Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1902)
- Date
- 1902-05-16
- Page
- Seite 240 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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240 die in ihm schlummert, und die jetzt zu neue»» Lebe« erwacht. Daraus wird eine neue Kunst geboren werden, jene Kunst der Zukunft, welche die Werthe des Menschenlebens umwerthen wird." „Erklären Sie sich doch, bitte, etwas deutlicher," unterbrach mich der Greis, „und sagen Sie mir, wodurch zeichnet sich die jüdische Kunst aus?" „Das Schönheitsgefühl bezwingt immer mehr das religiöse Gefühl im Herzen der Menschheit. Der Mensch unserer Zeit ist mehr künstlerisch, daher hat das altneue Judenthum hier eine neue Rolle zu übernehmen: nämlich die Bedürfnisse der Schönheit, die Forderungen der Phantasie des Zeitalters der Wissenschaft zu befriedigen. Früher reiften im jüdischen Volke neue ethische Begriffe, und jetzt reifen in uns neue Schönheitsbegriffe. In dem Zeitalter der Herrschaft der Religion kämpfte das Judenthum gegen die Phantasiegötzen, die der Mensch zu seinem eigenen Unheil und seinem eigenen Unglück erschuf. Jetzt kommt die jüdische Kunst, und sie kommt bestimmt, und wird die Götzen der Schönheit zerstören, und zerschmettern. Die ganze abendländische Kunst, die ja nur von den Mythen und Vorstellungen der griechischen Welt lebt, — einer Welt, die unserem Geiste völlig fremd ist, einer Welt, die hinschwindet, um nie wiederzukehren — diese ganze Kunst wird der Nachwelt als eine leere Schale Vorkommen. Aber die jüdische Kunst, die Tochter der modernen Wiedergeburt wird frei sein von all den absterbenden Thorheiten, sie wird die Angelegenheiten unserer eigenen Welt zum Vorwurf wählen, die Angelegenheiten unseres Zeitalters und unseres gegenwärtigen Lebens, die große Vergangenheit unseres Volkes und seine idealen Hoffnungen für die Zukunft . . ." „Eine originelle jüdische Kunst," sagte Israels traurig, „kann nür entstehen, wenn die Inden auf ihrem Boden sitzen und ein originelles, freies Leben führen." „Danach streben die Zionisten ja heute . . ." „Ja, ja, der Zionismus ist ein edler Gedanke, aber wer weiß, ob es ihnen gelingen wird, ihr Ziel zu erreichen? Der Dr. Herzl hat mich besucht, er ist ein ganz netter Mensch und glaubt an seine Idee. Aber wer weiß, ob diese einmal zu Stande kommt... Jetzt ist es eine Pflicht, den Antisemitismus zu bekämpfen, gegen das Unrecht und die Gewaltthaten, die uns zugefügt werden, zu protestiren . . Ich erinnerte Israels an das, was in seinem Namen in der „Welt" über den Zionis gesagt wurde. „Das geschah ohne mein Vorwissen.... Aber dem Zionismus wünsche ich alles Gute." Israels ist ein Jude von ganzem Herzen und ganzer Seele. Es möge hier der an einen meiner Freunde gerichtete Brief von Jozef Israels reproduzirt werden, den der Empfänger die Güte hatte, mir zur Verfügung zu stellen: „.Ich bin Aschkenasier und in einem kleinen holländischen Städtchen Groningen 1827 geboren. Meine Eltern waren gewöhnliche Juden und übten den gewöhnlichen jüdischen Ritus: ->V2 — essen, -^27! legen des Morgens, und alles andere, wie sich das gehört 712V,2DM', rc. Ich lernte bei einem jüdischen Polen, was ein jüdischer Junge gewöhnlich lernt. Ich konnte gehöriglich : 7N'2V!2, ein bischen aber nicht viel. Als ich etwas älter wurde, ging das vorbei, und ich besuchte damals eine holländische Schule und hatte immer ein großes Vergnügen, wenn ich auf der Zeichenklasse arbeiten durfte. Das wurde bei mir später zur Leidenschaft, ich dachte bei mir, ein Maler zu sein, wäre das Schönste in der Welt, und so kam ich, dank der Güte meines Vaters, * der auf meine Ausbildung nicht viel verwenden konnte und große Anstrengungen machen mußte, in das Atelier eines Amsterdamer Malers.... Nachher kam ich nach Paris, wo ich drei Jahre lang in dem Atelier des Picot, dann auch in der Leole <ts8 deaux arts arbeitete. Oft reiste ich nach Deutschland und England, wo immer man etwas sehen und lernen kann.... Wir haben hier in Holland keine Judeuhetzerei, ich persönlich habe auch in anderen Ländern nie etwas Unangenehmes wegen meines Judenthums erfahren. Ich finde M-I'L'N MV das schönste unter den biblischen Büchern, das zusammenhängendste und poetischste. Ich danke Ihnen bestens für die mir in hebräischer Sprache ausgedruckten Wünsche Morgen schicke ich Ihnen mein Porträt und andere Photographien nach meinen Bildern. Jozef Israels." Israels gehört keiner einzigen Partei im Judenthum besonders an. Er ist in erster Reihe ein Künstler, der mit ganzer Seele seiner Kunst ergeben ist. Ich halte es für einen Mißbrauch, wenn man sich seines Namens zu Agitationszwecken bedient. Nicht seine Politischen Ansichten und Meinungen sind es, auf die wir stolz zu sein haben, sondern seine künstlerischen Schöpfungen. Er ist ein Jude im Geiste, und auch als Künstler hat er nie das Gebot übertreten: „Du sollst dir kein Standbild und kein Bildniß machen!" Er schafft keine Gestalten und Bilder, sondern ein einziges lyrisches Gedicht in Farben, ein Gedicht voll Liebe und Mitleid für alles menschliche Wesen. Seine Kunst ist geistiger, idealer und Poetischer als die Schöpfungen der anderen jüdischen Maler. Wir kamen auf die Litteratur zu sprechen, und ich fragte den Maler, ob es in Holland jüdische Schriftsteller gebe. „Es giebt einige ganz bedeutende, ich liebe und schätze besonders hoch den Dramatiker Hermann Heijermans." „Verbergen dort die jüdischen Schriftsteller, die holländisch schreiben, ebenfalls ihre Namen, wie dies die jüdischen Schriftsteller in anderen Ländern thun?" „In Holland giebt es keine Spur von Antisemitismus, darum haben die jüdischen Schriftsteller hier zu Lande keinen Grund sich ihres Judenthums zu schämen, bei uns macht ihnen kein Mensch daraus einen Vorwurf." Israels stellte mich einer in Berlindomizilirendenholländifchen Schriftstellerin, Namens Auguste Dewit, vor, die gekommen war, um ihn zu besuchen, und sich an unserem Gespräch über Litteratur betheiligte. Der Maler rühmte ihre Begabung. Ich hielt sie für eine Jüdin, zumal sie sich mit großem Interesse nach der neueren Litteratur erkundigte, Israels mit großer Hochachtung behandelte und mit lebhaftem Eifer bewies, daß man in Holland zwischen Juden und Christen keinen Unterschied mache. Israels bemerkte bald meinen Jrrthum und klärte mich auf, daß die Dame eine Christin sei. Diese rief: „Im Reiche der Kunst und der Litteratur fragt man nicht danach, welchen Bekenntnisses Einer sei. Israels ist ein glaubenstreuer Jude, aber Holland ist stolz auf ihn, die ganze neue Generation von Künstlern in unserem Lande verehrt in ihm ihren Lehrer und Meister und nimmt sich ihn zum Muster." Der Künstler lud mich schließlich ein, ihn in seiner Villa bei Haag zu besuchen und bei ihm zu wohnen; dann schied ich von ihm, während er mir zurief: „llesetionv llado bv-^ernseboiajim!^ Druck und Verlag von RudolsMosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBanchwitzin Berlin.