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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-02 · Heft 18 (2.5.1902) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 18 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
Seite 213 (sequence 11)
Language
German
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213 aus Galizien, in Vorschlag gebracht; die Mitgift sei genügend, sie junge Dame gefalle ihm, eS liege ihm also daran, daß die Zache zu Stande komme. Nun verlange aber der Vater der Braut von ihm die Aufgabe von Referenzen, und da er hier noch fremd sei, so habe er sich die Nothlüge gestaltet zu sagen, das; ich ear langjähriger Bekannter von ihm sei. Er theile mir darum alles Nothwendige mit und bitte mich, ihn kräftig zu empfehlen. Er werde sich dieser Freundlichkeit gewiß immer würdig erweisen. Ich war begreiflicherweise erstaunt, denn wohl ist ja ein Mann der Oeffentlichkeit gewohnt, mit seltsamen Wünschen heimgesucht zu werden, aber ein so kurioses Ersuchen war doch noch nie an mich gerichtet worden. Natürlich wollte ich den Herrn sofort bitten, freundlich von mir absehen zu wollen, aber -r hatte — vermuthlich weil er diese Bitte voraussah — seine Adresse nicht beigefügt. Kuh, im Berliner Adreßbuch standen >ünf Herren des gleichen, allerdings sehr häufigen Namens. Lin Cirkular an sie konnte ich in dieser Angelegenheit nicht gut oerschicken. Und so hatte ich, falls die Sache an mich herantrat, nur die Wahl, entweder, wie er vermuthlich angenommen hatte, ans Eutmüthigkeit oder Bequemlichkeit seinen Wunsch;n erfüllen, oder ihn aus Gewissenhaftigkeit abzulehnen. Schon am Tage nach Empfang dieses Briefes kam der Baker der Braut zu mir. Ein dicker Mann in den Vierzigern, oer allerdings deutsche Kleidung trug, aber offenbar noch nicht 'äuge. Auch sein Hochdeutsch klang so östlich, daß es ohne großen Abstand nach den ersten Sätzen in den Jargon hinüberglitt. Dies alles wunderte mich nicht, wohl aber, daß er in meinem Zimmer — seinen Hut auf dem Kopfe behielt. Ich warf einen längeren Blick auf diesen, übrigens nicht ganz tadellos gebürsteten Hut, das bemerkte er nicht. Da bat ich chn, sich zu sehen und fügte bei: „Aber bitte, legen Sie de» Hut ab, er geniert Sie gewiß!" „Warum sollte mich der Hut genieren?" sagte er und rahm Platz. „Sind Sie vielleicht fromm," fragte ich, „und bleiben nicht >,ern unbedeckten Hauptes?" „Stuß!" sagte er ebenso deutlich wie höflich. „Wir leben a gar nicht mehr ganz streng koscher, seit wir hier sind. lber vielleicht nimmt man in Berlin den Hut im Zimmer ab?" „Zumeist thut man das!" sägte ich. „Auch unter Juden? " „Ja!" „Nu - meinetwegen." Er nahm den Hut ab und setzte ihn auf meinen Schreibsch, dicht vor meine Nase hin. «Ich Hab' hier noch keine Besuche bei Leuten gemacht, die as verlangen. . . . Also, was ist dieser L. für ein Mensch?" Ich wüßte es nicht, erwiederte ich, und fügte, um den lugen Manu nicht bloßzustellen, bei, vermuthlich habe er mich nt einem Namensvetter verwechselt. „Und dazu komm' ich her — bei der Hitz!" sagte er unillig und wischte sich die Stirn mit der Hand. Er war ein icker Mann, sagte ich schon, und es war ein glühheißer mlitag, die Hand wurde sehr naß.... Er besah sie und wischte sie dann gleichmüthig an dem Plüsch des Sophas ab, eben dem er saß. „Herr A.," sagte ich, „in Berlin Pflegt man in derlei allen ein Taschentuch zu benützen!" „Taschentuch?! . . . Sie meinen n Schnupftüchel?!" „Ja, das meine ich." „Nu, wenn Sie Schnupftüchel meinen, warum sagen Sie Taschentuch?! . . . Uebrigens Hab' ich kein Schnupftüchel bei mir . . . Also über diesen L. wissen Sie nix?!" „Nicht das Geringste!" „Nu .. . weil ich schon hier bin .. . ich wohn' doch in der GhPsstraße. ein weiter Weg. . . können Sie mich vielleicht an Bleichröder empfehlen?" „Ich kenne leider Herrn von Bleichröder so wenig, daß ich das nicht wagen dürfte." „Stuß!" sagte er. „Kennen Sie denn mich?! Aber er ist ein Jud', ich bin ein Jnd', Sie sind ein Jud', — warum können Sie mich nicht an Bleichröder empfehlen?" Ich suchte es ihm klar zu machen. Aber während er mir ungeduldig genug zuhörte, wurde sehr deutlich offenbar, daß er leider kein „Schnupftüchel" bei sich hatte; er sog die Luft sehr hörbar durch die Nase ein und spie dann gemächlich auf den Teppich neben sich hin. Ich eilte in die Ecke meines Zimmers und holte einen aus-! klappbaren Spucknaps herbei; den stellte ich neben ihn hin.! „Was ist das?" fragte er erstaunt, j Ich erklärte es ihm.! „So was hat man in Berlin?!"! „Ja..."! „Auch bei Juden?"! „Ja. . ." Er erhob sich. „Lieber Herr F.", sagte er, „ich muß Ihnen was sagen, lieber den L. wissen Sie nix, an Bleichröder wollen Sie mich nicht empfehle», das ist schon nicht schön. Aber etwas anderes gefällt mir noch weniger. Ich Hab' immer gehört. Sie sind ein guter Jud. Vielleicht waren Sie das früher. Aber jetzt —! den Hut abnehmen, die Hand nicht abwischeu und ä eigene Maschin' fürs Spucken, lieber Herr F., Sie entschuldigen schon! — aber jetzt sind Sie ein Goj!" Sprach's und ging. * * . .. Ich habe früher erzählt, welche Wunder ich durch einige j Worte im polnisch-jüdischen Jargon in der Krakauer Portierloge bewirkte. Aber das war wohl dem Umstand zu danken, daß es eben nur einige Worte waren. Ich verstehe den! Jargon durchaus und kann mich darin verständigen, aber ich beherrsche ihn nicht. Es geht mir damit so wie mit den anderen Sprachen des Ostens, nur das Polnische und Kleinrussische abgerechnet, weil ich diese als Kind erlernt habe: ich habe mir diese Sprachen wie den Jargon in reiferen Jahre», als Erwachsener, so weit zu eigen gemacht, als ich für meine litterarischen Arbeiten nöthig hatte. Dies erklärt sich aus den Verhältnissen, unter denen ich aufwuchs, wie aus meinem Bildungsgänge. In meinem Elternhause sprachen wir Kinder mit Vater und Mutter hochdeutsch, mit den Dienstleuten lleinrussisch, mit den Gespielen, durchweg Christen, Polnisch; mit jüdischen Kindern hatten wir — unsere Familie war die einzige gebildete jüdische Familie des Ortes — überhaupt keinen Verkehr, Da ich nun zudem von meinem sechsten bis zu meinen; elften Jahre eine Klosterschule besuchte, dann in eine Stadt kam, die damals ganz deutsch war — heute ist das freilich anders — so erlernte ich den Jargon erst in den Ferien während meiner Stndentenjahre, als ich bereits begonnen hatte, jüdisches Volksleben zu schildern.

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