativ gegenüber der Gesammtbevölkerung ein kleines Plus von 0,07 Prozent aufweist. Im Einzelnen ist die Zahl der Juden im Gouvernement Radom um 4.072, im Gouvernement Lublin um 6.223, im Gouvernement Siedelce um 7.812 und im Gouvernement Warschau um 42433 Seelen gestiegen. Am stärksten betrug jedoch die Zunahme der Juden im Gouvernement Petrikau mit der Stadt Lodz als Anziehungspunkt. Hier stieg die Zahl der Juden von 157 967 im Jahre 1893 auf 222299 im Jahre 1897. Die Zunahme betrug demnach 64 332---40.72 Prozent. Wie die beiden letzten Zahlen bekunden, muß die Vermehrung nicht allein durch den natürlichen Zuwachs, sondern auch durch die Anziehungskraft. den die beiden größten Industrie- und Handelsstädte des Ansiedelungsrayons Lodz und Warschau aus jüdische Einwanderer aus den anderen russischen Gegenden ausübeu, hervorgernsen worden sein. Dieses wird auch durch die Thatsache bewiesen, daß manches Gouvernement im Königreich Polen auch einen starken R ü ckg a n g der jüdischen Bevölkerung aufweist. So verlor das Gouvernement Kielce 2495 Inden. Im Gouvernement Kalisch ging die jüdische Bevölkerung von 76 415 aus 72339-^-5,83 Prozent, im Gouvernement Plotzk um 8938----15,04 Prozeut und in dem durch die Armuth seiner jüdischen Bevölkerung berüchtigten Gouvernement Suwalki gar um 22 576 ----- 27,73 Proz. zurück. Die christliche Bevölkerung hat in diesem Zeiträume eine Zunahme von 522544 Seelen --- 6.86 Prozent erfahren. Die Zunahme ist fast ausschließlich auf die natürliche Vermehrung zurückzuführen. — Das Budget der jüdischen Gemeinde von Warschau pro 1902 ist von den Behörden bestätigt worden. Dasselbe weist 272 822 Rubel an Einnahmen und 272317 Rubel an Ausgaben auf. Für Unterhaltung der Rabbiner und der Gemeindebeamten sind 34954, für Schulen 70 932, für das Beerdigungswesen 29 233 und für Verzinsung und Amortisation von 300000 Rubel Schulden 17 700 Rubel ausgeworfen. Außerdem sind für Unterhaltung gemeinnütziger Anstalten 49 399 und für Uuterstützungszwecke 42869 Rubel erforderlich. Diese Zahlen sprechen ungemein deutlich für die in der zweitgrößten jüdischen Gemeinde der ganzen Diaspora herrschende große Armuth. Nicht mehr als 600 000 Mark vermag diese über 263000 Juden zählende Gemeinde aufzubringen. Mau vergleiche damit das Budget der etwa 90000 Juden zählenden jüdischen Gem?inde von Berlin, sowie das der jüdischen Gemeinden von Hamburg, Breslau und Frankfurt a. M. mit ihren je 20000 jüdischen Seelen. Laut amtlichen Er- Hebungen lebten nämlich am 1. Januar 1902 in Warschau 736 625 Seelen. Davon waren 417 583 Polen, 35671 Russen, 20112 Deutsche, 435 anderer Nationalitäten und 262824 Juden. Von Nah und Fern. — Der geschäftssührende Ausschuß des Deutschen Rabbinerverbandes hat am 12. d. M. hier eine Sitzung abgehalten. Die Generalversammlung findet am 7. und 8. Juli d. I. statt. — In Breslau ist am 10. d. M. der Buchdruckereibesitzer und Zeitungsverleger Leopold Freund, der Eigeuthünrer der „Breslauer Morgenzeitung" und Hauptaktionär der Aktiengesellschaft „Bote aus dem Nieser,gebirge", in Hirschberg gestorben. — Kommerzienratb I. Herz in Jeßnitz hat das Ritterkreuz I. Klasse des anhaltinischen Häusordens erhalten. — Wie aus Wiesbaden gemeldet wird, hat die augenblicklich dort weilende Baronin Julie Cohn-Oppenheim, die Tochter des verstorbenen Hofbankiers Baron Cohn in Dessau, dem Kaiser eine Million Mark für Kunstzwecke übergeben. — Die Jury der Kunstausstellung in Budapest hat dem bekannten jüdischen Maler Gustav Mannheimer die goldene Staatsmedaille verliehen. — Bei den französischen Stichwahlen am 11. d. M. sind die Nationalisten unterlegen, und die Antisemiten haben ihren letzten Sitz in Algier verloren. — In Paris ist am 3. d. M. der bekannte Arzt Dr. Theoder Klein, einer der geachtetsten Männer der jüdischen Gemeinde, der viele Jahre hindurch die Interessen der konservativen Partei auch im Centralkonsistorium vertreten hat, im 57. Lebensjahre gestorben. — Die Nachricht, daß Emile Zola in Jerusalem sei, bestätigt sich nicht. Es wird also auch wohl aus dem zionistischen Roman nichts werden! — Die französische Akademie hat den Preis Andiffres von 5000 Francs an Professor Blum von der Pariser Universität und an Herrn Tschernoff von der Rechtsfakultät in Aix vertheilt. — Am 13., 14. d. M findet eine Konferenz jüdischer Frauen in London statt. An der Spitze des Komitees stehen die ersten Damen der Gesellschaft. Zur Berathung kommen hauptsächlich Wohlthätigkeits- und Organisationsaugelegenheiteu. — In Bukarest hat ein Leutnarrt Poenaru eineu Studenten beleidigt; es kam zu Schlägereien, und der Offizier ver» weigerte Satisfaktion. Hinterher bekam er Bedenken und forderte den Studenten. Nun erklärte aber Dieser. Poenaku hätte das Recht zur Genugthuung verwirkt. Poenaru drohte nun, ihn zu erschießen; es kam zu einem Zusammenstöße auf der Straße, und der Stuhent schoß Poenaru nieder. Als man den schwerverwundeterr Poenaru im Spitals fragte, weshalb er den Studenten provozirte, sagte er zu seiner Rechtfertigung: „Ich hielt ihn für einen Juden." Tags darauf erlag erden Wunden. — In Sofia wurde der jüdische Leutnant Grazianow, den das Kriegsgericht in Schumla zu einer Gefäugnißstrafe von acht Monaten verurtheilt hatte, weil er in der Nothwehr einen seiner Angreifer, einen pensionirten Soldaten, niedergestochen, vom Kriegsgericht zu Tirnowa völlig freigesprochen. — Die in Rußland geplante allgemeine Schulreform soll sich auch auf die sehr verbesserungsbedürftige jüdische Volksschule erstrecken. Jedenfalls hat der Kurator des Wilnaer Lehrbezirks vom Ministerium für Volksausklärung den Auftrag zur Ausarbeitung eines Reorganisationsauftrages für diese Schulen erhalten. Der Plan ist nun fertig und liegt zur Zeit sämmtlichen Kuratoren der Lehrbezirke des Ansiedelungsrayons zur Begutachtung vor. Der Plan nimmt eine wesentliche Erweiterung der jüdischen Volksschulen in Aussicht, wobei natürlich weniger die jüdischen als die allgemeinen Unterrichtsfächer berücksichtigt werden sollen. Die jüdischen Schüler sollen viel russische Geschichte, vaterländische Geographie und namentlich die russische Sprache lernen. Zu diesem Zwecke sollen die bisherigen ein-respektive zweiklassigen Schulen in dreirespektive vierklassige umgewandelt werden. — Wie russische Blätter melden, ist der Verwalter der jüdischen Kolonien Südrußlands, Staatsrath Somow, nach Petersburg berufen worden. Es handelt sich diesmal um die Beantwortung der wichtigsten Frage, ob diese Kolonien, welche seit ihrer Gründung bald unter dem tzandwirthschaflsministerinm, bald unter dem Ministerium für Staatsdomänen, immer jedoch unter einem Ausnahmegesetze gestanden haben, nicht endlich sich selber überlassen werden sollten. Als Einleitung für das Selbstständigwerden der 38 Kolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw soll das in den 75 Jahren ihres Bestehens von ihnen angesammelte beträchtliche Kapital von 800 000 Rubel den Kolonien selbst überlassen respektive für Schulzwecke verwendet werden. — Aus Kiew wird von einer furchtbaren Mordthat berichtet. Einige Bauern aus Tsibolew haben ans Rache eine ganze jüdische Familie ermordet. Dem Oberhaupt der Familie war ein Stück Hand erblich zu lebenslänglichem Gebrauch zugefallen. Dieses. Stück ^qnd verkaufte er an einen Bauern, der erst nach dem Kauf merkte, daß er betrogen war, weil ihm das Gesetz den Besitz des Landes verweigerte. Mehrere Bauern thaten sich darauf zusammen und schlachteten die ganze jüdische Familie ab, nachdem sie dieselbe vorher auf die fürchterlichste Weise gefoltert hatten, lim zu erfahren, wo das Geld verborgen wäre. Einer der Töchter waren die Augen ausgedrückt und die Hände abgehackt worden. Die Mörder sind verhaftet. — In Tunis ist der Großrabbiner Berrebi im Alter von 70Jahren gestorben. Derselbe hat seine Stellung nur 1^2 Jahre bekleidet. — Der „American Jsraelite" veröffentlicht die Zuschrift eines jüdischen Seekapitäns Namens Henry Elbe in New York, der schreibt, daß er mit seinen zahlreichen Fahrten in allen Zonen eiue große Anzahl jüdischer Seeleute getroffen habe, und zwar vom Schiffsjungen bis zum Schiffsführer, in den Kriegswie Handelsmarinen, und daß sie alle ihre Posten gut ausfüllten. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlfn.

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