Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Es läßt sich nicht beschreiben, wie liefen Eindruck die mit innerer Ergriffenheit gesprochenen Schlußworte auf die Zuhörer machten. Der Etikette vergessend, jubelte man wiederholt dem erlauchten Redner Beifall zu. Es war ein erhebender, unvergeßlicher Moment! Wir können diesen Bericht nicht würdiger schließen, als durch die Mittheilung der Dankesworte, die der Großherzog nur Ende der Festwoche an sein „thenres badisches Volk" gerichtet hat. Nach einem Rückblick auf das fünfzig Jahre lange Znsannnenstehen von Fürst und Volk in Freude und Leid und in gemeinsamer Arbeit fährt die Kundgebung fort: „Gott allein sei die Ehr^ — denn nur im Ansblick zn ihm kann ich es versuchen, mein dankerfülltes Herz zn eröffnen, nm meinem theuren Volke kuudzngeben, wie innig und aufrichtig meine Dankbarkeit empfunden ist für Alles, was mir mit grober Liebe und Treue davgeboten wurde. Wenn mir noch vergönnt sein sollte, für mein geliebtes Land thätig sein zu dürfen, so will ich die letzten Kräfte meines alten Lebens eiusetzen. auf daß Treue mit Treue und Liebe mit Liebe vergolten werde." Wir aber wollen wünschen, daß Großherzog Friedrich mit derselben Frische und Elastieität, die wir irr diesen Tagen an ihm wahrgenornmen, noch lange seines Herrscheramtes walten, und daß den badischen Israeliten das Glück zu Theil werden möge, unter seinen Augen im Jahre 1908 das hundertjährige Jubiläum ihrer kirchlichen Organisation zn feiern. Aas Iudcnthum und die Ergebnisse der Assyriologie. Von Rabbiner Dr. B. Jacob-Göttingen. IV. i^)VV/^eber die anderen Punkte darf ich mich kürzer fassen. Auch die Geschichte von Adam und Eva im Paradiese hat mall irr Babylonien finden wollen, in einer für die Eilfertigkeit dieser Vergleichungssucht charakteristischen Weise. Man hat einen Siegelchlinder gefunden mit folgender Darstellung: In der Mitte etwas wie ein Baum, es kann aber auch etwas anderes sein, rechts und links unter: hängt — aber nicht von Zweigen und zwischen Blättern — etwas herab, das man für eine Frucht Halter: kan n. Davor sitzen Zu beiden Leiter: auf Stühle:: und bekleidet Mann und Frau, im Hintergründe befindet sich etwas, was eine Schlange sein kann, aber auch ebenso gut etwas anderes. Flugs hat man darin eine Darstellung der Erzählung vom Paradiese finden wollen. Jetzt ist man etwas vorsichtiger geworden, und Delitzsch (S. 37) wagt nur noch zu fragen: „Sollte nicht ein Zusammenhang stattfinden zwischen diesem altbabhlonischen Bilde und der biblischen Sündenfallerzählung?" Auf den Adapamythos, den Andere heranziehen, scheint Delitzsch selbst zu verzichten. Die babylonische Urgeschichte kennt ferner ebenso wie die biblische eine große Fluth im zehnten Menschengeschlecht, und hier nun ist die Aehnlichkeit zwischen beiden Berichten so frappant und durchgehend, daß unbedingt einer von: anderen oder beide von einen: dritten abhängig sein müssen. Auch in der babylonischer: Erzählung wird (vor: der: Göttern) eine allgemeine Fluth über die Erde verhängt. Nur Ein Mann, Msuthros nennt ihr: Berossus, soll nach dem Willen seines Gönners, des Gottes Ea, gerettet werden. Er räth ihm, ein Schiff zu bauen, dessen Maße und Anfertigung genau beschrieben werden. Ir: diese Arche bringt Xisuthros seine Familie und seirr Gesinde, auch Thiere des Feldes und „Handwerker". Nun bricht die Fluth herein und vernichtet alles Lebende Schließlich rennt das Schiff auf einem Berge fest. Da läßt Zisuthros eine Taube los. „Aber die Taube flog hin und her, und da kein Ort zum Sitzen war, kehrte sie zurück." Darauf wird eine Schwalbe losgelassen und zuletzt ein Rabe, der nicht wiederkehrt. Da öffnet Msuthros die Arche, steigt mit allen Insassen heraus und bringt den Göttern ein Opfer. Die Aehnlichkeit springt in die Augen, keine der zahlreichen über die ganze Erde verbreiteter: Flnthsagen kommt der biblischen entfernt so nahe. Auch hier behaupte:: die Forscher die Ursprünglichkeit des babylonischen Berichts, der ans der Erinnerung an einen der von Erdbeben und unermeßlichen Regengüssen begleiteten Cyclone oder Wirbelstürme entstanden sein soll, rvie sie wohl für die Alluvialniederung Babyloniens, aber nicht für Kanaan angenommen werden können. Ich lege auch hier wieder kein Gewicht auf die Priorität des Stoffes und halte mich nicht bei der auch hier zutreffenden Frage auf, ob nicht die Vorfahren der ans Babylonier: stammenden Israeliten die Erfinder seirr können oder eine ursemitische Tradition vorliegen mag. Ich frage vielmehr wieder, was hat der Israelit aus dem Stoff gemacht? und ich kann hier erfreulicherweise die beiden neuesten Erklärer der Genesis antworter: lassen: „Die Götter des babylonischen Berichts sind echt heidnisch irr ihrem Lügen und Lügenlassen, in ihrer Gier gegenüber den: Opfer, ihren Händeln, in der Willkür, mit der sie mit der: Menschen umspringen, und im Umschlagen ihrer Launen. Wie weit davor: ist der Gott entfernt, der ein Gericht über die Menschen kommen läßt nach seiner Gerechtigkeit, der der Mensch irr seinem Gewisser: zustimmen muß." (Holzinger.. — „Wie uuermeßlich viel höher steht also die hebräische Sage als die babylonische! Sollen wir uns also nicht freuen, daß wir an dieser babylonischen Parallele einen Maßstab gefunden haben, um die eigenthümliche Hoheit des Gottesgedankerrs in Israel abzuschätzen, der solche Kraft besitzt, daß er das Abstoßendste in dieser Weise läutern und umprägen konnte? Und auch dies dürfen wir sagen, daß uns die babylonische Sage im hohen Grade barbarisch vorkommt, während die hebräische uns bei weitern mehr menschlich nahe ist: wen:: wir nun auch hier abziehen müssen, daß wir ar: die hebräischen Säger: vor: Jugend auf gewöhnt sind, so lernen wir doch an solchen:Beispiel,daß wir in unserer ganzen Anschauungswelt bei rveiterr: mehr diesen Hebräern verdanke:: als jenen Babyloniern." (Gunkel.) Dies ist die richtige Betrachtungsweise. Die ausschließlich oder vorwiegend litterarische und ästhetische ist irreführend, weil in der Bibel niemals ein Schriftsteller oder Dichter nur als solcher das Wort nimmt, sondern alle Autoren religiöse Tendenzen Verfolger: und als Propheten, Lehrer und Beter, ale Theologen und Moralisten sprechen, und vor allen Dinger: al^- solche beurtheilt sein wollen. Aber auch vom ästhetischen Standpunkt aus kann ich rächt begreifen, wie Delitzsch (29) sagen kann, in den babylonischer: Legenden seien uns die biblischen Erzählungen in „reinerer Form erhalten. Auch mit der religiösen Superiorität der Babylonier ist es nichts.