Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- Seite 212 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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212 großen Dichtern nachgewiesen, daß und woher sie die Stoffe ihrer Meisterwerke entlehnt haben, aber Shakespeares Hamlet ist darum nicht weniger eine der tiefsinnigsten Dichtungen der Weltlitteratur, weil er den Stoff dazu einer dänischen Chronik in französisch-englischer Bearbeitung entnommen hat; Lessings Nathan der Weise bleibt immer das Zeugniß eines der freiesten und edelsten Geister, auch nachdem wir wissen, daß die Fabel von den drei Ringen schon im Decamerone des Boccaccio steht, und Goethes Faust ist Goethes Faust, auch wenn er auf ein simples altes Volksbuch zurückgeht. Es ist eine unreife Betrachtungsweise, die Größe eines Werkes nach der Neuheit des Stoffes zu beurtheilen. Der rohe Marmorblock und das Meisterwerk des Bildhauers sind derselbe Stoff, aber das eben ist der Meister, der aus dem gestaltlosen Block das Kunstwerk geschaffen. Und so verhalten sich die babylonische und die biblische Schöpfungsgeschichte. Die Erfindung will wenig besagen, selbst wenn wir sie den Babyloniern zugestehen. Auch die rohesten Völker haben Schöpfungsinythen erdacht. Aber was hat der israelitische Denker aus der ursemitisch-babylonischen Legende gemacht! Dort, welch Getöse, welch wüste Barbarei, welch krasse Rohheit des Empfindens und welche Niedrigkeit des religiösen Denkens — die zitternden, tobenden Götter, die scheußliche Meute der Tiamat, ihr geschwollener, platzender Leib, der mit grimmiger Lust in ihren Eingeweiden wühlende Marduk und zuletzt der aus Erde und Götterblut geknetete Mensch! Und hier — welch feierliche Ruhe, welch edle, maßvolle Empfindung, welche Ordnung und Harmonie, welche unvergleichlich erhabene Welt-und Gvttesanschauung! Verschwunden ist der ganze höllische Spuk, der Geist des einen Schöpfergottes schwebt über den Wassern, „und Gott sprach: Es werde Licht, und es war Licht!" Und nun steigt im Morgenroth der ersten Weltentage in immer vollendeteren Gebilden auf das Schöpfungswort „es werde!" die Welt ans Licht. Verdient die babylonische Schöpfnngslegende mit diesem großartigen Gemälde, dessen unerschöpflichen Reichthnm an sittlichen Gedanken ich noch nicht einmal berührt habe, auch nur verglichen zu werden? Ist sie wirklich so viel Aufsehens werth? Wenn der neueste Erklärer der Genesis — Gunkel — den babylonischen Mythos ein Gedicht von großer Schönheit, von hinreißender Gewalt und voll von faszinirenden Farben nennt, so fordere ich den unbefangenen Leser auf, selber zu urtheilen. Je mehr aber der gräuliche babylonische Spuk verherrlicht wird, um so mehr sucht man die Großartigkeit der biblischen Erzählung zu verkleinern. Man will sie monoton, trocken, lehrhaft finden. Den Ton hat wie gewöhnlich Wellhausen angegeben, der es meisterlich versteht, abschätzige Urtheile über die Bibel mit schärfster Prägnanz zu formuliren. Er giebt zwar großinüthig zu, der Anfang sei unvergleichlich. „Nimmt man aber das Chaos als gegeben, so ist von hier aus das Ganze entsponnen. Alles folgende ist Reflexion, systematische Konstruktion, der man mit leichter Mühe nachrechnen kann." Kurz, er hätte es selbst machen können! ruft der treffliche James Robertson (Die alte Religion Israels. Deutsch von C. v. Orelli. 1896. S. 351) dazu aus. Das ästhetische Urtheil! der Bibelkritik widerlegt sich übrigens, selbst wenn, wie längst unwiderleglich nachgewiesen ist, in Kapitel 2 nicht ein zweiter Schöpfungsbericht, der der Kritik besser gefällt, vorliegt, sondern Kapitel 1 und 2 eine untrennbare Einheit, niedergeschrieben von einem Verfasser, bilden. Bedauerlicher Weise bekennt sich j auch Delitzsch zu der grundverkehrten Theorie Astrucs von verschiedenen Quellenschriften in der Genesis, einer Hypothese, die auf einer totalen Verkennung des Werkes beruht. Völlig gerecht kann man der biblischen Schöpfungsgeschichte erst werden, wenn man ihrer Absicht nachgeht. Der Verfasser hat diese Geschichte nicht an den Anfang gestellt, um uns wissenschaftlich, d. h. für jene Zeit mythologisch, die Entstehung der Welt zu erklären, sondern um das mosaische Gesetz und die israelitische Moral zu begründen. Denn diese bestehen schließlich in der Achtung der Natur- und Gesellschaftsordnungen, insofern sie von Gott geordnet sind. Z. B. das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst" ist ohne die Schöpfungsgeschichte gar nicht zu verstehen. Den israelitischen Gott ehren heißt seine Geschöpfe, achten. Darum wird am Anfang gelehrt, daß sie seine Geschöpfe sind. Jedes Wesen hat seine von Gott ihm zugetheilte Stellung und Würde. Alle Entstehung und Artung und Gepaartheit ist zu belassen, wie sie ist. Sie ist von ihrem Schöpfer, von Gott, und was von Gott ist, soll so bleiben wie es ist. denn so ist es gut, d. h. natürlich, sich selbst entsprechend, lebensfähig und heilsam „Und Gott sah alles, was er geschaffen, und siehe, es war sehr gut." Fügen wir hinzu, daß die biblische Schöpfungsgeschichte richtig verstanden, auch vor aller Naturwissenschaft unangreifbare Wahrheit bleibt. Ein Denker wie Hermann Lotze (Mikrokosmos HI, 6) der mit allem Nachdruck die absolute Gesetzmäßigkeit alles Geschehens und Entstehens vertritt, steht nicht all zu erklären, daß eine solche Auffassung schließlich bei derselben Endvorstellung anlangen muß, ivie der Glaube an eine göttliche Schöpfung und sich dieselbe nicht wesentlich anders denken kann, als sie von der Bibel vorgestellt wird. Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. IV. Wandere Erfahrungen ähnlicherArt möchte ich nicht erzählen sie könnten mißdeutet werden, könnten namentlich gegen 6^ die Anschauung wirken, die mich erfüllt, und die icl Anderen einflößen möchte, soweit mir die Kraft reicht: das Pflicht gefühl gegen die kulturell tiefer stehenden Glaubensgenossen und das Gefühl der Solidarität mit ihnen, die zwar nicht eines Volkesind wie wir — wir sind Deutsche, und sie sind National-Juden oder die Gebildetsten, Russen — aber einer Rasse und eine-: Glaubens. Zwei Kleinigkeiten aber will ich erzählen, denn sn sind harmlos und illustriren den Stolz des östlichen Juden auf seine Manieren und seinen Jargon in ergötzlicher Weise. Ich wenigstens muß immer herzlich lachen, wenn ich mich dieser Erlebnisse erinnere. Kurz nachdem ich vor nun fünfzehn Jahren nach Berlin übersiedelt war, erhielt ich von einem mir Persönlich wie den« Namen nach unbekannten, hier ansässigen jungen jüdischen Kaufmann ans Rumänien ein längeres Schreiben: ein Heiraths» Vermittler habe ihm ein Fräulein A., die Tochter eines gleich' falls vor Kurzem hier ansässig gewordenen jüdischen Agenten