Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- Seite 206 (sequence 4)
- Language
- German
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206 da sic und ihre Vorfahren seit langer Zeit in dem heutigen Rumänien leben und daher auch nicht Nachweisen können, das; irgend ein Vaterland außerhalb Rumäniens, das sie nicht besitzen, gegen dieses Land Reciproeität übt. Der rumänische Minister für Handel und Gewerbe ist in. einer besonders schwierigen Lage. Während er in der Versammlung der Handelskammerdelegirten beschwichtigende Erklärungen giebt und die jüdischen Handwerker beschwört, doch ja „friedlich, ruhig und duldsam zu sein", weigerte er sich in der Kammer auf die Frage eines Abgeordneten, ob die rumänischen Juden auch den Nachweis der Reciprocität werden erbringen müssen, überhaupt zu antworten. Den Vorschlag dieses Abgeordneten jedoch, daß nur die Fremden, die einem anderen Staate angehöreu, den Neciproeitätsnachweis zu erbringen verpflichtet sein sollten, hat derselbe Handelsmiuister schlankweg abgelehnt. Deutlicher kann man die falsche Politik der Negierung nicht charakterisiren, und nun höre man, wie sich unter dem Einfluß dieser Regierungspolitik die wirthschaftlichen Verhältnisse im Lande gestalten. Ein völlig einwandfreies Zeugniß liegt dafür in einem rumänischen Blatte selbst, nämlich im „Bukarester Tageblatt" vor. Da heißt es unter Anderem: „Unser Land befindet sich entschieden an einem Wendepunkte. Verharrt man in der infolge der ungünstigen Verhältnisse inaugnrirten national-protektionistischen Politik, so kann dem Lande ein Schaden zugesügt werden, welcher unermeßlich werden muß. Seit drei vollen Jahren wird in Bukarest nicht mehr gebaut . . . Es ist geradezu phänomenal, wie der Werth der Immobilien speziell in Bukarest gesunken ist. Häuser und Gründe, welche früher gesuchte, vielumworbeue Speknlationsobjekte bildeten, sind heut zu Tage um keinen Preis — es ist dies kein Paradoxon — zu veräußern. Was Wunder, wenn die Barllust verschwunden ist? Ans die oben aufgeworfene Frage, ob eine Besserung für die nächste Zeit zu erwarten ist, läßt sich leider nicht irr optimistischer Weise antworten. Das Land entvölkert sich infolge der schweren Zeiten, und ein Zuwachs von Fremden kann unter den obwaltenden Verhältnissen nicht erwartet werden . . ." Angesichts dieser Schilderung wäre man versucht, das bekannte Wort: „Wen die Götter verderben wollen, schlagen sie mit Blindheit," auf das jetzige rumänische Regierungssystem airzuwenden. Aber auch auf Rußland könnte man dieses Wort anwenden, denn dort sind die Zustände wieder wie vor 20 Jahren an einem kritischen Punkte angelangt. Abermals ringen zwei Weltanschauungen um Macht und Einfluß; die Reaktion und der Fortschritt beginnen wieder eilten erbitterten Kampf, und auf beiden Seiten herrscht die Ueberzeugung, daß die Gegner, wenn sie siegen, das Land zu Grunde richten werden. Die Ernennung des neuert Ministers des Innern weist darauf hin daß iu diesem Augenblick die Reaktion die Oberhand gewonnen hat; auch die Entlassung des Unterrichtsministers General Wannowski, dem die Juden keine Thräne nachweinen werden, ist ein Symptom dafür. Der Rücktritt dieses Ministers soll dadurch veranlaßt worden sein, daß auf Andrängen des Oberprokurators Pobjedouoszew der Schulreform Waunowskis die Genehmigung versagt wurde. Nun liegt die Bahn offen da für die siegreiche Reaktion, und Herr Pobjedonoszew, der schon so sehr klein geworden und sogar von einem „neuert König, der den Josef nicht mehr kennt", zu sprechen wagte, hat wieder das Heft fest iu der Hand. Die Methode der aussichtslosen Unterdrückung jeder freien Regung wird im vollem Umfange fortgesetzt, und als selbstverständliche Ergänzung hierzu häufen sich aller Orten die Tumulte. „Viel Gutes ist für die nächste Zeit ans Rußland schwerlich zu erwarten", so schreibt ein Blatt, das die dortigen Verhältnisse sonst nicht allzu pessimistisch beurtheilt. In der That hat die Gähruug in vielen TheilenRußlands nachgerade einen schlimmen, revolutionären Charakter angenommen. In den Hauptstädten sind es die Studenten und die Arbeiter, mit denen fast die gesummte Intelligenz sympathisirt, irr den einzelnen Gouvernements aber die Bauern, die Revolten veranstalten, und mit denen, was sehr bedenklich ist, hier und da sogar das Militär gemeinsame Sache macht. Das sind die Folgen der russischen Staatsweisheit, die dort seit zwanzig Jahren die Zerstörungstriebe der bäuerlichen Bevölkerung unschädlich zu machen glaubte, indem man sie gegen die Juden hetzte. Nun haben die Leute Gefallen an dein Raub- und Bluthandwerk gefunden und wenden sich gegen die „Herrerr", ja selbst gegen die Gutsbesitzer, gegen den Adel und gegen die Regierung. So wiederholt sich auch in Rußland die Geschichte voll dein Zauberlehrling. Die Geister, die man dort einmal gerufen, wird Ulan so rasch nicht los werden. Die Juden aber, denen man die wichtigsten Menschenrechte versagt, und die gerade in Rußland ein wahrhaft staatserhaltendes Element sein könnten, werden vertrieben oder unterdrückt. Leidenschaft, Ungestüm, Haß und Verfolgungssncht sind an der Tagesordnung. Wie wird das enden? Wer den Gang der Weltgeschichte, die nach bestimmten und festen Gesetzen sich entwickelt, aufmerksam verfolgt, der sieht, daß es in dieser keinen Stillstand giebt, daß wir zwar immerfort Kampf, Konflikt und den Antagonismus der Kräfte finden, daß aber schließlich doch die Kultur und vor allein das Recht zum Siege gelangen müssen. Anders wird es auch in Rußland und Rumänien nicht sein. Wie lange wird es aber noch dauern, bis in diesen Staaten das Recht und die Kultur die Geltung erlangt haben werden, die ihnen gebührt, und die nothwendig sind, um gesicherte und ruhige Verhältnisse herbeizuführen? Are Woche. Berlin, 60. April. <(A8^ie berüchtigten antisemitischen Gutachten über den „Ritualmord", die im vorigen Sommer zur Genüge beleuchtet wurden und die Jedermann längst vergessen glaubte, werden nun noch ein gerichtliches Nachspiel Haber; - und zwar nach.beiden Richtungen hin. Wie die Zeitschrift „In: neuen Reich" (Heft 4, Seite 204) berichtet, hat die Staatsanwaltschaft dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" mitgetheilt, daß sie von Amtswegen gegen Herrn Böckler, der sich, wie bekannt, sertwärts in die Gebüsche geschlagen hat, und gegen einen der Gutachter vorgegangen sei. Wie nun aber zugleich die „Israelitische Wochenschrift" lNr. 17, Seite 265) mittheilt, hat die Staatsanwaltschaft auch gegen der; Redakteur dieses Blattes, Herrn M. A. Klausner, wegen Beleidigung von acht dieser Herren Gutachter -- auf Grund des K 195 des Strafgesetzbuches - Anklage erhoben und findet die Verhandlung schon am 10. Mai vor der 4. Strafkammer des Landgerichts I statt. Es wird sich also hoffentlich da Gelegenheit bieten, die Kompetenz der Herren Dr. Giese, Pfarrer Krösell, Rittergutsbesitzer Dr. Hentschel, Dr. Stiller, Dr. Sevin, Rechtsanwalt Müller,