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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-02 · Heft 18 (2.5.1902) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 18 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
Seite 214 (sequence 12)
Language
German
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214 Nun, für meine Zwecke beherrsche ich den Jargon genügend, und eine Rede habe ich nur ein einziges Mal in diesem Dialekt halten müssen. An diese Rede knüpft meine Geschichte an. Es war 1882 im russischen Judenlager vor Brody. Ich hatte den Leuten eine Mittheilung zu machen und konnte dies nur im Jargon, wenn ich von säst Allen verstanden sein wollte. (Es gab auch einige Wenige in der Schaar, die so russifizirt waren, daß sie den Jargon nicht mehr verstanden.) Hätte ich etwa deutsch, polnisch oder russisch gesprochen, so wäre dies der Mehrzahl unverständlich geblieben. Die Leute hörten mich aufmerksam an. Hingegen zischelten zwei Mitglieder des Brvdher Lokalkomitees, während ich sprach, unablässig mit einander und schüttelten die Köpfe. Ich trat, nachdem ich geschlossen hatte, auf sie zu. „Mir scheint," sagte ich, „ich habe es nicht gut gemacht. Glauben Sie, daß die Leute mich verstanden haben?" „Ja — das schon," sagte Einer langgedehut. „Aber auf Ihr Jüdisch brauchen Sie sich wirklich nichts einzubilden." „Das thue ich auch nicht," versicherte ich. „Aber woran fehlt's?" Darauf der Brodher: „Der Luschen is wie vüu ä Jüd, ober der Niggen is vün ä Goj." (Die Sprache ist die eines Juden, aber der Tonfall der eines Christen.) Und der Andere: „Warum können Sie es so schlecht? Wie lang sind Sie aus Galizien fort?" „Seit meinem elften Jahr ..." Und darauf er im Torr aufrichtigsteil Mitgefühls: „Nebbich! Man hört^s!" An der Grenze zweier Weltanschauungen. (Alls den Leben seri nn eruu g en eines Arztes.) (A^^icht lange mehr wird es währen, und die deutschen Juden werden von den Talmudgelehrten, welche Jahr- Hunderte laug in ihrem geistigen Leben die Führung übernommen hatten, wie von einer alten, längst verklungenen Sage sprechen. Noch im Anfänge des 19. Jahrhunderts befanden sich blühende Talmudschulen in verschiedenen Städten Deutschlands und besonders der Provinz Posen. Der Ruf eines hervorragenden Talmudisten lockte eine Schaar wißbegieriger Jünger herbei, obwohl eine solche Schule reine Privatallgelegenheit war, und die Behörden von ihr gar keine Notiz nahmen. Durch die Mildlhatigkeit der wohlhabenden Gemeindemitglieder wurden die meist blutarmen Schüler unterhalten, und wenn einer der Jünger sich durch Gelehrsamkeit besonders auszeichnete, gab ein reicher Kaufmann ihm seine Tochter zur Frau, denn es galt als ein Gott wohlgefälliges Werk, in der Familie einen großen Schriftgelehrten zu besitzen. Zu den Schülern eines der größten Talmudgelehrten gehörte auch meiu Bater, der, im Jahre 1801 geboren, inl Killdesalter seiile früher lvohlhabeild gelveseuen, in den Napoleonischen Kriegen aber verarmten Eltern verloren hatte und null als Waisenknabe ganz auf die Unterstützung frommer Glaubensgenossen angewiesen war. Von einer Talmudschule zog er zur anderen, wie ein Student jetzt auch verschiedene Universitäten besucht, und im Alter von 20» Jahren erhielt er von dem berühmtesten Talmudisten der Neuzeit, dem Rabbi Akiba Eger, das Diplom, das ihm die Fähigkeit zusprach, ein Rabbinat zu verwalten. Meine Großmutter, die Wittwe eines Rabbiners hatte von dem hervorragenden Wissen des jungen Mannes Kenntniß erlangt, und schnell reifte in ihr >der Gedanke, ihre älteste Tochter mit diesem Gelehrten zu vermählen. Freilich war die materielle Unterlage, ans welcher sich das neue Hans aufbauen sollte, eine sehr dürftige. Aber die frommen Juden besaßen in Bezug auf Schließung von Ehen einen leichten Sinn, der über viele Schwierigkeiten hinweghalf. Die junge Frau wurde auf kurze Zeit nach Berlin geschickt, nur dort feinere Putzarbeiten zu erlernen. Die Kenntnisse, die sie sich aneignete, verwerthete sie dann in einer kleinen Provinziätstadt, ill welcher sich die jungen Eheleute niedergelassen hatten. Der junge Gelehrte reiste mit seiner hübschen blonden Frau auf die Jahrmärkte, um die zu Hause angefertigten Hauben, Hüte und Mützchen an den Mann oder vielmehr an die Frau zu bringen. Aber der Talmudist war gar kein Geschäftsmann; er beeilte sich, die Waare unter dem Preise losznschlagen, um nur schnell zu seinem geliebten Talmudstudium znrückkehren zu können. Worin liegt nun der Zauber dieser Wissenschaft, von dem die besten Geister der Juden Jahrhunderte lang umstrickt wurden? Es ist eine Mischung des reinen Gottesglaubens mit reiner Wissenschaft. Die Auslegung der heiligen Schrift, welche schon zur Zeit der politischen Selbstständigkeit der Juden erst irr mündlicher Überlieferung, dann in schriftlicher Fixirung als Mischna und Gemara die Grundlage des Talmuds bildete, wurde im Mittelalter von hochbegabten Männern, wie Maimonides und Raschi, weiter ausgebant. Die Unterdrückung unter welcher die Juden in allen Staaten Europas seufzten, die schmachvolle Behandlung, welcher sie preisgegeben waren führte dazu, daß die Besseren unter ihnen in der Beschäftigung mit den talmndischen Wissenschaften, die viele Anknüpfung^ punkte mit der griechischen und arabischen Litteralur bieten Trost und Erhebung suchten und fanden. Man kann ohne Uebertreibuug behaupten, daß die Gesanuntheit der Juden im Elend vollständig untergegangen wäre, wenn ihre Führer nicht die tatmudische Wissenschaft, die ihnen überkommen war, durch rastlose Arbeit erweitert und vertieft hätten. Sie bot ihnen eine Quelle reinsten geistigen Genusses, von dem ihre Unterdrücker keine Vorstellung hatten, und den sie ihnen auch nicht raubeil konnten. Wenn die Grundlage, auf welcher die ganze Wissenschaf des Talmuds sich aufbaut, immer das alte Testament war nul blieb, so waren es doch nicht blos Glaubenslehren, welch kommentirt wurden; alle Fragen der Medizin, der Hygiene des bürgerlichen Rechts und der Mathematik werden im Talmud in breitester Weise behandelt, die schwierigsten und komplizirtesten Rechtsfragen werden diskutirt und erledigt. Außerdem umgied ein reicher Schatz von Parabeln und Legenden als reizende Ara besken die sonst trockenen Kommentare; auch witzige Ec zählungen sind hineingeflochten; sie dienten dem von den; strengen Studium Ermatteten zur Erholung und Erfrischung So soll die Erzählung voll den drei Ringell, welche Lessing dem Dekamerone des Boccaccio entnommen, aus derselben alten Quelle stammen. Um die große Anziehungskraft des Talmuds zu begreifen, muß man noch bedenken, daß du Fülle seiner Erklärer Jedem Gelegenheit bietet, zu den einzelnen Fragen mit Hinblick auf die Urtheile der Vorgänger Stellung

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