Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1902)
- Date
- 1902-05-16
- Page
- Seite 237 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Man soll keine Nachlese halten und die Ecken der Felder nicht schneiden, sondern den Armen überlassen. Hierher gehören wahrscheinlich auch einige der Bestimmungen über das Erlaßjahv: Es ivird genug Kor» auf dem Felde geblieben sein, das sollt« man nicht schneiden und lesen, das gehört dem Wilde des Waldes und Feldes und den Armen. Ferner die Bestimmung. daß mau von dem Bruder keine Zinsen nehmen soll und die Mahnung, ihm dennoch Darlehen zu geben. Ebenso die Vorschrift, daß man dem Arbeiter nicht länger als bis zum Abend seinen Lohn vorenthalten soll. Das sind Bestimmungen von tiefer Humanität, eine Gesetzgebung. die immerhin beweist, daß mindestens in einigen Kreisen soziales Gesühl und Bewußtsein sich erhalten hat trotz aller Greuel der Zersetzung, die dort Platz gegriffen hatte. Ich habe schon gesagt, daß, wenn es möglich gewesen wäre, das Jobeljahrgefetz alle 50 Jahre durckzuführen und jedem von den zwölf Stämmen das alte Erbgut wieder zu Theil werden zu lassen, daß dann Israel keine soziale Frage kennen gelernt hätte. Die Wirthschaftswissenschaft begreift immer mehr, daß zwischen „Eigenthum" und „Eigenthun" ein gewaltiger Unterschied besteht. Das Eigenthum an dem Erzeugniß des Eigen- Thuns besteht kraft des Rechtes der Persönlichkeit, also ist das Eigenthum an allen beweglichen Dingen heilig. Das Eigenthum an Grnnd und Boden aber hat mit jenen Sachen nichts zu thun. Im Gegentheil, eS stellt einen Einbruch in dasselbe dar, in dem es den Einen zwingt, von dem Erzeugniß seines Eigen-Thlins, seiner Arbeit, dem Anderen eine Steuer zu bezahlen, die Grundrente. Diese Steuer ist gerade so rechtswidrig wie die Abgabe, die etwa der Erste, der in einem Eisenbahnabtheil Platz nähme, von allen später einsteigenden Passagieren erheben wollte, unter dem Vorwände, daß er sämmtliche Plätze belegt habe. Daß diese Steuer auf die produktive Arbeit, die das „Eigenthum" an Grund und Boden dem Eigenthümer einzuziehen erlaubt, die einzige Ursache dessen ist, was wir heute die „soziale Frage" nennen, diese Ueberzeugung faßt in der Wissenschaft immer mehr Boden, seit Henry George sein großartiges Werk „Fortschritt und Armuth" veröffentlicht hat. Selbst ein Mann wie Adolf Wagner, noch immer ein leidenschaftlicher Vertheidiger des ländlichen Großgrundeigenthums, ist im Hinblick auf den städtischen Grundbesitz Bodenreformer geworden, und sein Antipode Julius Wolf-Breslau steht ihm in diesem einzigen Punkt sehr nahe. vörite est sn mecrebe! Diese Wahrheit ist sehr alt. Alle Sozialreformer des Alterthums waren nicht antikapitalistische, sondern antiagrarische Reformer, ein Prinzip, welches Lykurg, Solon und die Gracchen geleitet hat. In kaum einer dieser Nationen ist die Reformkraft so stark gewesen wie in Israel, nirgends ist die Erkenntniß. daß ein immer wiederkehrendes Uebel durch fortwährend neue Maßnahmen bekämpft werden müsse, so stark gewesen. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint mir das Jobeljahr als das Zeichen einer besonders kraftvollen Intuition, als ein Ueberbleibsel der besten Ueberlieferungen der antiken Welt. So ist es denn charakteristisch, daß in der allerneuesteu Zeit ein moderner Nationalökonom, der jüdische Forscher Alfred Nossig, in allein Ernste den Vorschlag macht, das Jobeljahr wieder einzuführen. Selbstverständlich ist das heut ebenso wenig möglich wie damals, aber es ist immerhin charakteristisch, daß selbst dieser alte Gedanke in einem sonst ganz ernst zu nehmenden Buche wieder ausgenommen werden darf. Jedenfalls ist die Hauptarbeit, die zu thun ist, auf dem Gebiete des Grundeigenthums zu leisten, und es wird unter allen Umständen zwar nicht nach der Methode des Jubeljahres — wir leben ja nicht in der Sklavenwirthschaft —, aber es wird die erste und wichtigste Aufgabe unserer Zeit sein, hier erst einmal Ordnung zu schaffen, bevor man an die oberen Etagen geht. Daß das Volk Israel diesen Grundsatz so klar erkannt und durchschaut hat, das scheint mir eine der interessantesten Seiten der ganzen biblischen Agrargesetzgebung zu sein. Gin Besuch bei Iozef Israels. Von R. Brainili. ^ls ich aus den Zeitungen erfuhr, daß der größte jetzt lebende jüdische Maler, der Holländer Jozef Israels, in Berlin weile, wohin er gekommen, um an dem Jubiläum seines Freundes, des Professors von Leyden, Theil zu nehmen, und bei der Eröffnung der Sezessionsausftellung zugegen zu sein, konnte ich dem Wunsche nicht widerstehen, die seltene Gelegenheit zu benutzen, um den Meister kennen zu lernen. Ich ersuchte ihn brieflich um die Erlaubniß, ihn besuchen zu dürfen; umgehend erhielt ich einen deutsch geschriebenen mit hebräischen Schriftzügen unterfertigten Brief von Jozes Israels, der mir ankündigte, daß er mich am Sonntag den 27. April um 9-/2 Uhr Vormittags in seiner Wohnung im Hotel Bristol erwarten werde. Zur bestimmten Stunde kam ich, sah ihn und — ward besiegt. Wir freuen uns nicht nur beim Anblick himmelaufragender Berge, sondern noch mehr über Menschen von hohem Geist, die schaffend sich über die Niederungen des Lebens, über die flache Ebene des Konventionellen erheben. Diesen Genuß kostete ich seelisch durch, als ich Jozef Israels kennen lernte, der sich seiner eigenen Größe nicht bewußt ist, geschweige denn daß er sie Anderen vor Augen führen wollte. Der berühmte Künstler ist ein Greis von neunundsiebzig Jahren, klein und schmächtig. Sein Aeußeres verräth nichts Besonderes. Würde ich ihm auf der Straße begegnen, so würde mein Blick keine Minute auf ihm verweilen. Er unterscheidet sich äußerlich durch nichts von dem gewöhnlichen Durchschnittsthpus der Juden, wie man sie zu Hunderten in den Städtchen Rußlands undPolens sehen kann. Israels, dessen Gestalten alle ein Hauch von Anmuth und Lieblichkeit umweht, der einen poetischen Zauber sogar über die der gröbsten Wirklichkeit entnommenen Typen gewoben, Israels selbst wurde