Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 226 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Die Thatsache der Unterwerfung von Menschen zwecks unentgoltener Arbeit für ihre Besieger ist bei den niederen Fischern und Jägern vollständig unbekannt. Das erklärt sich sehr leicht aus den Wirthschaftsgrundbedingungen. Der Fischer und Jäger hat noch kein Kapital, keinen Vermögensstamm, der zu verwalten ist, er hat kein Interesse an fremder Arbeit, seine Fürsorge erstreckt sich nur auf seine eigene Person. Deswegen hat der Mensch keinen wirthschaftlichen Werth auf dieser Stufe, und er wird vernichtet oder gleichberechtigt in den Stamm ausgenommen. Der Uebergang zum Nomadismus ändert alle Bedingungen. Jetzt entsteht Eigenthum, das einen Menschen über den anderen erhebt, und es entsteht die Möglichkeit, Gefangene nutzbringend zu verwenden. Denn eine Herde must behütet werden gegen Raubthiere und menschliche Feinde, und der Schutz, den ein einzelnem Hirt einer Herde angedeihen lassen kann, ist beschränkt. Die Kräfte einer Familie reichen nur für eine Viehhaltung von beschränktem Umfange; wenn aber Weidesklaven lebend erhalten werden können, von diesem Augenblick an kann man die Herden beliebig vergrösteru. Den Instinkt des Menschen, der immer geneigt ist, Andere für sich arbeiten zu lassen, war auch im Nomaden lebendig, und so finden wir hier überall das Institut der Hörigkeit in voller Ausbildung. Hier beginnt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Solche Nomaden waren auch die Israeliten. Nun beginnt schon bald auf entwickelterer Stufe bei den Nomaden eine weitere Differenzirung Platz zu greifen. Wir haben zunächst bei den Jägern und Fischern eine vollkommene Gleichheit' eine Verwirklichung nicht nur der Demokratie, sondern man möchte sagen der Anarchie, eure Gleichheit, die absolut ist, die nur dadurch beeinträchtigt werden kann, dast der Eine ein wenig stärker ist als der Andere. Es giebt keinen Besetzter und keinen Gehorcher, und wenn die Jäger zu Hirten werden, so giebt es zunächst nur zwei Klassen, die Freien und die Sklaven. Aber sehr bald differenzirte sich jetzt die Oberklasse, io dast drei Klassen entstehen.. Ich muß auf diese Verhältnisse Gewicht legen, weit sie die Entwickelung der ganzen Welt umschließen. Es erhebt sich aus der Masse der Gemeinfreien, der gleichberechtigten Krieger, ein Adel. Diese Erhebung des Adels hat mehrfache Ursachen. Einmal ist es der tapfere Krieger, der einen größeren Antheil all der Beute erhält, sowohl an dem Vieh als auch an den Sklaven, die dieses Vieh weiden und hüten sollen. Dann sind es der Patriarch und seine echten Söhne. Es ist auf dieser Stufe das Priesteramt mit dem Bateramt unauflöslich verbunden. Es wird immer nur der älteste Sohn eingeweiht in den Geheimdienst, und diese Kultüberlieferuug verleiht dem Erstgeborenen einen ungeheuren Vorsprung, eine Macht, die, so weit menschliche Geschichte reicht, niemals versäumt worden ist zu mißbrauchen. Wir haben Beispiele, daß nur ans dem Priesteramt das absoluteste Tyranuenthum sich entwickelt hat. Davon ist Israel so ziemlich oder ganz frei geblieben. Ein dritter Grund, welcher den Adel ans der freien Masse hebt, ist Glück und Geschick. Wenn ich all die Künste Jakobs in Haran, wenn ich an die Wechselfälle des Nomadendaseins erinnere, wo auch einem reichen Manne ein unglückliches Viehsterben seinen ganzen Reichthum nehmen kann, so wird man begreifen, daß sich hier zeitweilig starke Vermögensuuterschiede ausbilden konnten. Es geht dies so weit, dast bei vielen dieser Nomadenvölker der Reiche ohne weiteres auch der Adelige ist. Mit dieser Dreitheilung in Edelinge, Gemeinfreie und Sklaven, kommt nun das Nomadenvolk zur Seßhaftigkeit. Und jetzt drängen alle Verhältnisse darauf hin, die Differenzirung viel stärker ausznbilden und viel dauernder zu gestalten. Es entsteht zunächst ein großes Grundeigenthnm, ein, wie wir sagen könnten, feudaler Besitz, und zwar zunächst naiv, ohne eine Kenntniß von den Vortheilen, die er dem großen Heerdenfürsten vor dem Gemeinfreien gewährt. Die Sklaven sind ja nicht rechtsfähig, aber da sie zu leben und zu wohnen haben müssen, so wird ihrem Heren das Land für sie mit angewiesen. Wir haben dies überliefert in unserer heiligen Schrift. Wir wissen, daß Einzelne von den Stammesfürsten bei der Einwanderung in Kanaan große Grasschaften für sich erhielten. So erhielt Kaleb Hebron, Jojua Timnath; wir hören von einer großen Adelsfamilie, den Söhnen Ja'i'r, die M Güter besaßen, während der Gemeinfreie eine kleine Hufe für sich erhielt. Hier liegt der Keim der schwersten Differenzirungen. Erstens ist Grundeigenthnm unzerstörbar, während Herdeneigenthum so labil ist, daß, wie wir es soeben erlebt haben, der reichste Mann der schwedischen Lappen, der Rennthierkönig Grahus, durch eine verheerende Seuche in seinem Viehbestand so verarmt ist, dast er jetzt der Armenkasse der schwedischen Negierung zur Last liegt, indeß er früher als Fürst seines Stammes den ganzen Norden Skandinaviens beherrschte. Während ein solches Geschick auch den größten Herdenbesitzer in den Abgrund der tiefsten Armuth schleudern kann, ist dies beim Grundbesitz ausgeschlossen. Im Gegentheil, alle Unglücksfälle, die ein Volk betreffen, hinterlassen einen Rückgang des kleinen Besitzstandes zu Gunsten des großen. Die Bauern sterben aus, und ihre Hufen fallen dem großen Herrn, dem Magnaten, zum Opfer. Es ist das die Entwickelung, die im Laufe der Zeit alle antiken Völker zu Grunde gerichtet hat und auch unser Volk, eine Entwickelung, die wir sofort verstehen werden, wenn wir sehen, wie die Verhältnisse sich umgestalten, wenn ein bodenständiges Volk wächst. Als die Israeliten in das gelobte Land kamen, da hatte das Land keinen Werth. Jeder hatte reichlich, was er brauchte. Aber das Land war klein. Es war von drei Seiten her von mächtigen Reichen umschlossen, von Mesopotamien, Phönizien und Aegypten; au der vierten Seite grenzte das Meer. Wenn das Land einmal voll ist, vor: dem Augenblick an bleibt diesem Nachwuchs der Bevölkerung kein Raum mehr, um sich auszudehnen. So entsteht zweierlei: Auf der einen Seite zersplittern sich die Bauernhöfe in Zwerg- Parzellen, auf der anderen Seite werden viele von den freigesetzten Bauernsöhnen zu Proletariern, zu Waffenknechten der Adeligen. Es tritt eine Differenzirung ein, durch die allmülig der demokratische Zustand des Landes in einen aristokratischen übergeht. Auch Israel hat das durchgemacht. Es ist allmählich ein Zustand eingetreten, den wir aus allen anderen antiken Staaten kennen, ein Großgrundbesitz, der immer stärker anwuchs. Neben diesem Reichthum, der sich immer üppiger entfaltete, entstand ein Proletariat, eine verzweifelte Armuth, die sich in den Hauptstädten zusammendrüugte und als leicht bewegliche Masse allen Revolutionären und Prätendenten als bequem zugängliches Material der Rekrutirung für ihre Armeen diente. Diese Verhältnisse haben sich, wie es scheint, in der Nichterzeit ganz allmälig zu immer größerer Spannung entwickelt, um dann in der Königszeit zu explodiren. Noch Saul ist ein echter Volkskönig. Wie Cincinnatus geht er hinter seinem Pfluge her, wenn die Waffen ruhen. „Und Saul kam hinter den Rindern her vom Felde," erzählt