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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-16 · Heft 20 (16.5.1902) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 20 (16.5.1902)
Date
1902-05-16
Page
Seite 238 (sequence 12)
Language
German
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238 von der Natur nur kärglich mit äußerlicher Schönheit bedacht. Die Natur, welche ihn an Geisteskraft so verschwenderisch ausgestattet, hat dafür an seinem Wuchs und Körperbau gespart. Die Natur ist verschwenderisch und geizig in einem und demselben Punkte. Ein ausgezeichneter Berliner Kunstkritiker, der Israels besuchte, schenkte den kleinen, zarten Händen des Malers besondere Beachtung und wollte in diesen seine künstlerische Eigenart finden. Was mich anbetrifft, suche ich stets eine Erklärung für die geistige Eigenart eines Juden in seinen Augen. Im Verlaufe vieler Jahrhunderte hatte der Jude wenig Gewalt auf die Pflege seiner Leiblichkeit gelegt, alle seine psychologischen Kräfte und Neigungen wurden nach Innen gekehrt, und die Seele fand ihren vollen Ausdruck nur in dem Blick der Augen. Die besonderen Bedingungen, unter denen der Jude in der Diaspora lebte, hemmten die freie Bewegung seiner Glieder und schloffen gewaltsam seine Lippen. Aber wenn man uns verbieten konnte, nach Belieben Hände und Bein« zu regen, wenn man uns gewaltsam verhindern konnte, dem Worte freien Laus zu lassen, so war doch' keine Macht auf Erden stark genug, den Flug des Auges zu regieren oder zu hemmen. Das Auge des Juden sah alles, und sagte oft „nein!", auch wenn die Zunge „Ja!" lallen mußte. Unsere Hände mochten noch so schlaff werden, unsere Füße an den Steinen des Weges straucheln, — unsere Augen wurden niemals trübe noch matt, weder vor Alter, noch vor Thränen. Auch die Erklärung für die künstlerische Eigenart Israels' fand ich in dem Blick seiner Augen. Diese Augen zeichnen sich weder durch schönen Schnitt noch durch Einfassung oder Farbe aus: das Besondere an ihnen ist der Blick, der Herzensgüte und Lauterkeit der Seele ausdrückt. Israels' künstlerische Genialität liegt nicht in den Fingern und in ihrer Behendigkeit, sondern nur in seinen Augen, in der Art, wie er die Welt anschaut. In seiner Abhandlung über ihn erzählt Max Liebermann, Israels habe ihm einmals gesagt: „Außer Millet giebt es keinen Maler, der so wenig zeichnen und malen konnte, wie ich, und der dabei so gute Bilder gemacht hat." Hierzu bemerkt Liebermann außerordentlich fein : „Mit anderen Worten, wie Millet ist auch Israels kein Talent, doch — ein Genie. Beiden fehlt, was mit Recht als das Kriterium des Talents angesehen wurde: die behende Leichtigkeit, die Natur wiederzugeben." Jsraöls' Hände sind die eines Greises, eines fleißigen Arbeiters, aber die Augen sind die eines schöpferischen Künstlers, der durch die Oberfläche der Dinge in ihr Inneres eindringt, um ihre Seele zu ergründen. Welch eine Ruhe und Friedlichkeit spricht aus den Augen dieses greisen Malers! Es ist der Seelenfriede eines Künstlers, der zugleich ein Lebensweiser ist, dem die Erkenntuiß aufgegangeu ist, alles sei eitel, alles gehe vorüber und verschwinde, nur die Kunst, die echte, die geistige Schöpferthätigkeit sei das einzige, das neue und dauernde Werthe schaffe und das Ewigschöne mitten unter trüben Schatten der häßlichen Wirklichkeit banne und festhalte. Ein Blick auf Israels' Antlitz genügt, um zu sehen, daß alle seine Sinne trotz des hohen Alters und der Zartheit des Körperbaues frisch und lebhaft, sein Geist klar und empfänglich ist. Es ist offenbar, daß dieser jüdische Künstler niemals seine Kräfte ziellos vergeudet, daß Ehr- und Ruhmsucht niemals an ihm genagt haben. Er ist augenscheinlich nicht nur ein Farbensondern auch ein Lebenskünstler. Es gehört nämlich eine ganz erlesene Kunst dazu, 80 Jahre alt zu werden und dabei seine volle Weltfreude sich zu bewahren und eine keusche Empfänglichkeit und eine stille Begeisterungsfähigkeit, — und sich dabei eiserne Nerven zu bewahren, die eine rastlose schöpferische Arbeit anshalten, ohne daß man mitunter ein seelisches Ermatten, eine Erschöpfung der Phantasie verspüre. Ich beobachtete sein Gesicht und alle seine schlichten und gesunden Bewegungen, ich lauschte seinen schlichten und gesunden Urtheilen, und wieder einmal drängte sich mir die Ueberzeuguug auf, daß nicht die Arbeit, nicht das Schaffen es ist, was die Kräfte des Künstlers erschöpft. Die Jagd nach Befriedigung sinnlicher Begierden und die Eitelkeit allein sind es, die ihn vor der Zeit alt werden lassen. Und Israels ist einer jener Weisen, von denen es im Talmud heißt, je älter sie werden, desto geklärter werde ihr Geist. Einige Minuten nachdem ich mich ihm vorgestellt, unterhielten »vir uns schon wie alte Bekannte, ja Freunde. Wenn Jsraöls spricht, verdient er, daß man ihm aufmerksam lausche, denn man hat da Gelegenheit, sein geistiges Wesen mit allen Vorzügen, von allen Seiten und in allen Nüancen kennen zu lernen. Israels Unterhaltung ist schlicht, natürlich und voller Leben, bescheiden und beinahe naiv und doch zugleich voll kernhaften, gesunden Inhaltes. Man findet bei ihm nicht jenen glänzenden französische»» Esprit, der »vie ein Feuerwerk aufblitzt, schimmernd und funkelnd, aber ohne den Zuhörer mit einem »verthvollen Gedanken zu befruchten. Auch unterscheidet sich seine Unterhaltungsweise von der der deutschen Künstler, die gern mit technischen Ausdrücken und großem Ernst von ihrer Kunst sprechen, so daß gewöhnliche Sterbliche, die nichts mit Pinsel und Farbe zu schaffen haben, bald müde werden und nicht folgen können, ebenso von der der Russen, die »vie ei>» 'Wüstenstrom dahinstürmt, ohne zu wärmen und zu liebkosen, oder von der der polnischen Künstler, die zart und lieblich ist »vie eine orientalische Legende, voll schmeichelnder Blüthen, voll übertriebener Gefühlsseligkeit, ohne männliche Kraft. Auch würzt Jsraöls das Gespräch nicht mit Citaten, er hält keine Rede, die darauf absieht, den Hörer zu verblüffen, er sucht auch nicht >»ach einen» geduldigen Ohr, um die Schilderungen der eigenen Größe abzulagern. Er spricht überhaupt nicht gern von seiner eigenen Person und seinen» Schaffen, noch weniger von den Ehren und Auszeichnungen, mit denen inan ihn überhäuft. Es ist ihm absolut gleichgiltig, was Andere über ihn sprechen und schreiben. Man merkt es ihm au, daß er seine Jahre dainit verbracht hat, das Meer, das ewige, und die Natur von Angesicht zu Angesicht zu betrachten, anstatt sich in Salons hermnzntreiben. Er hat sich au die erhabene Sprache der Meereswogen gewöhnt und mag das Summen des Jargons nicht leiden, dessen sich das Küustlervolk bedient, welches sich gern als Uebermeilschen gebärdet. Während der Unterhaltung mit ihn» fiel mir unwillkürlich das Wort ein, mit welchen» Max Liebermann seinen großen Freund so treffend charakterisirt: Jsraöls ist kein Uebermensch, und — was hentzutage seltener — er will keiner sein. Mensch sein genügt ihm." In» Verlaufe des Gesprächs redete ich Jsraöls mit „Herr Professor" an, da manche Zeitnngsblätter und verschiedene über ihn geschriebene Bücher ihn so titulirt hatten.

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