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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-09 · Heft 19 (9.5.1902) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 19 (9.5.1902)
Date
1902-05-09
Page
Seite 225 (sequence 11)
Language
German
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225 wird. Wahrheiten können niemals ansgegraben werden, weit echte Wahrheiten nie verschüttet werden können. Einmal in die Welt getreten, sind sie unausrottbar und finden einen Fahnenträger, der sie hoch hält, und wenn eine Welt in Trümmer geht. Und wer anders ist auch ferner zum Fahnenträger der biblischen Wahrheit berufen als wir, als das Judenthum? Wiederholen wir das eeterum ceiweo: Wir vor Anderen müssen die Bibel stndiren, lassen wir unsere Jugend Hebräisch lernen, und lehren wir wenigstens eine Elite von ihr die Bibel im Urtext verstehen. Die Bibel ist auch in folgendem Punkte ein wunderbares Buch: Um ihr Studium wissenschaftlich wie jedes andere philologische Studium zu betreiben, bedarf es eines großen Apparates sprachlicher, archäologischer, historischer und anderer Kenntnisse, aber schließlich erkennt man immer mehr, daß die Bibel vor allein aus sich selber erklärt werden muß. Darum kann ein schlichter, ungelehrter Israelit, mit nichts bewaffnet als mit einer Bibel im Urtext, mit guten hebräischen Kenntnissen und mit gesundem Menschenverstand, wofern er sich nur mit der Liebe, die überhaupt allein verstehen lehrt, in dies einzige Buch versenkt, Erkenntnisse zn Tage fördern, die für das Verständniß unter Umständen wichtiger sein können als alle assyrivlogischen Funde. Die biblische Agrargesetzgebung. Ein Vortrag von Dr. Franz Oppenheimer. I. ie biblische Agrargesetzgebung ist ein Thema, das man von sehr verschiedenen Seiten her betrachten kann. Sie stellt vor allem ein Thema der theologischen Untersuchung dar. Je nachdem die Frage beantwortet wi'^, ob der gesammte Pentateuch in der Form, wie er uns heute vorliegt, nur abgesehen von etwaigen Jrrthümern der Uebertragung, ans unmittelbarer göttlicher Offenbarung uns überkommen ist oder nicht, je nachdem wird die weitere Fragestellung beeinflußt. Es liegt mir fern, dieses Thema hier anschneiden zu wollen. Es ist nicht meines Amtes, und so will ich nur andeuten, daß für diejenigen Forscher, die die Bibel für Menschenwerk, für ein geschichtlich entstandenes Erzengniß des Volksgeistes halten, ohne weiteres eine Fülle voll Philologischen und historischen Problemen anftauchen, die sich an die Agrargesetzgebung knüpfen. Wie Verhalten sich die verschiedenen Stellen der heiligen Schrift, in denen von Agrargesetzgebung die Rede ist, zu einander? Liegen verschiedene Urschriften ans alter Zeit vor, die ein späterer Redaktor nothdürftig zusammengeschweißt hat? Ist der Elohist, derjenige priesterliche Schriftsteller, der für Gott regelmäßig den Plural Elohim gebraucht, der ältere Berichterstatter, oder der Jahvist, der ihnJahveh uennt? Ausweichen Zeiten stammen die Urschriften und die Redaktion? Ist das Deuteronomium eine alte Handschrift oder eine späte Neuschöpfung? Ist sie älter oder jünger als der Leviticus? Je nachdem man diese rein philologischen Fragen, für die mir ebenso die Kompetenz abgeht wie für die theologischen, beantwortet, ändert sich auch das Ansehen einiger rein historischer Probleme. Daß jede Gesetzgebung das Spiegelbild ihrer Zeit ist, wissen wir. Ein Gesetz wird immer erlassen, um einen sozialen Konflikt zn lösen oder abzustumpfen. Sie begreifen also, daß die Datirung jener angeblichen Urkunden von großer geschichtlicher Wichtigkeit ist. Denn danach haben wir das Tempo der sozialen Entwickelung in Israel zu bestimmen. Und daraus wieder ergiebt sich die Lösung des allerwichtigsten Problems, ob jene Gesetze sich jemals in alter Zeit als zwingende Vorschriften auch dnrchgesetzt haben. Sind die Bestimmungen zum Beispiel über das Jobeljahr das Einschiebsel einer späteren Zeit, in der die Unabhängigkeit des Volkes schon ganz oder größtentheils verloren gegangen war, so werden wir vergebens nach Spuren seiner Verwirklichung in den vorangegangenen Jahrhunderten der jüdischen Geschichte suchen. Auf alle diese Fragen will und kann ich hier nicht näher eingehen. Sie sind nicht einmal für Den spruchreif, der über das volle Rüstzeug der historischen und philologischen Kritik verfügt, der das Hebräische und Aramäische von Grund ans beherrscht. Dutzende von verschiedenen Hypothesen kämpfen hier noch um die Oberhand, so daß der beste Kenner der antiken Agrargeschichte, Max Weber, es noch vor wenigen Jahren ablehnte, überhaupt irgend eine Darstellung der jüdischen Agrargesetzgebung zu geben. Unter solchen Umständen beherzige ich das msulor ultra crepictru». Schuster, bleib bei deinem Leisten, und unternehme einen schüchternen Versuch, die biblische Agrargesetzgebung soziologisch zu werthen. Die Soziologie, als die Wissenschaft von der Entwickelung der menschlichen Gemeinschaften in der Zeit und ihrem Aufbau im Raume, ist dasjenige Hauptgebiet der Wissenschaft, dem sich die Geschichte als Universalgeschichte und die Wirthschastswissenschaft gemeinsam unterordnen. Und so will ich es denn wagen, hier eine halb geschichtsphilosophische, halb wirthschaftstheoretische Betrachtung jener uralten Gesetze zu unternehmen. Wenn ich mich vielfach der Methode der Analogieschlüsse bedielten werde, so rechtfertigt das erstens der Zustand der Ueberlieferung, der außerordentlich dürftig ist, zweitens die Thatsache, daß die Menschen, mindestens diejenigen weißer Farbe, überall auf gleiche Motive ungefähr in gleicher Weise zu reagiren pflegen, und drittens die gesammte Entwickelung des jüdischen Volkes, die in de» Grundlinien der aller anderen Nationen der antiken Welt doch überaus gleichartig auslief, so daß man auch für die Anfangsstadien eine analoge Entwickelung anzunehmen berechtigt ist. Ich frage also, aus welchen Anschauungen und vor allem ans welchen sozialen Konflikten ist die biblische Agrargesetzgebung entstanden? Das ist die soziologische Ansicht dieser Frage. Wenn der erste Lichtstrahl der Geschichte ans das jüdische Volk fällt, so finden wir es als Nomaden. Unter ihren Patriarchen, zunächst in kleinen Horden, durchziehen sie bald freundlich, bald feindlich die Weidegebiete zwischen anderen Völkern. Nomaden sind sie in dem gesammten Aufbau ihres Lebens, in dem streng patriarchalischen System, welches die Kinder des „Vaters" mit seinen Frauen und Sklaven znsammenfaßt zu einer Einheit, die nur dem Worte des priesterlichen Königs gehorcht. Nomaden sind diese Israeliten in ihrer wilden Tapferkeit, in der treuen Gastfreundschaft, in der ganzen Charakteristik ihres Handelns, ihres Verkehrs mit den Nachbar- Völkern, und Nomaden sind sie auch, was für uns sehr wichtig ist, in der Gliederung ihres Aufbaues, in der Schichtung ihrer Klassen. Die Nomadenstufe bedeutet einen ungeheuren Umschwung der ganzen Weltentwickelnng. Bis hierher ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen unbekannt. Kriege werden geführt, es werden auch Gefangene gemacht, aber Diese werden ans der Stufe der Jäger und Fischer entweder getödtet oder sie werden als vollberechtigte Genossen in den Stamm advptirt.

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