Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 224 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228493--58633-3295091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
224 hatte i»an bereits früher die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, ihn bei anderen Völkern nachzuweisen. Man hat ihn sowohl bei Jndogermanen als bei Hamiten und Semiten gesucht, aber überall vergeblich, und die neuerdings gangbarste Meinung, daß die Israeliten ihren Gottesbegriff von den Kenitern, dem Volke Jithros, entlehnt haben, ist ebenso grundlos wie alle anderen Theorien. Nehmen wir zunächst an, D. hätte richtig gelesen, so könnte man schon von vornherein einen Umstand ins Feld führen, der allein der groben Entdeckung einen argen Stoß versetzt. Delitzsch nimmt ohne weiteres an, daß die authentische Aussprache des israelitischen Gottcsnamens Jahve sei. In der That ist dies gegenwärtig die allgemeine wissenschaftliche Ueberzeugung, aber ohne Beweis! Sie beruht einerseits aus der Mittheilung eines griechischen Kirchenvaters aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert über die Aussprache des Tetragrammatons bei den höchst unzuverlässigen Samaritanern seiner Zeit, andererseits ans einer keineswegs einwandfreien grammatischen Erklärung und religionsgeschichtlichen Deutung. Wie aber, wenn diese Aussprache falsch ist? Und höchstwahrscheinlich ist sie falsch. Was nützt uns dann das assyrische Jahve? Thatsächlich giebt es aber ein assyrisches Jahve nicht, und Delitzsch hat falsch gelesen. Ich kann mich dafür bereits auf einen soeben aufgetretenen Zeugen berufen, Professor Kittel in Leipzig veröffentlicht soeben in dem „Theologischen Literaturblatt" eine Nachprüfung der Lesung von Delitzsch und konstatirt, unter Bestätigung durch zwei so hervorragende Assyriologen wie Hilprecht und Zimmern, folgendes. Die Lesung des zweiten Zeichen ab ist nicht korrekt, das von Delitzsch ve gelesene Silbenzeichen kann keinesfalls so lauten, da es im Assyrischen ein v überhaupt nicht giebt. Das betreffende Zeichen hat den Silbenwerth pi oder nm oder me. Bestenfalls könnte aber auch nur durch ein bedenkliches „Manöver" der erste Name.ln—a—mo gelesen werden, aber auch -ln-n'—pi, ,ln—a'—um, außerdem lln—u'—pi, .!»—u'nm rc! Dann kann der zweite Name nur.ln 'u—nm—ilu lauten, und alsdann ist der erste Theil sowohl des zweiten als des ersten Namens nicht der israelitische Jahve, sondern der längst bekannte uralte GottJau. Welche Beziehung dieser zum Jahve Moses' hatte, wissen wir nicht. Es ist möglich, daß beide Zusammenhängen, aber einen Beweis dafür haben wir bis jetzt nicht. Aber selbst wenn die Assyrer wirklich einen Gott Jhvh gehabt hatten, dieser aber nur einer unter vielen gewesen wäre? Und anders konnte das Verhältniß gar nicht gewesen sein. Wimmelt es doch in ihrer Religion von Göttern und Göttinnen unerfreulichster Art, und lehrt uns doch jeder religiöse Keilschrifttext von neuem, daß die babylonisch-assyrische Religion ein durchaus barbarischer, fratzenhafter Polytheismus war, der die charakteristischen Merkmale alles Heidenthums trug, und damit wie alles Heidenthum den Keim des Todes in sich barg. Der Gott Israels ist eben einzig und unvergleichbar. Daß alle Semiten dasselbe Wort El für Gott haben, ändert daran nichts, wobei wir die zwar recht schöne, aber problematische Erklärung des in Schleiermacher'scher Atmosphäre ausgewachsenen Mystikers Lagarde „das Ziel" auf sich beruhen lassen. Aber selbst wenn nachgewiesen würde, daß zu irgend einer Zeit in irgend einem Kreise die monotheistische Idee bereits vor Israel erfaßt worden sei, so würde dies an der Einzigartigkeit der Religion Israels nichts ändern, denn der israelitische Monotheismus ist nicht blos ein abstrakter theologisch - philosophischer Gedanke, sondern eine sittliche Forderung. Jene Art von Monotheismus ist auch sonst, z. B. bei den griechischen Philosophen, erreicht worden und schließlich für jedes konsequente Denken unausbleiblich. Den ethischen Monotheismus, den Einen heiligen Gott, hat auf der ganzen Erde nur Ein altes Volk gehabt, und es war das einzige, das mit diesem Gedanken vollen Ernst gemacht und das ganze Leben in allen seinen Höhen und Tiefen mit diesem Licht durchleuchtet und verklärt hat. Dieses nun schon bald viertausend Jahre während^ Beispiel des niemals gänzlich erloschenen Willens zu einem gottdurchdruugenen Leben der Welt gegeben zu haben, ist das Verdienst Israels, das keine Neligionsfvrschung ungeschehen machen kann. NVVVN Ijdv D"N!2N Nicht die Erkenntlich ist die Hauptsache, sondern die That. der gute Wille. Wäre der Monotheismus nur eine Errungenschaft des Intellekts, wie käme denn gerade Israel dazu? Hat es doch viel klügere und begabtere Völker gegeben. Aber es hat kein willensstärkeres gegeben. Auch behauptet die Bibel selbst nirgends, daß Israel oderseine Vorfahren den Gedanken des EinenGotteszuerst erfaßt haben! Sieläßt in der Vorgeschichte den Monotheismus nicht als Entwickelung aus dem Polytheismus entstehen, sondern ihr ist die Vielgötterei eine Trübung und Entartung, ein Abfall von dem reinen Monotheismus, den schon der e rste Mensch gehabt hat. Das bedeutet nichts anderes, als daß der Glaube an Einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Allmächtigen, Allgerechten und Allheiligen, den Gott, der die Wahrheit, das Recht und die Liebe ist und sie fordert, das Natürlich-Menschliche, das derVernunft und dein Herzen des Menschen ursprünglich Angemessene ist, und daß, wenn die Menschheit sich mehr und mehr zu diesem Gott Israels bekennt, sie sich einfach nur auf sich selbst besinnt. Und ist dies nicht schon jetzt das Elaubensbekenntniß aller Redlichen und Wahrhaften in allen Konfessionen und auch der sich außerhalb derselben Stellenden, in so verschiedenen Worte» und Symbolen sie ihren Glauben und ihre Sehnsucht einkleide» mögen? Es darf uns innig erfreuen, daß auch ans de» Worten eines so bedeutenden christlichen Forschers wie Friedrich Delitzsch solche Töne erklingen, die nothwendig mit einer dankbaren Gesinnung gegen Israel und seine Bibel, verbunden sind Wir haben uns gegenüber den versuchten Nachweisunge» des verdienten Gelehrten durchweg ablehnend verhalten müssen. Sie sind nicht nur im Einzelnen verfehlt, sie geben auch ein ganz falsches Bild von der Religion und Denkweise der alten Babylonier. Sie verschweigen die absolute Verschiedenheit ihrer religiösen Anschauungen von der der Israeliten, dem rohen Polytheismus, und sprechen z. B. mit keinem Worte von der ungeheuren Bedeutung, die in dieser Religion jede Art des Aberglaubens, die Astrologie, die Magie, die Zauberei, der Dämonenglaube hatten. Es ist ganz unmöglich, die Religion Israels zu diesem wüsten Heidenthum in irgend einem andern Verhältniß als dein des schroffesten Gegensatzes zu denken, und ist eine Entlehnung fundamentaler Gedanken und Institutionen von vornherein ausgeschlossen. Darum dürfen wir der Assyriologie aufrichtig glücklichen Fortgang ihrer Forschungen, freilich auch etwas mehr Vorsicht wünschen, denn wir haben nicht zu fürchten, daß sie dem Judenthnm schaden und seine Wahrheiten entwinde»