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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-16 · Heft 20 (16.5.1902) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 20 (16.5.1902)
Date
1902-05-16
Page
Seite 235 (sequence 9)
Language
German
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Die Latiundienbildung war die Ursache, und die Verarmung der Volksnassen einerseits wie der frevelhafte Luxus der Reichen andererieits war die Folge. „Wehe Denen, die da rücken Haus an Haus, Feld an Feld ügen, bis kein Platz mehr ist, und ihr allein Bewohner bleibet in Lande." So klagte Jesaja, und er klagte auch über den ungeheuren Luxus, den die vornehmen Klassen jener Zeit rieben. Wir sehen diese Entwickelung in der ganzen antiken Welt, so weit sie auf Sklavenwirthschaft aufgebaut war: Niedergang der Bauernschaft und der freien Handwerker, Husammendrängung eines ungeheuren Lumpenproletariats, wie man heute sagen würde, in den Hauptstädten und als seine virthschaftlichen Ausbeuter und Politischen Führer eine reiche und iil Luxus verkommene Aristokratie von Grundbesitzern, Hosbeamten und entarteten Priestern. Und als Schlußergebniß sine gewaltsame Entvölkerung des Landes, sein finanzieller und militärischer Bankerott. So war es in Mesopotamien und Aegypten, so in Attika, Sparta, Böotien und Macedonien, -o in Rom und nicht anders in Juda. Wenn das einst so mächtige Reich, das unter Salomo das Zünglein an der Waage der damaligen Weltpolitik darstellte, unter seinen Nachfolgern w tief sank, daß es zum Spielball der Macedonier, Perser, Aegypter, Griechen und zuletzt der Römer herabsinken konnte, daß eine Bevölkerung zum großen Theil ins Exil fvrtgeführt werden konnte, dann ist in erster Linie das Institut der Sklaverei und das Latifundiensystem schuld daran. Und das haben seine großen Männer, die Propheten, sehr richtig verstanden. Das Königthum hatte zersetzend auf die alte Einiachheit der Sitten eingewirkt, namentlich seit Salomo, der sein Handelsmonopol für seine Banlust und Prachtliebe gründlich ausnutzte. Jesaja, der große Ankläger, rief aus: „Darum, daß hoffärtig sind die Töchter Zions und einhergehen mit gerecktem Halse und frech die Augen werfend, und mit den Fußspangen klirren sie; so wird der Herr die Scheitel der Töchter Zions kahl machen, und Jehova ihre Scham entblößen. Am selbigen Tage entrückt der Herr den Schmuck der Fußspangen und die Netze und kleinen Monde nnd die Ohrgehänge und die Armkettchen und die Schleier, die Kopfbänder und Fußkettchen und Gürtel und Riechflaschen und Amnlets. die Fingerringe und Nasenringe, die Feierkleider und die Röcke und die Mäntel und die Taschen, die Spiegel und die Hemdchen und den Turban und die Flore." Er klagt über die prächtigen Wagen der UePPigen, und an anderer Stelle hören wir von mit Elfenbein eingelegten Häusern. Die Reichen liegen bei ihren Gelagen auf mit Elfenbein geschmückten Lotterbetten, von Salben triefend, verzehren Mastkälber und fette Lämmer und trinken sorgfältig behandelte Weine. Die Nöllerei und Unzucht stehen in voller Blüthe. Jesaja klagt die Säuser an: „Wehe Denen, die früh aus sind am Morgen, starken Getränken nachlaufend, Wein erhitzt sie! Und Laute und Harfe, Pauke und Flöte nnd Wein macht ihr Gelage; aber auf Jehovahs Werk sehen sie nicht, und seiner Hände Thun schauen sie nicht." Beiläufig bemerkt ist dies eine Stelle, die den Kämpen Houston Stewart Chamberlain sehr aufregt. Er nennt es ein semitisches Stückleindaß man den trinkfrohen Helden das Saufen verbieten wollte. Daß das keine trinkfrohen Helden waren, die im überschäumenden Kraftbewußtsein mal ein Glas zu viel tranken, sondern ganz verweichlichte Schlemmer, das ist ihm nicht eingesallen. Jedenfalls hält er die Germanen, die zu beiden Usern des Rheins saßen und immer noch eins tranken, für ein besseres Ideal einer Volksschaft. Um davon znrückzukommen, steht dem übermüthigen Reichthum oben —untenArmuth und Elend gegenüber. Wir hören von Besitzlosen, Gedrückten, Entrechteten. Denn es scheint, als habe auch in Israel nur das volle, nicht mit irgend welchen Lasten beschwerte Grundeigenthum das volle Bürgerrecht verliehen. Und wir hören, daß die Reichen, Richter in eigener Sache, verbunden mit den ihrer Klasse angehörenden Beamten und Richtern, eine schamlose Klassenjustiz ausübten. „Die königlichen Beamten." sagt Buhl, „denen die Eintreibung der Steuern und Abgaben übertragen war, hatten hierin ein weites und ergiebiges Feld, das sie ebensowenig unbenutzt ließen wie der Beamte des heutigen Orients. Selbst von den Besitzlosen forderten sie Naturalabgaben." „Ihr tretet den Geringen nieder und nehmet Korngeschenke von ihm," klagt Amos über Israel. Andere benutzten ihre Stellung, um Kornwucher zu treiben, und betrogen dabei die Armen mit zu kleinen Maßen oder zu großen Geldgewichten. Wer die Schulden oder Steuern nicht bezahlen konnte, wurde mit brutaler Schonungslosigkeit gepfändet: „Sie verkaufen um Geld den Gerechten und den Armen um ein Paar Schuhe sie lechzen nach dein Erdenstaube ans der Armen Haupt und beugen die Sache der Elenden; auf verpfändeten Gewändern strecken sie sich hin, neben jeglichem Altar, und Wein der Gebüßten trinken sie im Hause ihrer Götter," sagt Amos. Die Armen, die Waisen und Wittwen waren deshalb rechtlos gegenüber den Aussaugungen dieser Despoten, die vor Wuth schäumten wenn wahrheitsliebende Männer bei Gericht als Anwälte der Unschuldigen austraten. „Sie hassen, wer im Thore rechtfertigt und wer Redlichkeit spricht, den verabscheuen sie," sagt Amos. Dazu kamen die unaufhörlichen Militärrevolten im Nordreich, denn die jeweiligen Machthaber hatten es sehr eilig, sich die Pfeifen zu schneiden, so lange sie im Schilfe saßen. Wir brauchen nur einen Blick auf die süd- und inittelamerikanischen Verhältnisse zu werfen, um zu sehen, daß dies nichts anderes ist als die Folge der Sklaverei, die ja dort bis vor kurzer Zeit noch herrschte. Hier haben wir die Lage, aus der nach meiner Meinung die Agrargesetze erwachsen sind, hier ist der soziale Konflikt, den sie lösen sollten, den sie mindestens abzustnmpsen berufen waren. Diese Gesetze versuchen einerseits den alten Zustand möglichst zu erhalten, andererseits den neuen Zustand möglichst zu lindern. Der alte Zustand war, Gemeineigenthum an Grund nnd Boden. Ueberall bei allen jungen Völkern gehört das ganze Land dem Stamm, der es erobert hat. Ueberall ist der einzelne Bauer nur deswegen landberechtigt, weil er Genosse ist. So lange das Land nicht voll besetzt war, konnte ja auch, wie ich schon zeigte, hierin keine Verschiebung eintreten, aber als das Land besetzt war, trat eine Verschiebung ein, und allmälig hat sich das Verhältniß

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