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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-02 · Heft 18 (2.5.1902) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 18 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
Seite 211 (sequence 9)
Language
German
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211 und mit äußerster Erbitterung. Daher hat jetzt die Majorität vor der Minorität die Waffen gestreckt und überläßt dieser allein das Feld. Denn aus den Ergünzungswahlen geht diesmal, wie mit Sicherheit voranszusehen ist, eine Mehrheit für die Gegner des seitherigen Vorstandes hervor, zumal diesen neuer Agitationsstoff durch vermeintliche Zurücksetzung vieler ihnen seither Fernstehenden bei Begründung eines neuen Vereins zugeführt ist. ^mili. Vas Indenthum und die Ergebnisse der Affyrisisgie. Von Nabbmer Dr. B. I a c o b - Göttingen. ' III. ber alles bisher Genannte wird an Wichtigkeit übertroffen durch die religionsgeschichtlichen Parallelen. Sie haben (5^ mit Recht das größte Aufsehen erregt, weil es schien, als ob dadurch grundlegende religiöse Vorstellungen der Bibel, die die Welt bisher Israel zu schulden meinte, von den Babyloniern entlehnt seien. Was man auch immer von Israel sagen mochte, ein Verdienst hatte man ihm nicht rauben können: daß es der Welt ihren Gott gegeben hat. Aber auch dieses Verdienstes scheinen wir nunmehr verlustig zu gehen. Es 'sandelt sich hierbei besonders nur folgende Punkte: um die biblische Schöpfungs- und Urgeschichte, die zehn Gebote und den israelitischen Monotheismus. Vor dreißig Jahren wurden durch den Engländer George Smith eine Anzahl keilinschristlicher Berichte mythologischen Inhalts bekannt, deren: Aehnlichkeit mit dem Anfang der Bibel w augenfällig war, daß er sein Werk geradezu „Chaldäische Genesis" nannte. Die Texte sind seitdem durch neue Funde ergänzt und in verbesserten und nunmehr wohl gesicherten Uebersetzungen öfter herausgegeben worden. Ganz unbekannt war ihr Inhalt zwar auch früher nicht gewesen. Man besaß Auszüge aus einem Werke des im dritten vorchristlichen Jahrhundert lebenden und griechisch schreibenden chaldäischen Historikers Berossus, hielt aber seine Mittheilungen wer die Schöpfungslegende und den Sintfluthbericht der chaldäer, die er aus den vaterländischen Schriften geschöpft saben wollte, für unglaubwürdig oder von der Bibel abhängig, ^etzt hat sich nun herausgestellt, daß er in der That aus echter babylonischer Ueberlieferuug geschöpft hat. Betrachten wir nun zuerst die babylonische Schöpfungsgeschichte, von der am meisten Aufhebens gemacht wird. Ihr ftchalt ist nach den erhaltenen Resten folgender: Im Anfang, als s weder Himmel noch Erde noch Götter gab, war nur der Ozean und das Chaos der Urfluth. Aus ihr scheinen zuerst ie Götter entstanden zu sein. (Hier folgt eine Lücke.) Das wehste Stück erzählt uns die Rüstung der Tiamat des chaotischen Urwassers, gegen die Götter. Sie bewaffnet ihren luhang und die Götter, die zu ihr halten. Als Helfer hat sie lf Ungeheuer zur Seite, meist gräuliche Mischgestalten, gifteschwollene Schlangen, einen tollen Hund und dergleichen, tingu, ihren Gemahl, macht sie zum Führer. Die oberen Götter Anu und Ea wagen nicht den Kampf mit der furchtbaren Tiamat aufzunehmen, bis sich Marduk dazu erbietet, die riamat zu packen. Er bewaffnet sich mit den: Blitz und giebt an vier Winden ein Reh zu halten, womit sie Tiamat uiuchließen sollen, damit sie nicht entkomme. Darauf besteigt erden Streitwagen, und nach herausfordernden Reden Marduks und wüthendem Grollen und Schnauben der Tiamat, beginnt der Kampf. Als Marduk den Sturmwind gegen Tiamat losläßt, nachdem er sie mit dem Netz umschlossen hat. öffnet sie weit ihren Rachen, der böse Wind fährt in sie hinein, und in diesem Moment zerreißt Marduk ihren geschwollenen Leib, zerschneidet ihr Inneres, zerfetzt ihre Eingeweide und stellt sich als Sieger auf ihren Leichnam. Nachdem er auch ihre Helfer zerstreut und verjagt hat, theilt er den Leichnam der Tiamat in zwei Hälften, aus der einen bildet er den Himmel, aus der anderen die Erde. Darauf werden die Sternbilder und der Mond an den Himmel gesetzt und die Erde mit Thieren bevölkert. Der Mensch ist, wie Berossus weiter erzählt, aus Erde gebildet, die mit dem herabfließenden Blute eines geköpften Gottes vermischt worden ist. Unleugbar zeigt dieser Mythos gewisse Berührungspunkte mit der Schöpfungsgeschichte der Genesis, aber die Aehnlichkeit ist auch außerordentlich übertrieben worden. Genau genommen beschränkt sie sich im ersten Theil auf die gemeinsame Annahme eines wässerigen Chaos, obzwar die völlige Gleichsetzung des hebräischen Tehom mit der babylonischen Tiamat mir noch durchaus nicht über aller: Zweifel erhaben ist. Näher ist die Verwandtschaft in der Schöpfung und Reihenfolge der Himmelskörper und der Thiere. Wie verhält sich nur: die Schöpfungsgeschichte der Bibel zu der der Babylonier? Sind sie von einander abhängig und in welcher Weise? Die Bibelkritik nimmt ohne weiteres an, die biblische Schöpfungslegende sei von den Israeliten der: Babylonier:: entlehnt und eine Bearbeitung in monotheistischem Geiste. Der Hauptgrund ist der, daß die klimatischen Verhälthältniffe, auf denen die Erzählung zu beruhen scheint, nicht in Kanaan, sondern nur ir: Babylonien vorhanden sind. Der Mythos von der Schöpfung aus dem wässerigen Chaos soll nämlich nichts anderes sein als die Verjüngung der Erde in: Frühling nach den: finsteren, wasserreichen Regenwinter. Ich will bei den Schwächer: dieser Beweisführung nicht verweilen, nicht darauf Hinweisen, daß Babylonien ja auch die Urheimath der Israeliten war, nicht darnach fragen, ob nicht die Babylonier den Stoff entlehnt und ihn in polytheistischem Geiste bearbeitet haben können? Denn so viel scheint mir zweifellos, daß der biblische Verfasser die babylonische Legende oder eine ähnliche gekannt hat. Es lasser: sich nämlich deutlich Spuren einer stillschweigenden Opposition nachweiser:, wie sie die Bibel oft gegen das Heidenthun: übt, und z. B. die ganze Opfer- und Reinheitsgesetzgebung eine antiheidnische Tendenz hat. Wogegen wir Einspruch erheben müssen, das ist die irreführende Tendenz der Fragestellung. Ueber die Priorität und der: Reichthum der Erfindung zu streiten, hätte einen Sinn wenn es dem biblischen Erzähler darauf angekommen wäre, sich mit dem babylonischer: ir: einen Wettkampf phantasiereicher Erfindung einzulassen. Aber wie allen großer: Dichtern: aller Zeiten karr: es ihn: nicht auf den Stoff, sondern auf die Bearbeitung an. Ir: dem, rvas er aus dem roher: Stoffe gemacht hat, liegt seine Größe. Die großen griechischen Tragiker- Haben niemals einen Stoff völlig frei erfunden; es waren die allbekannten Gestalten der vaterländischen Sage und Geschichte, die sie den Zuschauern vorführten, und in sie, nicht in freie Erfindungen ihrer Phantasie, legte:: sie den Reichthurn ihrer Gedanken und die vollendete Kunst ihres gestaltenden Geistes. Die Quellenforschung der Literaturgeschichte hat nahezu aller:

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