Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1902)
- Date
- 1902-05-16
- Page
- Seite 239 (sequence 13)
- Language
- German
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23S „Ich bin kein Professor," bemerkte der Maler. „Bei uns in Holland werden solche Titulaturen nur wirklichen Lehrern au der Kunstakademie ertheilt." Und während er über Auszeichnungen und Titulaturen sprach, bemerkte er Folgendes: „Zn Deutschland und Frankreich und .in den anderen zivilisirten Ländern läuft man den berühmten Künstlern nach, da waltet die marktschreierische Reklame mit allen ihren frechsten Zauberkünsten. Die Presse rührt die große Trommel und macht einen Heidenlärm wegen der-Künstler und ihrer Arbeiten; jedes Bild, jede Skulptur wird, bevor sie noch entstanden ist, ausposaunt. Hier unterscheidet man nicht nur zwischen dem Künstler und dem gewöhnlichen Sterblichen, sondern auch zwischen Künstler und Künstler vermittelst äußerlicher Titel und Namen. Wir in Holland sind Demokraten, schlichte Menschen kennen keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch. Wir sind ja alle sterblich, Kinder eines Vaters...." Ich bemerkte, daß ja die Natur selbst dem Genius einen besonderen Stempel aufprägt und ihn von anderen Menschen unterscheidet. „Gerade darum," unterbrach mich der Greis, „sollten wir Menschen uns hüten, den schon von der Natur gemachten Unterschied noch zu erweitern und zu vertiefen. Im Griechischen bedeutete das Wort Künstler dasselbe wie Handwerker. Wie weit haben wir uns von den echten Künstlern, den Griechen, entfernt! Für Jene war das Kunstwerk die Hauptsache und nicht der Künstler. Ein Bildhauer, der seinen Namen unter ein Bildwerk setzte, wurde mit Verbannung bestraft. Und der Bescheidenste aller Menschen auf Erden rief: „Möchte doch das ganze Volk Gottes Propheten sein!" Dem wahren Künstler und dem wahreil Propheten liegt es fern, Unterschiede zwischen Mensch und Mensch zu machen." Er sprach alles mit solcher Schlichtheit und Bescheidenheit, daß ich dabei unwillkürlich au einen anderen holländischen Juden, an Spinoza, denken mußte. Ich fragte Israels, wie er sich zu seinem großen Landsmann und Volksgenossen Spinoza verhalte. „Seine Werke habe ich niemals gelesen," erklärte Israels. „Erst vor drei Jahren wurden Spinozas Schriften ins Holländische von Hermann Goter übersetzt. Ich werde mich jetzt daran machen, sie zu studiren." „Es wundert mich, daß Sie nie einen Spinoza gemalt haben. In Holland besteht ja eine alte Verwandtschaft zwischen Philosophie und Malerei. Spinoza wohnte in seinen letzten Lebensjahren in dem Hause des Malers van der Shyk, und sie waren auch mit einander befreundet." „Bereits mehrmals ist in mir der Wunsch rege geworden, das Antlitz Spinozas zu zeichnen, aber ich habe in Holland bisher keine gute Gravüre gefunden, auf die man sich verlassen könnte, ich fürchtete, die Phantasie könnte in meiner Arbeit die Oberhand gewinnen, und es käme ein gefälschtes Porträt heraus." „Giebt es noch andere bedeutende jüdische Maler in Holland?" „Nur wenige, und zwar mittelmäßige." „Und Bildhauer?" „Keinen einzigen." h Auch im Hebräischen bedeute» die Wörter ^Künstler ursprünglich Handwerker. „Wie denken Sie über de« jüdisch-russischen Bildhauer Antokolski?" „Den kenne ich nur dem Namen nach, ich habe aber nie eines seiner Werke gesehen." Im Verlaufe des Gespräches über jüdische Künstler und deren Bedeutung fragte ich Jsraöls, wie er über das Wesen einer spezifisch jüdischen Kunst denke, von der mau seit einiger Zeit in gewissen Kreisen viel rede, und die man Pflegen wolle. „Der Künstler, der Jude ist, Jude an Geist und nach Erziehung, an Denken und Fühlen, dessen Schöpfungen dürsten wohl den Stempel des Judenthums an sich tragen, ob er es nun will oder nicht. Es ist aber thöricht, wenn Jemand es sich vornimmt, mit Absicht eine „jüdische Kunst" zu schaffeit. Worin das Wesen einer jüdischen Kunst bestehe, das ist eure Sache herauszufinden, nämlich Sache der Schriftsteller und Kunstkritiker. Wir Maler haben nur zu arbeiten und nicht zu philosophiren. Und was halten Sie," schloß er, „von der jüdischen Kunst, deren Wesen Sie so interessirt?" „Wenn es gestattet ist. in Gegenwart einer Autorität wie Sie eine Meinung zu äußern . . ." „Im Gegentheil, ich bitte Sie darum, ich habe freilich Bilder aus dem jüdischen Leben gemalt, und auch jetzt bin ich dabei, ein solches zu vollenden. Ich denke selber darüber nach, ich weiß nämlich nicht, was in meiner Kunst jüdisch ist, was die besonderen spezifisch jüdischen Merkmale meiner jüdischen Bilder sind und wodurch sie sich von denen nichtjüdischer Maler unterscheiden, welche jüdische Vorwürfe gewählt haben. Ich wäre neugierig, die Ansichten der neuen Generation zu erfahren, worin das besondere Schönheitsempfinden unseres Volkes besteht. Gewiß giebt es da besondere Merkmale, aber ich kann sie nicht herausfinden, es ist mir unklar, worin das Jüdische in meinen Bildern bestehe, obgleich ich selber ein Jude mit ganzem Herzen und ganzer Seele bin, und die Bibel mein Lieblingsbuch ist." „Es giebt verschiedene Arten von Schönheit," erlaubte ich mir einzuwenden, „aber der wahre Künstler fordert ja voll einem jeden Stoff nur die ihm eigene Schönheit, die in seiner Natur gelegene Form; der schöpferische Künstler belebt und erweckt in jedem tobten Stoff die darin schlummernde Seele. Er legt etwas voll sich selber hinein. Dem Marmor giebt er die Seele des Marmors und den: Holz die Seele des Holzes. Der Künstler verleiht dem Stoff nicht eine neue Seele, sondern giebt ihm nur dessen eigene Seele wieder. Ebenso können wir einem Volke nicht eine neue Schönheitsseele einhauchen, sondern nur die in ihm seit seinem Entstehen erstarrte oder eingeschlummerte Seele zu neuem Leben erwecken. Das Schönheitsgesuhl im jüdischen Volke ist nicht geringer als in anderen Völkern, nur ist es verschieden. Wenn', wir behaupten, daß es in der Welt nur eine Schönheit gebe, und zwar die unter den abendländischen Völkern übliche und empfundene, so werden wir gestehen müssen, daß die Natur uns Juden die Fähigkeit versagt hat, sie in gleichem Maße wie die Kulturvölker zu empfinden und darzustellen. Aber die Menschheit steht vor einer neuen Schönheitswelt, die noch nicht geboren worden ist. Das jüdische Volk kündigt jetzt ihre Geburt an. Eine neue und fremde Seele, die dem Seelenschatz der fremden Völker entnommen ist, können wir dem jüdischen Volke nicht geben, und auch wenn wir könnten, es würde sich nicht lohnen. Aber wir können und sind verpflichtet, seine eigene Seele zu potenziren, nämlich die Schönheitsseele des jüdischen Stammes-