Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 223 (sequence 9)
- Language
- German
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Aber Delitzsch hat nicht nur verschwiegen, daß nur von dem Schaltmonat Ellul die Rede ist, ferner die Beziehung auf me Mondphasen, sondern auch, daß zwischen dem 14. und 21. auch noch der 19. genannt wird, womit die ganze Theorie vom babylonischen Sabbath als Abschluß der der siebentägigen Woche dahinfällt. Ferner ist längst durch Iensen u. A. nacbgewiesen worden, daß der babylonische Sabbath etwas anderes bedeutet, nämlich einen Unglückstag, ml dem mau deshalb keine Arbeit thun sollte, ein Buß- und Bettag, all dem der Zorn der Götter besonders gefährlich fft llnd zur Beruhigung des Herzens versöhnt werden muß. Es liegt hier echt heidnische astrologische Tagewählerei vor. Es wäre auch sehr unbegreiflich, daß die assyrische Feier eines Sabbaths der ganzen alten Welt, der gerade der jüdische Sabbath so eigenartig und merkwürdig vorkam, völlig unbekannt geblieben sein sollte. Der Grundgedanke des israelitischen Sabbathgebotes aber ist die Anerkennung Gottes als des Schöpfers der Erde, und die Arbeit, die mau unterlassen soll, ist in erster Linie Feldarbeit, dann überhaupt herstellende, schöpfuugsähnliche Arbeit. Denn Gott anerkennen, heißt nicht sowohl ihm selbst etwas Positives leisten als seine Schöpfung achten, die von ihm gesetzten Ordnungen und meine Stellung zu ihnen respektiren, und es ist eine Gruudvorstellung der israelitischen Religion, daß auch die Erde ein Geschöpf Gottes ist und für den Menschen eine moralische Würde hat, die er achten soll. Die Scholle (^ckmrm) ist die Mutter des Menschen (^äam), er ist von ihrem Stoffe gebildet, sie ernährt ihn, zu ihr kehrt er zurück. Der Mensch ist 'loleäot 8)(llamaz'im ^varrre/ „ein Kind des Himmels und der Erde". Er soll ihr dienen, ober nicht ihr Sklave sein. Wie himmelweit verschieden ist diese Sabbathidee von der babylonischen! Es ist eben der Unterschied zwischen allem Babylonischen und Israelitischen, der Unterschied zwischen Heidenthum und ethischem Monotheismus, zwischen Aberglaube!: and Glauben, sittlicher Barbarei und höchster moralischer Kultur, lud da es nicht die durch Götterangst und Gespensterfurcht erzwungene Arbeitsruhe, sondern der auf dem Gedanken an der: gütigen Schöpfer und heiligen Gott beruhende Erdfrieden und >ie ihm geweihte Rast ist, die der: Sabbath zu einem Segen nacht, „so dürfte kein Zweifel möglich sein, daß die mühselige and beladene, arbeitende Christenheit die in der Sonntagsruhe beschlossene Segensfülle" nicht — wie Delitzsch meint — jenem alten Kulturvolk an: Euphrat und Tigris verdankt i29), andern dem Judenthum. Was will es ferner besagen, daß sich bei den Babyloniern gleichfalls die drei Gebote: Du sollst nicht morden, du sollst nicht ehebrechen, die sollst nicht stehlen! und zwar in genau derselben Reihenfolge finden. Es hat schwerlich ein altes Volk gegeben, bei denen diese Dinge nicht verboten waren. Der ungeheure Unterschied ist, daß es bei dein Heide:: Verbrechen, Rä dem Israeliten aber Sünden gegen Gott, den Schöpfer, waren. Das heißt, dort waren diese Verbote, wie Delitzsch selbst sagt, Grnudforderungen des menschlichen Selbsterhaltungstriebes, Forderungen der Gesellschaft zu ihrem eigenen Schutze, und die Unterlassung geschah nur aus Furcht vor Strafe und Rache, die zehn Gebote aber bedeuten sümmtlich eine Anerkennung Gottes, der alle Menschen geschaffen hat und als seine Geschöpfe in allen Rechten geachtet wissen will. Sie haben ihren Grund in sich selbst, oder was dasselbe :st, in dein Quell und Inbegriff aller Sittlichkeit, in Gott, speziell für Israel in dem in der eigenen Geschichte erfahrenen Gott aller Menschen. Wir Haber: also gesehen, daß es Ein großer, alles durchdringender Gedanke ist, der all die scheinbaren äußeren Aehnlichkeiten zwischen Babylonischen: und Israelitischen: zu weltweiten Unterschieden macht - der Gottesgedanke, der in Babylonien durchaus heidnisch ist, in Israel aber von einer einzigartigen Großheit, Tiefe, Reinheit und Konsequenz. Daher könnten noch so viel Ähnlichkeiten ausgegraben werden, so würde das dem unvergleichbaren Vorrang der Bibel nicht den mindesten Abbruch thun. Wir dürfen daher ruhig noch mehr zugeben, z. B. daß die Jhvh-Religion sich derselben Mittel des Ausdrucks in Wort und Symbol, in Kultus und Ritus bedient haben mag wie das Heidenthum. Der Israelit redet von Gott in Anthropomorphismen wie der Heide. Das Opfer mitsammt den: ganzen Ritual ist auch im Heidenthum zu finden, fast alle Institutionen und religiösen Personen Israels sind auch dort nachzuweisen. Kurz, Mosaismus und Heidenthum schreiben mit demselben Griffel und auf derselben Schreibtafel, aber der Mosaismns hat eine ewige Wahrheit niedergeschrieben und das Heidenthum einen vergänglichen Jrrthnm. Je genauer man das antike Heidenthum, auch das babylonische, kennen lernt, um so Heller strahlt der Stern Israel, um so mehr erscheinen nach einem Worte Lotzes die Israeliten in: Alterthum als die einzigen Nüchternen unterlauter Trunkenen. Erst wenn man Nachweisen wird, daß Israel seinen einzigen Gott, mit allem was er ihm bedeutet, den Babyloniern entlehnt hat, dann müßten wir kapituliren. Nun wohl, auch das glaubt die Assyriologie leisten zu können! Am Schluß seines Vortrages hebt Delitzsch vor den feierlich ergriffenen Zuhörern den Schleier. Durch die Güte des Direktors der ägyptisch-assyrischen Abtheilung des Britischen Museums ist er in den Stand gesetzt, ihnen drei kleine Thontäfelchen im Bilde zu zeigen. Was ist - wird inan sagen — an diesen Tafeln zu sehen? Zerbrechlicher, zerbrochener Thon mit eingeritzten schwer lesbaren Schriftzeichen! Wohl wahr, aber sie sind werthvoll dadurch, daß sie sicher datirbar sind, nämlich aus der Zeit Hammurabis, die eine speziell aus der Regierung seines Vaters Sin-nubalis, in noch ungleich höherem Grade aber deshalb, weil sie drei Rainen enthalten, welche religionsgeschichtlich von weittragendstem Interesse sind: „4 a—all—vo—ilu 4a llu —um—ilu", das wäre also der spezifisch israelitische Gottesname 4allviz in uralten babylonischen Eigennamen (.lallve-iln und 4allumilu), die denselben Gedanken ausdrücken würden, wie „414V11 ist der wahre Gott", die schärfste Formulirung des biblischen Monotheismus! So wären dem: die Bemühungen der Religionsforscher um die Herkunft des israelitischen Gottesnamens endlich von Erfolg gekrönt! Denn da man diesen, die erhabenste religiöse Anschauung bezeugenden Namen den Israeliten nicht zutrauen zu können meinte, so