Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 220 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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220 z. B-, datz das Handlverkergesetz kein Würgcgesetz ist, sondern im Gegentheil ein Versöhnungsgesetz (!), daß weiter der Artikel IV (Reciprocität) nicht die Absicht hegt, indische Handwerker zum Tode durch Verhungern zu verurtheilen, sondern im Gege>>theil nur der väterlichen rumänischen Regierung die Gelegenheit verschaffen soll, endlich einmal die Juden als keine „Fremden" im Lande zn deklariren. Und so geht es lieblich weiter. All dieses ist uns noch verständlich. Der letzte Passus nur scheint uns seltsam. Die Flugschrift räth nämlich den Handwerker», nicht auszuwandern, erstens weil es ihnen in ihren« „Vaterlande" Rumänien großartig gut gehen werde, und zweitens, weil — auch die „^.Ilicmco isnrölits" die Auswanderungen nicht billige und sie deswegen auch nicht unterstütze» wird." Die Flugschrift wurde von den jüdischen Einwohnern natürlich mit allgemeiner Entrüstung ausgenommen. Und mit Recht. Die ganze Mittheilung ist, wie wir, soweit sie die Alliance betrifft, bestimmt versichern können, von A bis Z erlogen! Am 22. v. M. fand in London die dritte Jahresversammlung des „Ostlondoner Fonds für Juden" (Fonds der englischen Kirche für die Arbeit unter den Juden Ost- und Nordlvndvns) statt. Bei dieser Gelegenheit hielt der Bischof von London eine Rede, in welcher er versicherte, daß die Arbeit der Gesellschaft vielleicht die schwierigste ist, die die Kirche je unternommen habe. Es leben in London etwa 1000000 Juden, und zwar so dicht beisammen, daß es ganze Straßenzüge giebt, in denen nur jüdisch gesprochen und verstanden wird. In vielen Theilen Ostlondons kann man Schilder mit der Inschrift lesen: „Hier spricht man englisch". Er kennt manchen christlichen Geistlichen in Ostlondon, der in seinem ganzen Sprengel kaum 50 Christen zählt. Daher ist die Bekehrung der Juden zum Christenthum gerade für London besonders wichtig. Leider ist die Sache nicht ganz leicht. Allein die Sprache der zu Bekehrenden macht schon Schwierigkeiten, da dieselbe für einen englischen Missionar schwerer zu erlernen ist als die chinesische. Dann aber, fügte Se. Eminenz naiv hinzu, weigern sich die Juden hartnäckig, zum Christenthum überzugehen. „Sie weigern sich nicht nur, sich selber taufen zu lassen, sie sagen sich auch von ihren getauften Glaubensgenossen los und gewähren ihnen weder Unterstützung noch Arbeit. Wollten wir aber die getauften Juden unsererseits unterstützen so käme»» wir leicht in den Verdacht der Bestechung und des Seelenkaufs" . .. Am meisten betrübt Se. Eminenz die Verblendung der Juden, welche es nicht einsehen wollen, daß durch die hartnäckigen Bekehrungsversuche ihnen von den Christen eine ganz besondere Ehre erwiesen werde . . . „Die Juden besitzen manche glänzende Eigenschaften, von den die Sparsamkeit, Nüchternheit und der hohe Familiensinn nicht die Geringsten sind. Die Juden müßten doch begreifen, daß unsere Bemühungen, sie zu uns herüberzuziehen, nichts weiter als die Anerkennung dieser hohen Tugenden ist." Zum Schluffe ermunterte der Bischof die Herren Missionare, nicht zu verzweifeln uud das edle Werk des Seelenfanges hartnäckig fortzusetzen. Nur müssen sie Jüdisch lernen und sich davor hüten, die bekehrten Juden gar zu sehr mit Geld zu unterstützeu. Wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß!. . Auch der zweite Redner des Abends, der Bischof von Stepney, erinuthigte die Missionare, die Jndenbekehrung weiter zn betreiben, nur ließ er, im Gegensatz zu seinem optimistischen Vorredner, die Aeußerung fallen, daß man eine direkte Bekehrung der Juden nicht erwarten darf. Das einzige, was sich allenalls erreichen läßt, wäre eine Bekanntmachung der Juden mit den wichtigsten Grundsätzen des Christenthums. Zum Schluß kam er auf den nervus rorum zu sprechen und forderte zu eifrigen Sammlungen auf, da trotz dem Rath des Bischofs von London, die bekehrten Juden nicht allzu sehr zu unterstützen, das Geld bei der Judenbekehrung die Hauptsache ist und bleiben wird. Denn ganz umsonst läßt sich in London auch nicht der schlechteste Jude taufen. Aas fünfzigjährige Negierurigsjubitäuin des Großherzogs von Baden. Karlsruhe, 5. Mai. Jubiläumsfesttage sind vorüber. Sie haben sich zn einer einmüthigen Huldigung des badischen, ja des ganzen deutschen Volkes für den Fürsten gestaltet, der Allen als die Verkörperung edelsten patriotischen und zugleich freiheitlichen, Menschen- und bildungsfreundlichen Geistes gilt. Es ging ein Strom der Begeisterung durch das ganze Land, dem Niemand sich entziehen konnte. Die Thatsache, daß diese einmüthige Verehrung und Dankbarkeit einem Träger und Herold edelsten Menschenthums gezollt wird, «nag Allen, denen manche Erscheinungen der Gegenwart Sorge bereiten, und ganz besonders uns Israeliten, tröstlich sein und die Hoffnung auf eure glückliche Zukunft stärken. Großhexzog Friedrichs hochherzige und wahrhaft landesväterliche Gesinnung gegenüber seinen israelitischen Unterthanen ist bekannt. Dies bekundete sich bei dem verflossenen Jubelfeste in der durchaus paritätischen Behandlung des israelitischen Bekenntnisses bei der Verleihung von Auszeichnungen und bei den vom Hofe veranstalteten glänzenden Festlichkeiten. Als Vertreter des Oberraths gehörte Geheimer Negierungsrath Dr. Mäher der Landesdeputation an, die dem Großherzog die Glückwünsche des ganzen Volkes und die zur Begründung einer Wohlthätigkeitsstiftung bestimmte Jubiläumsspende darzubringen berufen war. Die den« genannten Herrn, dem Präsidenten der Synode und nicht wenigen kirchlichen Beamten (Bezirksrabbinern, Bezirksältesten, Oberrathssekretär, Religionslehrern, Kantoren, Synagogendienerm zu Theil gewordenen Auszeichnungen, sowie die Verleihung der Jubiläumsmedaille, nicht nur an die Mitglieder und den Sekretär des Oberraths, sondern auch an sämmtliche Bezirksrabbiner, sind in diesem Blatte bereits mitgetheilt «vorder«. Dem Wunsche des Großherzogs entsprechend, fand wie in den Kirchen, so auch in den allerorts mit frischem Grün geschmückten Synagogen des Landes am 27. April Festgottesdienst statt. Der Oberrath hatte für denselben eine besonders erhebende Handlung angeordnet: wie am Thorasreudenfeste wurden sämmtliche Thorarollen, mit, festlichem Schmucke angethan, aus der heiligen Lade genommen und in feierlichem Zuge unter Absinguug des 8e Hajo««« und Ono durch die Synagoge getragen. Hierauf folgte die Predigt (den Gemeinden außerhalb der Nabbinatssitze war dieselbe von den Bezirksrabbinern gedruckt zugestellt worden) und der Vortrag des nachstehenden Gebets: Allgütiger Gott! Wir erheben unser» Blick zu Dir, der Du uns diesen Tag überströmender, reiner Freude geschenkt hast. Wir danke» Dir, daß Du in Deiner Gnade unser«» geliebten Grobherzog die Kraft verliehen hast, durch fünf Jahrzehnte seinen« erhabenen Herrscherberufe zu»« Segen für unser theures Baden und das gesanunte deutsche Vater-