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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-05-02 · Heft 18 (2.5.1902) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 18 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
Seite 210 (sequence 8)
Language
German
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anders werden. Eine neue soziale Schicht war entstanden, deren Interesse ein anderes war. Ihrer durch die wachsende Zahl und Steuerkraft immer größer werdenden Bedeutung entsprechend, verlangten sienatürlich auch EinflußaufdieVerwaltung der Geschäfte, Antheil an der Macht. Das war ein ganz natürlicher Vorgang, der sich in allen Gemeinwesen ebenso wiederholt, von der römischen Republik und den mittelalterliche,» deutschen Städterepubliken bis auf unsere Tage. Die Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern in Rom, zwischen Geschlechtern und Zünften in den deutschen Städten wiederholen sich von unseren Augen noch täglich, nur in anderen Formen. In Darmstadt kam man von Seiten der herrschenden Kreise dem Verlangen der neuen Schicht nach Antheil an der Macht dadurch entgegen, daß man nach dem Muster der für die städtische Vertretung geltenden Wahlordnung eine solche für die jüdische Gemeinde schuf mit allgemeinem direkten Wahlrecht, von dem man später aber die Reichsausländer wieder ausschloß. Aus der Oligarchie wurde eine Demokratie. Die ersten allgemeinen Wahle» fanden unter geringer Betheiligung statt, so daß die Verwaltung in der alten Weise zusammengesetzt blieb. Das änderte sich erst, als in den achtziger Jahren durch das zunehmende Alter und die längere Zeit andauernde Krankheit des damals amtirenden Rabbiners die Frage nach einem Ersah desselbenakut wurde. Aus gut gemeinten, rein menschlichen, aber durchaus unpolitischen Erwägungen heraus beging der damalige Vorstand bei der Lösung dieser Frage einen schweren Fehler, unter dessen Folgen der Gemeindefrieden seit mehr als einem Jahrzehnt leidet, durch den die Gemeinde in zwei große, sich in der unangenehmsten Weise bekämpfende Parteien gespalten wurde und immer von neuem erregt wird. Man wollte dem schwer kranken Rabbiner, der sich der allgemeinen Sympathien erfreute, bei Lebzeiten keinen Nachfolger geben, bedurfte aberdoch eines geistlichen Führers. Da verfiel man auf folgenden Ausweg. Man berief einen sehr gelehrten Theologen, der sich bereits als Schuldirektor im Auslande bewährt hatte, als Direktor der Religionsschule, stellte ihn sofort auf Lebenszeit an, besetzte dagegen die Rabbinerstelle nicht, sondern übertrug de», genannten Herrn einstweilen die Verwaltung derselben im Nebenamt, mit der bestimmten Absicht, ihn später als Landrabbiner definitiv zu bestellen. Allein auch nach dem alsbald erfolgten Tode Dr. Landsbergers geschah dies noch nicht, und als mau dann endlich die von vornherein gehegte Absicht zur Ausführung bringen wollte, hatten sich die früher günstigen Umstände geändert, und Kümpfe schwer ster Art begannen. Es entstand allmülig eine an sich völlig unberechtigte Mißstimmung, die zwar zunächst nur latent vorhanden war, bei der ersten Gelegenheit aber auch öffentlich hervortreten sollte und ungeahnte Ausdehnung gewann. Bei Gelegenheit eines Todesfalles in der Gemeinde wurde ein Minjanverein gegründet, weil in der Hauptsynagoge an den Werktagen nur Montags und Donnerstags und an den Neumonden Gottesdienst stattfindet, der Trauernde aber wünschte, täglich Morgens und Abends das Kaddisch in der Synagoge verrichten zu können. Der Rabbiner war zun, Beitritt eingeladen worden, hatte sich aber gegen die Gründung eines solchen Vereins ausgesprochen, und nun wurde eben dieser Minjanverein der Mittelpunkt der gehässigsten und ungerechtesten Angriffe gegen die Gemeindeverwaltung und den Rabbiner. In (dem Gründer und Vorsitzenden des Vereins IO - hatte jene soziale Schicht, deren Streben nach Antheil an de Verwaltung der Gemeinde und Einflußnahme auf die Entwickelung derselben an sich um so mehr ein berechtigtes war. als es innerhalb der Gemeinde noch manches zu bessern gab. und manche Einrichtungen überhaupt erst zu schaffen waren, nunmehr einen Führer gefunden, der an Rücksichtslosigkeit in der Verfolgung seines Zieles nichts zu wünschen übrig lies, der mit vielfach ganz haltlosen Angriffen auf die Mitglieder des Vorstandes und des Rabbiners das Aeußerste leistete, mit der größten Energie und einer Arbeitsfreudigkei die einer besseren Sache würdig wäre, bei den Behörden vm- . stellig wurde, um Maßnahmen des Vorstandes zu vereiteln und den Rabbiner aus seiner Stellung zu verdränge. Er sand alsbald einen großen Anhang, der blindling alles billigte, was Jener vorschlug, der, ohne zu Prüfer die unglaublichsten Aeußerungen über die angesehenste!! Männer in der Gemeinde nachbetete, namentlich aber alle An griffe gegen den Rabbiner, alle Vorwürfe, die gegen ihn e, hoben wurden, und der sich auch dadurch nicht belehren lies daß die Anklagen stets als falsch erwiesen wurden. In seinem Kampfe erstand dem genannten Herrn ein Helfer aus de» bislang „herrschenden" Klassen, dessen Opposition einen merk würdigen Beweggrund hat. Durch die in letzter Zeit geführten Landtagsdebatten ist ja allgemein bekannt geworden, daß i> Hessen ein Jude ans Anstellung im Jnstizdienste bis jetzt „ich! rechnen konnte, wenigstens nicht als Richter (denn der Land gerichtssekretär Justizrath Dr. Max Meyer in Darmstadt m z. Z. der einzige staatlich allgestellte Jurist jüdischen Glauben: in Hessen). Ein junger Jurist, der aus diesem Grunde „ich! Amtsrichter werden konnte, sondern Rechtsanwalt werden mußte, trat daher in scharfe Opposition gegen die Regier,«,,, und übertrug dieselbe auch aus den Vorstand der jüdischen Gemeinde. Diese», gehörte damals ein ordentlicher Professe der hiesigen technischen Hochschule an. Geh. Banrath Landsbe,, Als es sich „in dessen Wiederwahl handelte, variirte in eine Wählerversammlung jener Jurist die Worte der Opposition im preußischen Landtag während der Konsliktszeit, indem er aus führte: „Von dieser Negierung keinen Mann; wer von de augestellt ist, taugt nicht zum Vorstandsmitglied." Seitdem blieb er Wortführer dieser Gruppe. Bei der nächsten Wal wurde dann der Vorsitzende des Minjanvereins in den Vo, stand gewühlt und setzte seine meist persönliche, selten säet liehe Kampfesweise fort, namentlich als es sich schließlü darum handelte, die Rabbinerstelle definitiv zu besetzen. Vo der ml I,oe niedergesetzten Wahlkommission wurde mit groß, Majorität der seitherige Verweser gewählt, allerdings zunäeb: nur auf drei Jahre, wogegen er auf seine Anstellung am Lebenszeit als Direktor verzichten mußte. Nun begannen d Kämpfe erst von neuem, denn jetzt ging das Streben d- Opposition dahin, es zu verhindern, daß der Vertrag „am Ablauf der drei Jahre erneuert werde. Jede Sitzung de Vorstandes fast wurde zu einer stürmischen, in der nimm neue persönliche Gehässigkeitengegen den Rabbiner vorgebraei» wurden, auf Grund ganz vager Verdächtigungen, besonde, als die Opposition durch Zuwahl zweier neuer Mitglieder vm stärkt wurde. Da eine sachliche Weiterführung der Geschäft infolge dieser Vorgänge nicht möglich war, deinissionirte dm Gesammtvorstand vor zwei Jahren. Allein bei den Neu wählen wurde die Opposition wieder gestärkt, und dieselbe» Szenen wie vorher wiederholten sich in vergrößertem Mas»

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