Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Mr. 18. Allgemeine Berlin, 2. Mai 190.' eitung öes Audentbums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phitippson-Vonri. Verlags-CrpedMon: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition-find an die Adresse. Verlag der! »Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin I S^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. > Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. I Lettariiktl: Rumänien und Rußland. — Die Woche. — Ein Beitrag zu dem Thema von der Mitwirkung des Rabbiners in Kultusangelegenheiten. Bon dem Mitgliede eines Gemeiudevorstandes. — Die Zustände der Juden in Hessen. II. — DaS Judeuthum und die Ergebnisse der Assyriologie. Von Rabbiner Dr. B. Jacob iu Göttingen. III. — Feuilleton: Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. IV. — An der Grenze zweier Weltanschauungen. Aus den Lebenserinuernngen eines Arztes. — Litte rarische Mitteilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin ^andsberg a. W., Aus Westpreußen, Posen, Schneidemühl, Kempen, Breslau, Hannover, Hamburg, Dortmund, Frankfurt a. M., Wiesbaden. Wien. — Von Rah und Fern. — Sprcchsaal. - Geschäftliche Notizen. Rumänien und Rußland. Berlin, 30. April. uinänie» und Rußland sind die beiden Länder der europäischen Knlturwelt. in denen die Lage der Inden seit langer Zeit die schlimmste ist. Aus Rumänien hören wir seit mehr als einem Vierteljahrhundert fast regelmäßig in jedem jungen Jahr von neuen Gesetzen gegen die Juden, die dort als Fremde betrachtet werden, deren Naturalisation aber mit allen Gewaltmitteln verhindert wird, und ebenso bilde» in Rußland die letzten zwanzig Jahre ein» ununterbrochene Kette von Verfolgungen, Bedruckungen und Zurücksetzungen. Man begreift es kaum wie die Juden unter solchen Umständen in Rußland überhaupt noch leben können: zusammengepfercht in den ihnen zugewiesenen engeren Aahon sind sie auch dort noch vielfachen Ausnahmegesetzen unterworfen. Ausgeschlossen zum großen Theil von den Schulen, von dem ganzen öffentlichen Leben, so weit in Rußland von einem solchen die Rede sein kann, sind sie in der Ihat die Parias der Gesellschaft, und man mutz die Zähigkeit nid Energie bewundern, mit der sie sich trotz alledem noch rhalten. Wer einmal die Geschichte der Judenverfolgungen n Rußland während der letzten zwanzig Jahre schreiben wird, er wird eine Tragödie ohne Gleichen in der Völkergeschichte 'arzustellen haben. Wären nun die Juden ebenso rachsüchtig oder schadenfroh, wie sie es nicht sind, so könnten üe augenblicklich eine gewisse Genugthuuug darüber empfinden, oaß diese beiden Länder gegenwärtig in eine sehr schlimme Lage!ierathen sink, obwohl — oder vielleicht auch weil — sie die Juden > on dem öffentlichen Leben vollständig ausgeschlossen haben. Rumänien kommt aus der finanziellen Krisis gar nicht mehr eraus. Es ist ohne jeden Zweifel, wenn ihm nicht die «uropäische Hochfinanz — die rumänischen Antisemiten sagen wohl auch in ruhigeren Zeiten „die goldene Internationale" von Zeit zu Zeit zu Hilfe kommt, unrettbar dem Staatsankerott Versalien. Die Regierung ist, wir gestehen dies gern zu, in einer schwierigen Lage. Ans der einen Seite die Zerrüttung der Staatsfinanzen, ans der anderen Seite die national-protektionistischen Strömungeil und das Drängen der verschiedenen Parteien nach neuen Ausnahmegesetzen gegen die Juden, Um sich nun einen Ausweg aus diesem Dilemma zu verschaffen, greifen die Männer, die dort am Ruder stehen, zu den seltsamsten Mitteln. Es kan» nicht einen Augenblick bezweifelt werden, daß das neue rumänische Handwerkergesetz, wie wir von vornherein so ziemlich als die ersten gesagt haben, wohl von Fremden spricht, die dortigen Israeliten aber trifft. Durch den 8 4 jenes Gesetzes sind plötzlich viele Tausende jüdische Handwerker schutzlos der Willkür rumänischer Verwaltungsbeamten ausgeliesert, und was das sagen will, kann nur der ganz ermessen, der die dortigen Verhältnisse kennt und zugleich auch weiß, daß die meisten Handwerker in Rumänien Juden sind. Das Gesetz wäre trotz aller Bitten und Proteste unzweifelhaft ruhig angenommen worden, wenn nicht die westeuropäische Presse angefangen hätte, sich mit dieser lvmiderbaren rumänischen Fremdengesetzgebung etwas eingehender zu beschäftigen. Gerade das war aber den dortigen Machthabern in diesem Augenblick sehr unangenehm, wo sie sich, um die jämmerliche Finanzwirthschaft einigermaßen wieder flott zu machen, mit einem neuen Anleiheprojekt tragen, das nicht weniger als zweihundert Millionen Mark ausmacht. Es ist nun geradezu Possirlich, welche Mittel angewendet werden, um die nun einmal in Aufregung gekommene öffentliche Meinung in Europa, vor allem in Deutschland, etwas zu beruhigen. Die auswärtigen Gesandtschaften und Generalkonsulate wurden dazu ausersehen, den maßgebenden Blättern Berichtigungen einzusenden, in welchen unverfroren erklärt wurde, daß der 8 4 des Gesetzes keine Anwendung finde aus die in Rumänien ansässigen jüdischen Handwerker, welche keiner fremden Staatsangehörigkeit unterstehen. Auch der rumänische Staatstelegraph ist in beständiger Bewegung, um Dementis in die Welt zu schicken, denen natürlich kein Mensch Glauben schenkt. Ja, man will sogar die Inden zwingen, ein Marlifest zu unterschreiben, daß sie gar nicht an Auswanderung dächten und sich dort sehr wohl fühlten! Es muß aber immer und immer wieder betont werden, daß die Juden in Rumänien als Fremde behandelt werden, daß sie nur auf Grund eines besonderen Gesetzes naturalisirt werden, also nur unter ausdrücklicher Zustimmung des Parlaments, das dieses in neuerer Zeit fast niemals gegeben. Sie sind aber noch schlimmer als Fremde, sie sind einfach vogelfrei, denn sie stehen nicht unter dem Schutz einer fremden Macht